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Besuch in Köln-Kalk Silvester hat "Klein-Marokko" verändert

Köln-Kalk ist die Migrantenhochburg der Rheinmetropole. Nach den Vorfällen zu Silvester kommt es hier häufig zu Razzien. Die Übergriffe hätten das Klima verändert, berichten Bewohner.

Der Marokkaner Mohammed Aljannayi hat kein Verständnis für die Täter, die offenbar aus seiner Heimatregion stammen: "Das ist eine Schande. Sie haben sich wie Tiere verhalten. Das sind Kriminelle. Die haben hier nichts zu suchen." 

Der 47-Jährige mit dem dichten Bart ist vor der Moschee auf der Taunusstraße stehen geblieben und empört sich über die sexuellen Übergriffe am Silvesterabend vor dem Hauptbahnhof. Mehr als 500 Frauen haben Strafanzeigen wegen sexueller Übergriffe erstattet und angegeben, dass es nordafrikanische Männer waren. Nun kämpft Aljannayi gegen ein Negativimage, das es in Deutschland davor so nicht gab.

"Das Schlimmste ist jetzt der Pauschalverdacht. Sogar die, die hier geboren und aufgewachsen sind, müssen sich rechtfertigen und machen sich Sorgen um ihr Ansehen", sagt Aljannayi. Ein deutsches Ehepaar spaziert mit ihrem Hund vorbei. Sie grüßen sich, sprechen kurz miteinander. Aljannayi streichelt das freudig mit dem Schwanz wedelnde Tier.

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Er arbeitet bei der städtischen Müllabfuhr und ist Vorsitzender der etwa 70-köpfigen marokkanischen Gemeinde im Stadtteil Humboldt, der zum größeren Stadtbezirk Kalk gehört. Mehr als die Hälfte der Bewohner in diesem Gebiet sind Migranten. Die Arbeitslosigkeit ist überdurchschnittlich hoch. Kalk gehört zur verrufenen rechtsrheinischen Seite, zur "schäl Sick", wie man auf Kölsch sagt: die scheele, die falsche Seite.

Mohammed Aljannayi ist Vorsitzender der marokkanischen Gemeinde im Stadtteil Humboldt, der zum größeren Stadtbezirk Kalk gehört. Er fürchtet wegen der Straftaten von Kriminellen einen Generalverdacht gegen seine Landsleute. (Foto: Marcus Simaitis)

17.000 Tatverdächtige nach Silvester-Übergriffen

Die Tür der Moschee auf der Taunusstraße ist unverschlossen. Den ganzen Dienstagabend betreten und verlassen Männer den schmucklosen Gebetsraum hinter den abgeklebten Schaufensterscheiben. Sie eilen mit ernsten Mienen vorbei und wollen nicht angesprochen werden.

Vor einer Woche führte die Polizei gleich an zwei Tagen hintereinander Razzien in dieser Gegend durch. Die Beamten betraten am Abend die exotischen Cafés und Lokale in der Kalk-Mülheimer-Straße und dann in der einige Hundert Meter entfernten Taunusstraße. Sie kontrollierten draußen in grellem Flutlicht die anwesenden Personen.

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Die Polizei begründete die Aktionen damit, dass die Lokale auch als "Rückzugsraum" für Kleinkriminelle dienten. Auch bei den Razzien in Düsseldorf war das der Grund. Für Kalk waren das schlechte Schlagzeilen, wieder einmal. Schlagzeilen, die im Kontrast zu dem Image stehen, das etwa das Reisemagazin "Merian" vor wenigen Jahren schuf: "Kalk wird hip – aber auf seine Art und Weise".

Seit den Exzessen der Silvesternacht wird vor allem über nordafrikanische Straftäter gesprochen und geschrieben. Die Polizei Köln hat mittlerweile etwa 17.000 Tatverdächtige aus dem maghrebinischen Raum registriert. In Düsseldorf spricht man neuerdings vom "Maghreb-Viertel" in der Nähe des Hauptbahnhofs, und die Straßen in Kalk nennen einige "Klein-Marokko". Wer abends den Weg durch die Kalk-Mülheimer Straße wählt, muss immer wieder an Gruppen vorbei, die auf den Bürgersteigen stehen, rauchen und Arabisch sprechen. Frauen sieht man keine.

Neuerdings viele "fremde Gesichter" auf der Taunusstraße

Im nördlichen Teil der Taunusstraße ist das anders. Einzelne Kölnerinnen kommen ins kleine "Café Casablanca", begrüßen herzlich Inhaber Kouider Zaghi und seine Frau Christin. Alle duzen sich, es wirkt wie eine große Familie. Am Ende der Straße ist das wie eine winzige Oase mit Pfefferminztee, Kaffee, Pfannkuchen und wenigen Tischen. Spätestens hier beginnt man zu verstehen, dass es keine große nordafrikanische Community gibt, in der sich alle kennen, nur weil sie aus der gleichen Region stammen.

"Ein Generalverdacht ist nicht fair. In jedem Land gibt es Gauner", sagt Inhaber Zaghi. Die Täter aus der Silvesternacht seien "irgendwelche Jugendliche aus Nordafrika, die nach Europa gekommen sind und sich als Flüchtlinge ausgeben. Die sprechen sogar anders als wir", sagt der 50-Jährige. Der Algerier lebt seit 1987 in Köln-Kalk.

