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"Gäriger Haufen" AfD Alexander Gauland hält Regierungsbeteiligung "für tödlich"

Frauke Petry führt die AfD, aber Alexander Gauland ist ihr Vordenker. Ein konservativer Feingeist mit dem Hang zum Drastischen und einer CDU-Vergangenheit. Wie tickt dieser Mann?

Er lacht nicht mehr. Besaß Alexander Gauland noch vor wenigen Jahren bei aller Ernsthaftigkeit einen leichten, fast fröhlichen Tonfall, der dann und wann durch ein feines Lächeln unterbrochen wurde, blickt er heute bei gleicher Beredtsamkeit mürrisch drein. Ein Lachen gibt es nicht. Allenfalls einen Hauch davon.

Er ähnelt einem Stirnrunzeln und wirkt eher müde als froh. Alexander Gauland, der Konservative mit der Gabe zur intellektuellen Ausgewogenheit, der kritischen Reflexion, dem Horror vor Vereinfachungen und plumpen Manichäismus, hat als Parteimann etwas Hartes, Unerbittliches bekommen. Die Augen sind klein, trocken und glasig. Das Gesicht glatt gespannt, von fluoreszierender Blässe, die erst nach zwei Gläsern Rosé schwächer wird, aber nicht verschwindet. Politik strengt an – einen fast 75-Jährigen in einer solchen Partei wie der Alternative für Deutschland zumal.

Video: Gauland distanziert sich von Parteichefin Petry

 

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Wir sitzen in Potsdam nahe des Hans-Otto-Theaters in dem Restaurant, das der intellektuelle Kopf der AfD stets wählt, wenn er sich mit Journalisten trifft. In ihm ähneln die Kellner noch flinken, weißbeschürzten Handlangern mit gebeugten Rücken und verschlossenen Gesichtern – eine Seltenheit in Berlin-Brandenburg.

"Haben Sie den ,Spiegel'-Titel gesehen?", fragt Gauland kopfschüttelnd. Auf ihm prangt in künstlich vergilbtem Sepia-Braun die Büste der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry. Im Hintergrund steht Alexander Gauland – beide in das Nürnberger Reichsparteitagsgelände der NSDAP montiert. Kleiner ging es beim "Spiegel" offensichtlich nicht. "Am Ende des Gespräches werden Sie feststellen, dass ich mich nicht verändert habe," sagt er.

Inhaltlich hat Gauland recht. Wer mit ihm schon früher über Politik diskutierte, erkennt den alten Russophilen wieder, der für den Verbleib in der Nato ist, aber das Bündnis mit Amerika nur zähneknirschend hinnimmt. Wer mit ihm schon vor Jahren sprach, den werden auch seine Ansichten zur Europäischen Union nicht überraschen. Stets stand Gauland für ein "Europa der Vaterländer".

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Noch heute wünscht er sich eine EU nach britischen Vorstellungen. Die Skepsis gegenüber der unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen war lange kein Thema. Die Idee von Multikulti aber lehnte Gauland seit jeher ab. Die Integration muslimischer Ausländer hält er schon lange für weitgehend gescheitert.

"Die Kanzlerin verändert das Land"

Früher war der englische Philosoph Edmund Burke Alexander Gaulands leuchtendes Vorbild. Ist er es noch? "Ich bin ein klassischer Konservativer im Sinne von Burke", stellt Gauland in ruhiger Eindringlichkeit fest. 2002 schrieb er einen Essay mit dem Titel "Anleitung zum Konservativsein". Darin skizziert er Burke als einen Mann des "Maßes und der Mitte", der "vorsichtigen Reformen bei Bewahrung des Ganzen".

Viel ist von Burke bei Gauland in dieser Hinsicht nicht geblieben. "Die Kanzlerin verändert das Land in einem Tempo, das ihr selbst noch leidtun wird. Das hat nichts mehr mit einem allmählichen Wandel zu tun", pariert Gauland grimmig. "Diese Geschwindigkeit ist fast schon zur Ideologie geworden, etwa wenn man an Wolfgang Schäuble denkt, der vom 'Rendezvous mit der Globalisierung' spricht und damit das Tempo der Veränderungen rechtfertigt. Mittlerweile sind alle anderen europäischen Staaten anderer Ansicht als die Bundesregierung. Sind wir rechtsradikal, weil wir in der Flüchtlingsfrage ähnliches wie die Schweden fordern?"

