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Vorwahlen in Iowa Amerikas Zukunft beginnt in der tiefsten Provinz

In Iowa beginnen am Montag die Vorwahlen zum Weißen Haus. Das ganze Land blickt dann auf den kleinen Agrarstaat im Mittleren Westen, der sich selbst wichtiger nimmt als er wirklich ist.

"Wir sind so eine Art Laborratten für die Vereinigten Staaten", sagt Travis, ein Mittdreißiger, der bei eisigem Wind in einer hundert Meter langen Schlange vor der Drake University in Des Moines ansteht. Drinnen wird gleich Donald Trump reden, der an diesem Abend aus Verärgerung über eine kritisch fragende Moderatorin die TV-Debatte der republikanischen Kandidaten schwänzt. "Wer bei uns als Sieger aus der Vorwahl hervorgeht, hat gute Chancen, Präsident zu werden", glaubt Travis.

Aus Iowa kommen Schweineschnitzel, Mais und John Wayne. Und alle vier Jahre schaut die ganze Welt auf Iowa. Denn bevor im November die Präsidentenwahl stattfindet, ist es immer Iowa, das als erster unter den 50 Bundesstaaten parteiinterne Vorwahlen durchführt, die hier Caucus heißen. Am Montag ist es wieder so weit.

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Dabei taugt Iowa gar nicht als Laboranordnung. Nur ein Prozent der 320 Millionen US-Bürger lebt in dem Staat im Mittelwesten. 92 Prozent seiner Bewohner sind weiß, während es im gesamten Land nur 77,7 Prozent sind. Schwarze machen in Iowa lediglich 3,4 und Latinos 5,6 Prozent der Bevölkerung aus. Landesweit stellen die beiden größten Minderheiten 13,2 beziehungsweise 17,4 Prozent. Iowas wenig repräsentative Demografie mag dazu beigetragen haben, dass dort 2008 Mike Huckabee in dem Republikaner-Caucus auf Platz eins landete, während der später nominierte John McCain nur Vierter wurde. Bei den Demokraten gewann hingegen Obama.

John Simmons mag Donald Trump, denn: "Er macht nicht mit bei dieser Political Correctness. Er hat Ahnung von Wirtschaft und Finanzen". (Foto: Ansgar Graw)

In Iowa steht das Duell Clinton/Trump schon fest

Dieses Jahr liegt Donald Trump bei den Republikanern in den Umfragen klar vor Ted Cruz und zehn weiteren Anwärtern aufs Weiße Haus. Bei den Demokraten führt Hillary Clinton, doch Bernie Sanders ist ihr dicht auf den Fersen. In 1681 Wahllokalen in Kirchen, Schulen und privaten Wohnzimmern stimmen die registrierten Wähler der jeweiligen Parteien ab. Entsprechend den Ergebnissen werden Delegierte auf der Ebene der Countys und am Ende des Bundesstaates Wahlmänner und -frauen zu den National Conventions – den Wahlparteitagen im Sommer – schicken.

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In den meisten anderen Bundesstaaten werden die Kandidaten nicht im Caucus, sondern bei Primaries gefunden, aber der Effekt ist der gleiche: Wer die Mehrheit der Wahlleute auf sich vereinigt, wird Präsidentschaftskandidat. John Simmons in West Des Moines hat vor seinem Haus gleich zwei Werbeplakate aufgestellt für Donald Trump. Natürlich, er werde am Montag im Caucus für Trump votieren. "Ich habe mich entschieden, auch wenn ich bündelweise Post bekomme von den anderen Kandidaten, manchmal vier, fünf Briefe von einem einzigen Wahlkämpfer." Hinzu kommen Anrufe und Hausbesuche.

Immerhin, sagt Simmons, die Trump-Werbung im Vorgarten sei "so eine Art Warnschuss für die Demokraten, die belästigen mich nicht, und das gefällt mir". Was ihn an Trump begeistert: "Er redet Klartext, er macht nicht mit bei dieser Political Correctness. Er hat Ahnung von Wirtschaft und Finanzen. So jemanden brauchen wir, um unser Land wieder stark zu machen."

