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Konflikt mit den Kurden Die Türkei hat inzwischen ihren eigenen Krieg

PKK und Regierungseinheiten tragen in den türkischen Kurdengebieten einen erbitterten Kampf aus. Einige Städte ähneln einem Kriegsgebiet. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht.

Vergangene Woche veröffentlichte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Fotos aus Cizre. Es sind Fotos, die man irgendwo in Syrien, in Aleppo oder Kobani, verorten könnte. Dabei ist es gerade ein Dreivierteljahr her, dass die in Niedersachsen aufgewachsene junge Bürgermeisterin Leyla Imret im Gespräch mit "Welt" stolz von der Kläranlage erzählte, deren Grundstein sie kurz zuvor gelegt hatte.

Damals träumte sie laut von ihrem nächsten großen Vorhaben: Recycling, gar Mülltrennung. Ein paar Monate später war sie wegen eines Zitats, das sie nachweislich nicht gesagt hatte, des Amtes enthoben. Und ihre Stadt, gelegen im Dreiländereck zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei, ist nun, das zeigen die Anadolu-Fotos unverkennbar, Kriegsgebiet.

Im Sommer, nach dem Ende der Waffenstillstands zwischen dem Staat und der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), verbarrikadierten sich in mehreren kurdischen Städten jugendliche Kämpfer der PKK. Seither wird der seit 35 Jahren währende Konflikt in einer nie zuvor da gewesenen Form in den Städten ausgetragen.

Am heftigsten umkämpft: Sur, die historische Altstadt der Metropole Diyarbakir. Und eben Cizre. Bereits Ende September wurde dort eine achttägige Ausgangssperre verhängt. Damals wurde in drei Vierteln geschossen. Seit der aktuellen Ausgangssperre, die seit dem 14. Dezember gilt, soll auch im Stadtzentrum gekämpft werden, berichtet der Abgeordnete Faysal Sariyildiz von der prokurdischen Demokratiepartei der Völker (HDP) der "Welt" am Telefon. Längst seien nicht nur Sondereinheiten der Polizei im Einsatz, sondern auch der Armee sowie "irreguläre Verbände", die aus Leuten bestünden, die schon beim "schmutzigen Krieg" in den Neunzigerjahren mitgewirkt hätten.

Trümmerlandschaft Cizre: Von den einst 120.000 Einwohnern sollen nur noch 10.000 in der Stadt sein. (Foto: picture alliance / AA)

Kämpfen ausländische Söldner für die PKK?

Die Regierung behauptet ihrerseits, dass in den Reihen der PKK Scharfschützen aus Serbien kämpfen würden. In Cizre sei ein serbischer Scharfschütze getötet und ein weiterer gefangen genommen worden. In einer schriftlichen Erklärung der serbischen Botschaft in Ankara hieß es, die Republik Serbien verurteile "die eventuelle Beteiligung ihrer Bürger an Konflikten in Drittländern". Auf Nachfrage der "Welt" sagte die Botschaft, ihr lägen keine konkreten Informationen vor.

Für Sariyildiz ist dies ohnehin eine Propagandalüge, die sich in die von Erdogans Chefberater Burhan Kuzu in Umlauf gebrachte Behauptung einreihe, "ein großer Teil der verreckten Terroristen" seien unbeschnittene Männer – also keine Kurden und keine Muslime.

Anfangs seien zumeist Nichtkombattanten getötet worden, sagt Sariyildiz und verweist auf die drei Monate alte Miray Ince, die zusammen mit ihrem Großvater Ramazan kurz vor Silvester erschossen wurde. Auch die meisten übrigen seien Kinder, Alte oder Familienväter oder -mütter gewesen.

Und auch die jungen Leute, also die mutmaßlichen Kombattanten, die inzwischen verstärkt ums Leben kämen, würden fast alle aus Cizre stammen, also keine PKK-Guerillakämpfer und schon gar keine ausländischen Söldner sein. Die Regierung bestritt lange Zeit zivile Opfer, inzwischen beschuldigte man die PKK hierfür.

