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Flüchtlingskrise Wie Bayern die Kontrolle zurückerlangen will

Deutschland ist dabei, die Kontrolle über seine Grenze in Bayern zurückzugewinnen. Pro Stunde dürfen maximal 250 Asylsuchende die Grenze passieren. Doch eine Gefahr bleibt.

Gleich da drüben liegt Deutschland. Yusif aber sitzt hier, auf der falschen Seite des Flusses in Österreich. In seine Plastiktüte hat er dicke Socken und ein "KitKat" gepackt. "Have a break." Mach mal 'ne Pause. So lautet der Werbespruch für den Schokoriegel. Passt aber auch zu Yusifs Situation. Viel mehr kann der 23-Jährige gerade nämlich nicht machen.

Nur sieben Tage brauchte Yusif, um sich mit Mutter und Schwester von Bagdad bis an den Inn durchzuschlagen. "Ein Tag, ein Land", so fassen Bundespolizisten das schnelle Durchreichen der Menschen zusammen. Doch an der deutschen Grenze war Schluss. Die drei hatten bei der Kontrolle erklärt, dass sie zum Familienvater weiterreisen wollten. Nach Finnland. Diese Antwort war zwar korrekt. Deutschland lässt aber nur noch jene herein, die hier auch Schutz beantragen. Die drei wurden zurück nach Österreich gefahren.

Die Bundesrepublik ist gerade dabei, die Kontrolle über ihre Grenze in Bayern zurückzugewinnen. Nach dem historischen Herbst herrscht nun die Ruhe nach dem Sturm. Die Gefahr ist nur: Womöglich handelt es sich lediglich um die Ruhe vor dem nächsten Sturm – verbunden mit weiteren wirtschaftlichen Schäden. Die Zahl der Flüchtlinge steigt wieder leicht an. Im Januar reisten im Schnitt täglich rund 2000 Personen ein. Am Donnerstag zählte die Bundespolizei an der deutsch-österreichischen Grenze rund 2600 Einreisende. Am Freitag waren es etwa 2800 Migranten.

(Foto: Infografik Die Welt)

Wer sich dieser Tage in dieser Region mit Zwiebeltürmen und saftigen Grashügeln umschaut, der erfährt, wie die Behörden den Flüchtlingsstrom kanalisiert haben. Von Spielfeld an der Grenze zu Slowenien bringen die Österreicher Einreisende im Bus nach Braunau. Dort übernimmt die Bundespolizei. Mit einem deutschen Bus geht es weiter zur Kontrolle nach Passau in eine große Industriehalle. Dorthin wurde quasi die Staatsgrenze verlegt.

"Irak?", fragt der Bundespolizist. Mit dem Finger zeigt er auf die drei jungen Männer, die vor ihm sitzen. In der Halle surrt die Lüftung, es riecht nach einem Cuvée aus Altkleidersammlung und Autowerkstatt. Kopfschütteln der drei Befragten. Nächster Versuch: "Iran?" Der Polizist lächelt. Jetzt nicken sie. Schritt eins ist geschafft.

Nun folgt der nächste – die Durchsuchung. Die Beamten finden regelmäßig Dinge, die sie vorsorglich einsammeln. Eine Rasierklinge? Sie könnte auch für etwas anderes benutzt werden.

Eine andere Asylsuchende macht derweil kurz vor der Identitätsprüfung eine typisch deutsche Erfahrung. Sie setzt sich auf das Ende einer Bierbank – und sogleich schnellt das andere in die Höhe und donnert wieder zu Boden. Peng! Welcome to Germany. An provisorischen Wänden aus Gitterzaun und Plane hängt neben einer Karte von Asien das "Kölsche Jrundjesetz". Artikel 3: "Et hät noch immer jot jejangen."

Mit Stand Ende Januar scheint es tatsächlich ganz gut zu funktionieren. Die Wiener Regierung übergibt nicht mehr als 250 Personen pro Stunde. Und das nur an den abgemachten Punkten wie Braunau, Freilassing und Kufstein. Darum schafft es die Bundespolizei derzeit mit der Bearbeitung. Und Deutschland verweigert täglich etwa 100 Personen die Einreise und bringt sie zurück, zum Beispiel in ein Zelt in Schärding.