Ed Grant wirbt in seinem Vorgarten für den einstigen Star-Chirurgen Ben Carson, der vorübergehend hinter Trump auf Platz zwei lag. Grant diente Anfang der 60er-Jahre in der US-Army in Berlin, er erlebte dort den Kennedy-Besuch, später lebte er einige Zeit in Frankreich. Ein weltgewandter Republikaner, der Alexis de Tocqueville gelesen hat und dem am Afroamerikaner Carson vor allem zwei Dinge gefallen: "Er hat sich mit viel Disziplin aus ärmlichsten Verhältnissen hochgearbeitet, nachdem seine Mutter ihm eingeschärft hat, man dürfe nie der Allgemeinheit auf der Tasche liegen." Und: "Die Gründerväter wollten keine Berufspolitiker, sondern sie wollten Bürger in die Politik holen, die sich dort einige Jahre für ihre Nation einsetzen und dann zurück auf ihre Ranch oder an ihre Arbeit gehen. Carson hätte ihnen gefallen." Dass Carson inzwischen keine großen Chancen mehr hat, ist Grant klar. "Mir sind auch alle anderen republikanischen Kandidaten recht – mit Ausnahme von Trump. Wenn der nominiert werden sollte, gehe ich nicht wählen."

Ed Grant ist für den Herzchirurgen Ben Carson – weil der sich "mit viel Disziplin aus ärmlichsten Verhältnissen hochgearbeitet hat". (Foto: Ansgar Graw)

"Ihr habt doch auch schon eine Bundeskanzlerin!"

Einige Straßenzüge entfernt leuchten blaue Werbeschilder von Hillary Clinton aus einem Vorgarten. Sie wirken angejahrt. "Stimmt", sagt Edna Uedelhofen fröhlich, "ich habe für diesen Wahlkampf keine neuen Hillary-Plakate angefordert, weil's die alten von 2008 auch noch tun." Damals unterlag die einstige First Lady Barack Obama. Jetzt sei es aber wirklich an der Zeit, dass mal eine Frau Präsidentin wird. "Ihr habt doch in Deutschland auch eine Kanzlerin, und in England gab's das auch schon. Und Hillary ist intelligent und bringt viel Erfahrung mit."

Trump, sagt Uedelhofen, sei "crazy". Clintons parteiinterner Gegenspieler Bernie Sanders "ein netter Kerl, aber halt ein Sozialist. Wie will er all das Geld beschaffen, das er ausgeben will? Da muss er ja Steuern erhöhen, und das will ich wirklich nicht." Dass sie auf Hillary Clinton setzt, liegt auch an Uedelhofens Sympathien für deren Gatten Bill. "Ich mag ihn", sagt Uedelhofen und lacht: "Klar, er ist ein Lebemann. Wie Kennedy auch. Männer sind halt so. Manche werden erwischt, andere nicht." Die verwitwete Frau lacht noch lauter: "Ich traue Männern nicht."

70 Kilometer östlich, in Newton, stehen Eleanor und Amy, zwei betagte Freundinnen, vor einer Sporthalle, in der Hillary Clinton gleich sprechen wird. Besonders lang ist die Schlange nicht. "Vor acht Jahren, das hätten Sie erleben müssen!" Da war der charismatische Obama erstmals der Kandidat. Clinton hat es schwerer. "Wir halten eine Menge von ihr. Aber entschieden haben wir uns noch nicht." Für Carol Davis ist die Sache hingegen schon klar. "I feel the Bern" – sie wird am Montag für Sanders stimmen. Von dem "demokratischen Sozialisten" erwartet die Kellnerin Verbesserungen im Schulsystem und höhere Steuereinnahmen "von denjenigen, die es sich leisten können". Denn: "Hätte ich keine zwei Jobs, könnte ich die Ausbildung für meine Tochter nicht finanzieren."

Edna Uedelhofen steht voll hinter Clinton. "Hillary ist intelligent und bringt viel Erfahrung mit", sagt sie. Und außerdem: "Ich traue Männern nicht". (Foto: Ansgar Graw)

Schleimige Kandidaten als Bühnen-Soap

Im Stoner Theater in Des Moines läuft derweil ein satirisches Musical zur Vorwahl: Es heißt "Caucus" und erzählt die Geschichte einer Durchschnittsfamilie aus Iowa, die in einer Doku-Soap von Präsidentschaftskandidaten schleimig umworben wird, die mit den allzu vertrauten Worthülsen um sich werfen. Dabei bekommen alle ihr Fett weg: Republikaner, Demokraten und Journalisten.

In dem ausverkauften Theater in der Hauptstadt des Bundesstaates ist das Bildungsbürgertum weitgehend unter sich. Die Frage ist in diesem Milieu nicht, ob ein Demokrat oder ein Republikaner Präsident werden soll, sondern nur, welcher der Demokraten vorzuziehen sei. "Ich werde wohl für Hillary stimmen", sagt Schauspieler Greg Millar nach der Vorstellung. Eben gab er noch einen rüpeligen Milliardär namens Ronald Blunt. Auf dem Kopf trug er eine prächtige Perücke, die an einen toten Hamster erinnert. Die Ähnlichkeit mit einem lebenden Politiker war alles andere als zufällig.

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