"Die Türkei begeht Kriegsverbrechen"

Zu überprüfen ist das alles nicht. Die Sicherheitskräfte erlauben es zwar den Menschen, die Stadt zu verlassen. Aber nach Cizre kommt niemand – keine Journalisten, keine Abgeordneten, keine Diplomaten. Sariyildiz war bereits dort, als die Ausgangssperre verhängt wurde. Am Telefon klingt der sonst so schneidig auftretende Politiker hörbar erschöpft. In Cizre neigten sich die Lebensmittelvorräte dem Ende zu, es gäbe nur selten Strom und Wasser, in manchen Stadtteilen gar nicht. "Die Türkei begeht Kriegsverbrechen", sagt Sariyildiz.

Mitte Januar wurden Sariyildiz und seine Begleiter, darunter der amtierenden Bürgermeister, mutmaßlich von Sicherheitskräften beschossen. Nun forderte der UN-Menschenrechtskommissar Seid al-Hussein die türkische Regierung dazu auf, diesen "schockierenden Vorfall" aufzuklären. Seit Mitte Dezember seien in Cizre über 70 Menschen ums Leben gekommen, sagt Sariyildiz.

"Wir kommen mit dem Zählen nicht mehr hinterher." Doch gestorben wird auch auf der anderen Seite: Am Montag kamen in Diyarbakir fünf Soldaten ums Leben, am Sonntag starben in Cizre zwei Polzisten und ein Soldat. An Nachrichten wie diese schien sich die türkische Öffentlichkeit schon zu gewöhnen. Doch nun steht die Situation in Cizre auf einmal wieder im Fokus.


Im Keller eines Hauses sind Sariyildiz zufolge mindestens 32 Menschen eingeschlossen. Viele seien verwundet, alle erschöpft, mindestens sieben bislang verstorben. "Ich habe selber mehr als 100 Mal den Notdienst gerufen. Die Polizei hat es ihnen nicht erlaubt, sich dem Keller zu nähern." Dann hätte die Stadtverwaltung Rettungskräfte geschickt, die von Sondereinsatzkräften beschossen worden seien. 

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan stellte zunächst infrage, dass sich in diesem Keller Verletzte befinden würden. Zuletzt sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, Sanitäter seien gekommen, aber von PKK-Leuten beschossen worden. Am Montagabend meldeten türkische Medien unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass sich unter den Eingeschlossenen zwei führende Guerillakader befänden. Sariyildiz bestreitet das. 

Am Montag twitterte er Namenslisten der Verletzten und Erschöpften. Die aktuelle Lage kennt er nicht, am Samstagnachmittag sei der Kontakt abgebrochen. Selbstredend ist auch das nicht von unabhängiger Seite zu überprüfen, ebenso wenig die Echtheit der Tonbandaufnahmen und Fotos, die aus dem Keller stammen sollen.

Dasselbe gilt auch für folgende Angabe: In Cizre, wo einst 120.000 Menschen lebten, würden sich nur noch 10.000 Menschen aufhalten, sagt Sariyildiz. Es gäbe nur noch zwei Läden, die Brot verkauften. Anhand des täglichen Brotverkaufs sei er auf diese Schätzung gekommen.

Eine Wiederaufnahme der Gespräche mit der PKK schließt die Regierung kategorisch aus. "Die AKP-Regierung führt das Land in den Bürgerkrieg", sagt Sariyildiz. "Zugleich erpresst die Türkei Europa mit der Flüchtlingsfrage, weswegen Europa zu den Vorgängen in der Türkei schweigt. Damit begeht Europa einen großen Fehler. Wenn dieser Konflikt zu einem Bürgerkrieg eskaliert, wird eine neue Flüchtlingswelle in Richtung Europa aufbrechen – diesmal aus der Türkei."

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