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Aufregung am Lageso Was trieb Dirk V. zum Todespost?

In Berlin schütteln Flüchtlingshelfer den Kopf über Dirk V. Einige sind wütend. Eine Rechtspsychologin sieht Narzissmus als mögliches Motiv für die Todesmeldung. Und was sagen die Asylbewerber?

"Wir haben einen Fehler gemacht, wir geben es offen zu. Wir haben Mist gebaut." Mit diesen Worten trat Diana Henniges von "Moabit Hilft" vor die Medien. Einen Tag zuvor hatte das Helfernetzwerk offensiv die Darstellung des ehemaligen Helfers Dirk V. verbreitet, ein Flüchtling, der tagelang vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) gewartet hatte, sei gestorben. Nachdem sich herausgestellt hat, dass die Geschichte frei erfunden war, stellt sich die Frage nach Konsequenzen.

"Wir haben den Ehrenamtlichen unser Vertrauen geschenkt. Das müssen wir künftig überdenken", sagte Henniges. Gegenüber der "Welt" konkretisierte die zweite "Moabit Hilft"-Sprecherin Christiane Beckmann: "Wir hätten die Geschichte näher prüfen sollen." Ein Rücktritt der beiden Sprecherinnen komme jedoch trotz des Kommunikationsdebakels nicht infrage. "Wir sind uns keiner weiteren Schuld bewusst", sagte Beckmann. "Und wir haben eben keine professionelle Öffentlichkeitsarbeit."

"Wir können kaum jeden Helfer prüfen"

Außerdem betonte sie, dass Dirk V. kein Mitglied im Verein "Moabit Hilft" sei. Eine bessere Prüfung der Ehrenamtlichen sei allerdings schwierig. "Wir können kaum jeden Helfer prüfen, der so wie Dirk V. kommt und sich engagieren will", sagte Beckmann. Wer und wie viele Helfer vor Ort seien, entscheide sich täglich spontan. "Es gibt zwar eine Liste, in die sich Helfer eintragen sollen, aber das funktioniert nicht", sagte Beckmann. "Hier kommen täglich 40 bis 50 Menschen und wollen helfen."

Die Tat von Dirk V. hat den Hunderten Helfern einen Bärendienst erwiesen. Monatelang hatte V. sich für die Flüchtlinge engagiert, die vor dem Lageso gestrandet waren. Hatte sie mit Suppe, Tee und Anoraks versorgt, viele von ihnen nach Hause mitgenommen und sein Sofa angeboten – und gleichzeitig die unmenschlichen Zustände vor dem Lageso angeprangert.

Henniges fürchtet nun um die Glaubwürdigkeit von "Moabit Hilft": "Wenn wir jetzt sagen, hier hungert jemand oder hier friert gerade jemandem der Fuß ab, wird man uns das nicht mehr sofort glauben." Viele Helfer sehen das ähnlich.

Andere übernehmen die Fälle von Dirk V.

In der Berliner Helferszene heißt es jetzt vor allem: Wir machen weiter. "Das ist ein Einzelfall", sagt die Schauspielerin Tanya Neufeldt. "Daneben stehen Heerscharen von loyalen Helfern, die alles geben, um zu helfen. Ich lasse mich davon nicht beeindrucken." Neufeldt hat zusammen mit dem Autor Andreas Tölke die Initiative "Be an Angel" gegründet.

Gemeinsam mit vielen Unterstützern helfen sie den Flüchtlingen, das Lageso möglichst schnell hinter sich zu lassen und im deutschen Alltag anzukommen: mit Wohnungen, Jobs, Tipps, Kontakten, besonders für Familien. "Genau das werden wir weiter tun", sagt Neufeldt. "Ich will mich gar nicht an Spekulationen über Dirks Geisteszustand beteiligen. Alle haben die Nachricht vom Tod des Flüchtlings sofort geglaubt, das ist für mich entlarvend und zeigt den Nerventanz, den alle Helfer hier veranstalten."

"Für uns ändert das nichts", bestätigt Tölke, der mit "Moabit Hilft" zusammenarbeitet und seit Monaten immer wieder Flüchtlinge aufnimmt, Sprachkurse organisiert, Praktika vermittelt. Tölke betreut jetzt eine Familie, um die sich eigentlich Dirk V. hätte kümmern wollen. "Wir werden weiter unsere Arbeit machen und helfen. Besondere Zeiten erfordern besonderen Einsatz." Dennoch ist die Aktion von Dirk V. für Tölke völlig inakzeptabel. "Ich bin stinksauer und kann die Stimmen überhaupt nicht nachvollziehen, die jetzt sagen, der Arme, der war wohl überfordert. Hier diskreditiert ein einzelner Mann eine ganze Bewegung."

