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Recep Tayyip Erdo?an vs. Fethullah Gülen Vor diesem alten Mann zittern die Mächtigen der Türkei

Die Türkei wirft dem Prediger Fethullah Gülen die Unterwanderung staatlicher Strukturen vor. In Abwesenheit wird ihm nun der Prozess gemacht.

Der Prediger lebt zurückgezogen in den Pocono-Bergen in Pennsylvania. Auf dem abgegrenzten Zehn-Hektar-Areal verrichtet Fethullah Gülen sein Gebet, dort arbeitet er, empfängt Anhänger – und verfolgt aus der Ferne, wie ihm in der Türkei der Prozess wegen Terrorvorwürfen gemacht wird. Die dortige Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdo?an beschuldigt Gülen der Unterwanderung staatlicher Strukturen. Ferner wird ihm vorgeworfen, eine Terrororganisation gegründet zu haben.

Terrorverbrechen von Gülens Hizmet-Bewegung sind nicht bekannt, dennoch werden dem muslimischen Geistlichen und seinen Anhängern werden inzwischen zwei Prozesse in Abwesenheit gemacht. Der erste begann am 6. Januar, der zweite - inklusive Spionagevorwürfe - in dieser Woche.

Anhänger Gülens nennen die Anschuldigungen gegenstandslos. Und bislang haben auch die USA nicht signalisiert, Gülen in die Türkei zurückschicken zu wollen, wie dies die Regierung in Ankara fordert. Ob eine möglicherweise drohende Auslieferung dem Kleriker schlaflose Nächte bereitet, wissen nicht einmal seine Vertrauten. Der 74-Jährige äußere sich nicht dazu, heißt es.

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"Er sagt, die USA hätten schließlich eine lange Tradition von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit", erklärt Yüksel Alp Aslandogan, Präsident des New Yorker Bündnisses für Gemeinsame Werte, einer mit der Hizmet-Bewegung verbundenen Organisation. Er sieht Gülen meist einmal pro Woche. Dieser setze darauf, dass die USA die Vorwürfe als politisch geprägt einschätzen würden, sagt Aslandogan.

Schon immer im Fokus der Mächtigen

Der 1941 in der Türkei geborene Gülen wurde in seiner Heimat vor rund 50 Jahren bekannt. Seine Philosophie vereinte eine mystische Ausprägung des Islam mit dem Ruf nach Demokratie, Bildung und interreligiösem Dialog. Anhänger gründeten rund 1000 Schulen in mehr als 100 Ländern. In der Türkei übernahmen sie den Betrieb von Universitäten, Krankenhäusern, Wohltätigkeitsorganisationen, einer Bank und einem Medienimperium mit Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendern.

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Der laizistischen türkischen Regierung war die Gülen-Bewegung suspekt. 2000 wurde ihr Oberhaupt angeklagt, eine islamistische Verschwörung zum Sturz der Regierung angezettelt zu haben. Damals lebte Gülen bereits in den USA, wohin er 1999 zur medizinischen Behandlung gereist war. Ein Verfahren in Abwesenheit endete mit Freispruch.

In einem der neuen Verfahren wird Gülen nun vorgeworfen, einen "Parallelstaat" in der Türkei aufgebaut zu haben. Er soll seine Anhänger in Schlüsselpositionen in Polizei und Justiz geschleust haben. Diese wiederum sollen die Welle der Korruptionsermittlungen gegen Erdo?an-Kreise 2013 in Gang gebracht haben.

"Das Körnchen Wahrheit, das wir auch nicht abstreiten, ist: Ja, es gibt einige Anhänger in jeder Regierungsinstitution", sagt Gülens Vertrauter Aslandogan. "Aber zu behaupten, es gebe ein Parallelgebilde oder einen Drahtzieher oder Puppenspieler, das ist einfach ein leerer Vorwurf."

Gigantisches Netzwerk in der Türkei

Um Gülens Machtradius ranken sich zahlreiche Spekulationen. Nicht einmal die Zahl seiner Anhänger lasse sich gut einschätzen, meint Joshua Hendrick von der Loyola-Universität in Maryland. Der Soziologe, der als Experte für die Gülen-Bewegung gilt, geht von 500 000 bis zu vier Millionen Gefolgsleuten aus.

Seine Kollegin Helen Rose Ebaugh von der Universität Houston, die den Zielen und Finanzströmen der Gülen-Bewegung nachspürte, stuft das Netzwerk derweil nicht als Umstürzler ein. "Ich sah keine Hinweise, dass sie auf Macht aus sind oder auf die Bildung irgendeines Staates."

In den USA wurde gegen einige der Gülen-Schulen wegen Misswirtschaft und Visa-Vergehen ermittelt. Zu Anklagen sei es jedoch nicht gekommen, betonen Gülens Anhänger. Und sowieso habe Gülen nichts mit dem Betrieb und den Finanzen der Schulen zu tun. Auch zu den Inhalten gebe es keine Beschwerden seitens der Eltern. Ein Anwalt, der in den USA die türkische Regierung vertritt, hatte den Vorwurf erhoben, dass die für alle zugänglichen Schulen Lehrer aus der Türkei holten, die Schüler indoktrinieren und für die Hizmet-Bewegung gewinnen sollten.

Erde soll gegen Heimweh helfen

Rund 8 000 Kilometer von der Türkei entfernt führt Gülen derweil ein Leben, das an einen Mönch erinnert. Jeden Tag verbringt er Stunden mit Gebet und Meditation, wie Aslandogan berichtet. Nur selten verlässt der Prediger das islamische Goldene-Generation-Zentrum in Saylorsburg, und wenn er das tut, dann laut seinem Vertrauten vor allem für Arztbesuche. Die Heimat aber ist auch in den Bergen Pennsylvanias präsent: Beim Besuch in Gülens Wohnbereich fielen Reportern Gläser mit Erde aus verschiedenen Regionen der Türkei auf. Gülen selbst war nicht zu sehen, sprechen wollte er mit Journalisten auch nicht.

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