An diesem Morgen steigen 17 Personen aus dem Bundespolizeibus. Wolfgang Mötz hat davon per Mail erfahren. Der 58-jährige Einsatzleiter sitzt in seinem Container und sagt: "Die Leute bekommen einen Zettel, auf dem steht, wo sie sich in Österreich melden sollen." Manche aber versuchen es einfach noch einmal nach Deutschland.

Ein "riesiger wirtschaftlicher Schaden"

Das fast perfekt orchestrierte Weiterreichen der Flüchtlinge sorgt dafür, dass man sie in Bayern beinahe suchen muss. Über die grüne Grenze kommen nur noch wenige. Und dennoch: Die Flüchtlingskrise hat das Leben in der Idylle verändert. "Stau bei der Einreise", heißt es im Radio alle 15 Minuten. Grund dafür sind die Grenzkontrollen. Vom Übergang bei Freilassing aus stauen sich die Fahrzeuge oft bis ins Salzburger Zentrum zurück.

Hinterm Berchtesgadener Landratsamt türmen sich die Alpen. Doch für Landrat Georg Grabner geht die Welt dahinter weiter. Geschäfte werden schließlich über die Grenze hinweg gemacht. "Das ist ein riesiger volkswirtschaftlicher Schaden", sagt der 63-Jährige über die Kontrollen. In der Therme im Ort bleiben die Besucher aus. Im Baumarkt habe es bereits Entlassungen gegeben, sagt Grabner. Er ist CSU-Mitglied und findet die Kontrollen zwar gut. Aber nicht so. Er hat dem Bundesinnenminister einen Brief geschrieben. Die Kontrollen sollten zweispurig durchgeführt werden. Noch kam keine Antwort. Jetzt überlegt er aufzubegehren. "Ich organisiere zur Not eine Straßenblockade", sagt Grabner. Irgendwas müsse jedenfalls passieren.

Die Zahlen geben dem Landrat recht. Früher kam im kalten Januar kaum jemand. Heute sind es Zehntausende. Darunter sind viele Familien. Aber junge Männer machen noch immer etwa die Hälfte aus, schätzen Bundespolizisten. Rainer Scharf ahnte schon länger, was aufs Land zukommt. Die Zahl der Flüchtlinge, die via Mittelmeer und Italien in Rosenheim eintraf, verdoppelte sich von Jahr zu Jahr. 2015 kam die Balkanroute hinzu. "Mal sehen, was 2016 passiert", sagt der Bundespolizist.

Polizistinnen ignoriert, "weil wir Frauen sind"

Scharf ist der Sprecher der Inspektion Rosenheim. Er wählt seine Worte vorsichtig – anders als die beiden Kolleginnen hier in der Dienststelle. Sie haben die Nase voll. Ihre Aufgabe: Sie nehmen Fingerabdrücke und schauen, ob ein Flüchtling schon woanders Asyl beantragt hat. Bei ihnen kommen ausschließlich junge Männer an. Oftmals würden die Polizistinnen schlichtweg ignoriert. "Weil wir Frauen sind."

Eine von ihnen wurde vor Kurzem mit einer Nadel gestochen. Mancher sei rotzfrech, sagen sie. "Die leugnen dann nicht einmal, dass sie nur kommen, weil Deutschland ihnen Geld gibt." Noch zwei Tage. Dann geht's zurück in die Heimatdienststelle. Endlich Urlaub.

Pressesprecher Scharf steht daneben und sagt nichts. Er weiß, dass die beiden Kolleginnen recht undankbare Jobs im nahezu perfekt organisierten Ablauf haben. Eine Anekdote erzählt er an diesem Tag aber doch: "Einmal hat jemand etwas total Verrücktes angegeben, warum er hierhergekommen ist", erinnert sich Scharf. "Er sagte: Weil Deutschland die besten Fußballspieler hat."

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