Ihm ist aufgefallen, dass es in der letzten Zeit öfter "fremde Gesichter" auf der Taunusstraße gesehen hat. Die seien seit den Razzien aber verschwunden. Zaghi plant mit befreundeten Musikern ein Fest für Nordafrikaner und Deutsche, um den Generalverdacht zu vertreiben. Er hat die Sorge, dass nach den Razzien Kunden wegbleiben und die Geschäfte leiden. Es ist sein Versuch, dem Negativimage etwas entgegenzusetzen.

Am südlichen Ende der Taunusstraße ragt eine große Kirche aus Backstein empor. Der Pfarrer sei nicht zu sprechen, sagt eine Mitarbeiterin. Er habe sich gerade auf den Weg zur Karnevalssitzung im Pfarrheim nebenan gemacht. Dort feiert die katholische Frauengemeinschaft St. Engelbert. "Ausverkauft" steht am Eingang. Alle 220 Plätze oben im Saal sind besetzt. Maria Basner hat die 67. Sitzung vorbereitet. Sie trägt ein kleines Haargesteck aus Tüll und über einem rot-weiß geringelten Shirt den alten, zu großen Hochzeitsanzug ihres Mannes. Sie hat große rote Knöpfe angenäht. Zwei kleine Herzen glitzern auf ihren Wangen.

Kouider Zaghi betreibt das "Café Casablanca". (Foto: Marcus Simaitis)

Kalk sei schon immer ein hartes Pflaster gewesen

Sie wurde 1948 hier geboren. In Kalk also? "Wir sind hier nicht in Kalk. Das ist Humboldt. Ich bin Humboldterin", betont die Seniorin. Diese Unterscheidung ist ihr wichtig, wenngleich Humboldt mittlerweile zum Stadtbezirk Kalk zählt. Die Bahnlinie ist die Grenze. Sie erinnert sich noch ein altes Sprichwort: "Die Kalker werden mit dem Messer in der Tasche geboren." Und das sei schon früher so gewesen, bevor die ersten Menschen aus Nordafrika kamen.

Kalk ist ein altes Arbeiterviertel, groß geworden durch Fabriken und auch durch Migranten, die als "Gastarbeiter" kamen. "Die Taunusstraße war früher unsere Prachtmeile", sagt die 67-Jährige. Es gab auch Geschäfte für Bücher, Blumen, Bekleidung. "Jetzt ist sie in ausländischer Hand", sagt Basner. Sie sei kein Mensch, der Angst habe, aber manchmal fühle sie sich hier unwohl. "Ich laufe hier nicht nachts um zwei, drei Uhr rum. Das sollte man aber auch anderswo nicht tun", sagt sie.

Maria Basner will in ihrem "Veedel" bleiben, so heißt "Viertel" auf Kölsch. Gleich feiert sie Karneval. Sie werden alte Lieder auf Kölsch singen. "Das wollen wir unbedingt aufrechterhalten", sagt sie. In der Gaststätte "Haus Taunus" hängen viele Ballons und Clownsbilder.

Manfred Funke schneidet gerade in einen großen Hamburger, der vor ihm auf dem Teller steht. Vor zwei Jahren ist er seiner Lebensgefährtin zuliebe hierhergezogen. "Ich kann wirklich nichts Negatives sagen. Meine Freundin geht hier auch abends allein her", sagt Funke. Der Kellner stammt aus Italien und erzählt, das hier viele Deutsche wohnen. "Das ist alles nicht so schlimm hier, wie es die Zeitungen schreiben."

Eine Lokalbetreiberin als "deutsche Vertretung"

Die 59-jährige Maria führt den "Taunus-Grill". Sie arbeitet seit zehn Jahren hier und sagt, dass sich viel verändert habe. Mit den ausländischen Geschäftsleuten gibt es keine Probleme. Aber beim Freitagsgebet ist oft die ganze Straße vollgeparkt, auch ihre Ladezone – gerade freitags, an dem Tag, an dem die neue Ware komme. Manchmal fahren die Leute ihr Auto weg, wenn sie das sagt. Manchmal ist es ihnen auch egal.

Vor einiger Zeit sei ein Araber reingekommen und habe gesagt, sie solle mit ihrem Schweinefleisch verschwinden. "Da habe ich ihm gesagt, dass der Handwerker ein Loch in der Wand gelassen hat", sagte sie und deutete auf den Ausgang, um ihm zu signalisieren, dass er verschwinden solle. Maria wirkt unerschrocken. "Ich wehre mich meiner Haut", sagt sie.

Maria versteht sich gut mit den marokkanischen Frauen. Sie will hier noch ein paar Jahre arbeiten, bis zur Rente. Ihr Grill ist noch eines von wenigen Geschäften, die in der Taunusstraße noch von Deutschen ohne Migrationshintergrund geführt werden. "Man muss darauf achten, dass man eine deutsche Vertretung hier hat", sagt Maria. Es klingt ein wenig so, als sei sie eine Botschafterin im Ausland.

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