Die Falschaussage ist eine Steilvorlage für alle, die die Zustände vor dem Berliner Lageso verteidigen und den hohen Zuzug der Flüchtlinge generell kritisch sehen. "Das ist eine der miesesten und perfidesten Aktionen, die ich jemals erlebt habe", sagte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU). Berliner Behörden hätten "über Stunden mit hohem Aufwand nach einem erfundenen Lageso-Toten" suchen müssen, sagte Henkel. Rechtliche Konsequenzen müssten geprüft werden.

In welcher Absicht setzte Dirk V. die Lüge in die Welt?

Ob Dirk V. nun strafrechtliche Folgen zu erwarten hat, hängt von seinem Motiv ab. "Es ist die Frage, ob man ihm den Willen nachweisen kann, jede Menge Polizisten, Politiker, Helfer, Feuerwehrmänner in die Irre zu führen", sagte Michael Böhl, Vorsitzender des Landesverbandes Deutscher Kriminalbeamter in Berlin, der "Welt". "Was war sein Motiv? Hat er mit Vorsatz gehandelt, war er grob fahrlässig oder hat er die Konsequenzen seiner Tat billigend in Kauf genommen? Darüber schweigt der Mann bislang."

Das hat offensichtlich seinen Grund. V. habe möglicherweise mit einem Anwalt gesprochen und weiß, dass sein Motiv darüber entscheidet, ob er belangt werden kann.

Klar ist aber: V. hat billigend in Kauf genommen, dass er viele Kräfte bindet, die an anderer Stelle dringend gebraucht worden wären. Beamte, Mitarbeiter von Krankenhäusern, Senat und Feuerwehr hatten stundenlang recherchiert, um die Identität des Toten ausfindig zu machen. "Es erweckt den Anschein, dass er die Behörden im Glauben gelassen hat, dass es einen Toten gibt", sagte Böhl. "Damit hat er Kosten verursacht, die ihm in Rechnung gestellt werden könnten."

Psychologen spekulieren über Ursachen

Zunächst gilt es auch, die Frage zu klären, ob Dirk V. zurechnungsfähig war. "Möglicherweise liegt eine Form der Persönlichkeitsstörung vor, von jemandem, der sich zu sehr aufopfert", sagte Rechtspsychologin Anja Kannegiesser der "Welt". "Ob das ein überdauernder Charakterzug ist oder sich situativ so entwickelt hat, lässt sich nicht beurteilen." Dirk V. sei offensichtlich überengagiert gewesen und über das Ziel hinausgeschossen. Möglich seien narzisstische Motive, der Wunsch nach Aufmerksamkeit. "Dass der Helfer seinen Namen veröffentlicht hat, deutet darauf hin, dass er Anerkennung haben möchte für das, was er Großes leistet", sagte Kannegiesser.

Ganz offensichtlich sei Dirk V. überfordert gewesen. Dass er gegenüber der Polizei schließlich zugab, den Tod seines Schützlings frei erfunden zu haben, lasse vermuten, dass er das Vorgehen nicht geplant habe, sondern langsam in die Sache hineingeraten sei. "Sicherlich ist der Helfer momentan psychisch labil", sagte Kannegiesser. "Er hat die Sache mit einem Geständnis aufgelöst, das sieht nicht nach einer gezielten Provokation aus." Auch dass V. den Kontakt abgebrochen habe zu anderen Helfern spreche für eine Überforderung. "Er wollte offensichtlich so sehr für die gute Sache kämpfen, dass ihm die Relation für die Mittel entglitten sind." Ob V. eine psychische Vorerkrankung gehabt habe, sei letztlich nicht auszuschließen.

Caritas fordert Konsequenzen

Aus Sicht der Caritas Berlin muss der Fall Anlass sein, die Organisation der Lageso-Helfer zu verbessern. "Wir bei der Caritas legen großen Wert darauf, dass von unseren Helfern Führungszeugnisse vorliegen", sagt Professor Ulrike Kostka, Diözesandirektorin der Caritas Berlin. "Wir haben dem Lageso mehrmals empfohlen, die Helfer zu akkreditieren, damit man weiß, wer gerade da ist", sagt Kostka weiter. Die Helfer müssten namentlich registriert werden.

Unter den Flüchtlingen, die auch am Donnerstag wieder in langen Schlangen vor dem Lageso warten, hat sich der Vorfall herumgesprochen. "Das hätte mich nicht überrascht", sagt Abdul, der vor vier Monaten aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist. "Ich selbst bin drei Mal krank geworden, als ich hier im Winter täglich zehn Stunden anstand."

Saeid, Flüchtling aus Syrien, hingegen hat dem Gerücht keinen Glauben geschenkt. "Wir haben hier warmes Essen, warme Zelte. Wenn ich krank bin, weiß ich, wo ich zum Arzt gehen kann", sagt er. "Ich denke nicht, dass hier jemand sterben muss."

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