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Flüchtlinge in Schweden "Die Regierung hat die Kontrolle verloren"

Schweden gilt als das Land mit der größten Willkommenskultur. Doch die hohe Anzahl Asylbewerber stellt die Gesellschaft auf die Probe. Mittlerweile ziehen brutale Lynchmobs durch die Straßen.

Die Szenen versetzten Schweden in Schrecken. Im Zentrum Stockholms attackierten Vermummte wahllos Passanten mit ausländischem Aussehen. Fünf Menschen wurden verletzt. Es hätten mehr sein können, wenn die Polizei der Jagd nicht schnell ein Ende gemacht hätte.

"Wir hatten Hinweise darauf, dass etwas passieren könnte und hatten viele Mann vor Ort», sagt der Stockholmer Polizeisprecher Varg Gyllander. Doch die Gewaltbereitschaft der Aggressoren kam auch für ihn und seine Kollegen unerwartet. "Wir sind überrascht, wie organisiert die Aktion war."

Schweden – das Land der bunten Holzhäuschen, ausgelassenen Mittsommernachtsfeiern und einer jede Grenze testenden Pipi Langstrumpf verändert sich. Die hohe Anzahl Asylbewerber - im letzten Jahr waren es 163.000 - stellt die Gesellschaft auf die Probe. "Es ist eine beunruhigende Entwicklung, wenn Lynchmobs durch Stockholms Straßen ziehen", mahnt ein besorgter Innenminister Anders Ygeman.

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Für Erling Johansson, der in dem Stockholmer Vorort Sollentuna seinen Kaffee trinkt, ist klar, wer die Verantwortung dafür trägt: "Die Regierung hat die Kontrolle verloren", sagt er. Die Behörden hätten schon viel früher mit den Personenkontrollen an den Grenzen beginnen sollen.

"Die Häufigkeit der Gewaltdelikte, an denen Flüchtlinge als Opfer oder Täter beteiligt sind, nimmt zu", sagt Polizeisprecher Gyllander. Ein Beispiel: In den letzten Monaten wurden im ganzen Land immer wieder geplante Asylbewerberunterkünfte in Brand gesteckt.
Seit in den Zügen, Bussen und Fähren nach Schweden die Ausweise kontrolliert werden, ist es ruhiger geworden. Dennoch sagt Gyllander: "Viele Kollegen haben den Eindruck, dass die Stimmung mitunter aggressiver geworden ist."

In der Bahn und rund um den Stockholmer Bahnhof hatten die Männer am Freitagabend zuvor Handzettel verteilt, in denen sie zu Aktionen gegen die "nordafrikanischen Straßenkinder" aufriefen. "Es ist unsere Pflicht als schwedische Männer, unseren Lebensraum gegen die importierte Kriminalität zu verteidigen", hieß es da. Wer diese Leute sind, will die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht so recht sagen. "Wir haben Hinweise auf Verbindungen zum rechten Fußballfanmilieu", sagt Gyllander.

Das Hetzblatt bezieht sich auf einen Vorfall von knapp drei Wochen. In einem Heim für jugendliche Flüchtlinge in Westschweden wurde eine 22 Jahre alte Mitarbeiterin erstochen. Tatverdächtig ist ein 15 Jahre alter Bewohner des Heims. Die Freunde der jungen Frau hatten der Zeitung "Expressen" gesagt, sie seien besorgt, fremdenfeindliche Kräfte könnten die Tatsache ausnutzen, dass es sich um ein alleinreisendes Flüchtlingskind handelte.

"Es ist eine einzelne Person, die dafür die Verantwortung trägt. Es spielt keine Rolle, woher sie kommt", sagte Elshan Rajabion. "Wenn Alexandra jemanden sowas hätte sagen hören, wäre sie stinksauer geworden."

"Das ist eine zu große Herausforderung"

Doch genau das passiert jetzt. "Es herrschen Angst und Stress in unserer Gesellschaft", sagt der Politikwissenschaftler Henrik Ekengren Oscarsson von der Universität Göteborg. "Seit 80 Jahren haben wir so etwas nicht erlebt, Straßengewalt kennen wir nicht." Die Gesellschaft sei sehr polarisiert, weil keiner wisse, was im nächsten Jahr sein werde. "Ein Ende des Krieges in Syrien ist nicht in Sicht, und das bedeutet, keiner weiß, wann der Flüchtlingstrom abbricht."

Nach Schätzungen der Einwanderungsbehörde kommen in diesem Jahr bis zu 140.000 weitere Asylbewerber ins Land. "Wir können nicht jedes Jahr 140.000 neue Leute aufnehmen", warnt Ekengren Oscarsson. "Das ist eine zu große Herausforderung für unser solidarisches Wohlfahrtsystem." Und obwohl die ausländerfeindliche Partei Die Schwedendemokraten bei Meinungsumfragen fast 17 Prozent der Wählerstimmen bekommt, ist er der Meinung, dass der durchschnittliche Schwede nach wie vor jedem Fremden ein warmes Willkommen bereite. 

Auch Nicklas Källebring vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos ist sicher, dass seine Landsleute ihre Herzen nicht verschlossen haben. "Vom Februar bis September war die Mehrheit der Schweden dafür, mehr Flüchtlinge aufzunehmen." Erst im Herbst, als die Zahlen rapide zunahmen, habe sich die Stimmung geändert.

Bei der letzten Umfrage im Dezember sprach sich die Mehrheit gegen weitere Flüchtlinge aus. Doch nicht, weil die Schweden Ausländer nicht mehr willkommen heißen, meint der Forscher. "Die Menschen sind lediglich besorgt, dass wir sie nicht angemessen versorgen können, mit Wohnungen, Jobs und Ausbildung."

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