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Vierzig Jahre war Alexander Gauland, der am 20. Februar 75 wird, in der CDU. Von 1987 bis 1991 leitete er die hessische Staatskanzlei unter Walter Wallmann. Mit dem Beiwort "rechts" konnte er schon damals nichts anfangen, erklärt er – genauso wenig wie mit den in seinen Augen niederträchtigen Versuchen, politische Gegner mit Vereinfachungen und Herabwürdigungen kleinzumachen.

Gauland hält inne, schaut aus dem Fenstern des Lokals in die nieselnde Nässe des grauen Februartages, um dann nachdenklich auf die Hochzeit des Terrorismus in der Bundesrepublik zu kommen. Damals hätten sich viele seiner Parteifreunde aus der Union bemüht, die Vertreter der sogenannten Kritischen Theorie, die sich in der Frankfurter Schule um Horkheimer, Adorno und Habermas gesammelt hatten, als Vordenker der Baader-Meinhof-Bande und der RAF zu verunglimpfen. Schändlich und falsch sei dieser Versuch gewesen, habe er damals geschrieben.

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Genauso erbärmlich sei es heute, die AfD für Anschläge auf Flüchtlingsheime verantwortlich zu machen, weil sie für eine andere Flüchtlingspolitik als die der Bundesregierung stünde. Sicher sei die Alternative für Deutschland – Gauland ist einer ihrer Mitbegründer – rechter als SPD und CDU, doch "rechts" solle in Deutschland immer rechtsradikal bedeuten und die bürgerliche Mitte abschrecken. Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine äußerten ähnliche Bedenken gegen die Flüchtlingspolitik. Seien sie deswegen rechts, gar rechtsradikal, fragt Alexander Gauland mit einem Anflug von Bitterkeit.

Er nimmt einen Schluck Rosé, um sich erst recht in die Fluten zu stürzen: "Nur zwei Abgeordnete im Bundestag artikulieren ganz offen ihre Bedenken gegen die gegenwärtige Flüchtlingspolitik: Sarah Wagenknecht und Wolfgang Bosbach. Das kann doch nicht sein! Ein Großteil der Bevölkerung betrachtet die Flüchtlingspolitik mit äußerstem Unbehagen und nur zwei Parlamentarier geben diesen Bedenken eine Stimme?" Die AfD verschaffe den Menschen diese Stimme. "Die ist manchmal laut, manchmal vielleicht ungeschickt, aber das Anliegen wird dadurch nicht falsch. Hätten CDU und SPD die Bedenken der Bevölkerung ernsthaft aufgegriffen, gäbe es uns doch gar nicht."

Das mag stimmen – oder auch nicht. Eines jedenfalls ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen: Verfolgt man die politischen Debatten und Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg, so fällt auf, dass ihr ein Element des Nicht-ganz-Geheuren innewohnt, von dem sie sich immer noch nicht befreit hat. Ein wenig mehr Selbstsicherheit im Umgang mit allem, was nicht fest in der Mitte steht, wäre angebracht. Nicht jeder Zwischenruf von der rechten oder linken Seite führt zurück in die Weimarer Republik, nicht jede konservative Attacke muss mit der großen Nazikeule niedergeschlagen werden. Schließlich verfehlt auch der Populismusvorwurf seine Wirkung, wenn er die Phrase für einen Ersatz der inhaltlichen Auseinandersetzung hält. Überdies: Politik in der Demokratie ist auch Populismus, will wirken und hinreißen. Einerseits.

Andererseits besteht die Alternative für Deutschland nicht nur aus konservativen Feingeistern wie Alexander Gauland. Völkische Nationalromantiker finden sich in ihren Reihen genauso wie bürgerliche Konservative, geistige Raufbolde genauso wie Wirtschaftsliberale und alte CDU-Mitgliedern, die dem Linkskurs ihrer früheren Partei nicht mehr folgen wollen; von den ostdeutschen Anhängern der AfD zu schweigen. Nach gut 25 Jahren deutscher Einheit sind diese noch immer nicht in der Bundesrepublik angekommen und suchen bis heute nach einer Identität, die mit der parlamentarischen Demokratie soviel gemein hat wie Walter Ulbricht mit Konrad Adenauer. Die AfD sei eben noch ein "gäriger Haufen", erklärt Alexander Gauland und scheint sich allein durch die Wortwahl von eben diesem "Haufen" in diesem Gespräch am Montagmittag im regenschweren Potsdam abheben zu wollen.

Gauland, der Anhänger Bismarcks

"Gauland ist immer dabei und nie beteiligt", versuchte der Bernd-Lucke-Anhänger Hans-Olaf Henkel kürzlich die Widersprüchlichkeit seines einstigen Parteifreundes zu erklären. Tatsächlich ist sie Gegenstand vieler Spekulationen. Zahlreiche Beobachter rätseln, wie "Die Verwandlung" (Süddeutsche Zeitung) des "Dr. Tweed" (Der Spiegel) und "freundlichen Scharfmachers" (Tagesspiegel) zu erklären sei, dessen Ton auf der einen Seite noch immer seinen Anzügen ähnelt: lässig, elegant und weltmännisch, der auf der anderen Seite aber seinen "gärigen Haufen" derart lustvoll in Stimmung zu bringen vermag, dass er von ihm als einem seiner wichtigsten Köpfe gefeiert wird.

Gauland habe etwas Schizophrenes, sagen die einen, andere verweisen auf die kalte Zielstrebigkeit, mit der er seine Interessen verfolgt und sich berechnend vor Parteimitglieder stellt, die mitunter Grenzen überschreiten. Dieses Verhalten sei seinen Bekannten aus den Tagen, als er noch Publizist und Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen" Zeitung gewesen war, verborgen geblieben. Ist es so? Vielleicht.

Gauland bezieht sich häufig auf Otto von Bismarck. Von dem stammt das Wort, es gebe Falten in seiner Seele, in die er niemanden blicken lasse. Gauland ist ähnlich. Es ist nicht leicht, ihn offen nach seinem Narzissmus zu fragen. Ohne ungehalten zu werden, nimmt er die Bemerkung entgegen. Eine kurze Stille tut sich auf, nur unterbrochen vom Geplauder vergnügter Gäste am Nachbartisch. Es gehe ihm ausschließlich um die Sache, betont er schließlich fest. Als Politiker, der etwas vorantreiben will, habe er schnell gemerkt, dass man nicht mit halber Kraft arbeiten könne. Auch laute Auftritte gehörten mitunter dazu.

Doch Narzissmus ist nicht nur Eigenliebe, sondern auch der Wunsch, geliebt zu werden, die Umgebung in seinen Bann zu ziehen. Hinzu kommt etwas, das besonders Intellektuelle anspricht. Thomas Mann nannte es die "Wonnen der Gewöhnlichkeit", die Sehnsucht des in seiner Buchstabenwelt eingesperrten Kopfmenschen nach Leben, Schicksal, Einfluss und vitaler Nähe. Ist Gauland, der früher nur einigen Lesern bekannt war und nun fast täglich auf sämtlichen Kanälen der Republik zu vernehmen ist, frei von diesen Wonnen? Gauland erzählt, wie ihm Walter Wallmann einst beiseite nahm und sagte, er wäre ein Denker und Spitzenberater. Die aber stünden in der zweiten Reihe. Wie würde Wallmann ihn heute wohl sehen, fragt er mit gesenkter Stimme. Also doch – auch ein Narzisst.

Die Partei weiß, was sie an ihm hat. Mehr als alle anderen ihrer führenden Mitglieder gibt er ihr Form, Geist und Stil. Überdies strebt ihr stellvertretender Sprecher und Brandenburger Parteichef keine höheren Ämter mehr an – ein Umstand, der ihn noch einflussreicher und beliebter macht. Im Gespräch betont er immer wieder, wie sehr er Frauke Petry schätzt, wie stark er sich bemüht, die Partei für alle Strömungen offenzuhalten – vom Wirtschaftsliberalen bis hin zum Nationalkonservativen.

Bedauert er den Rückzug Bernd Luckes? "Ich hätte ihn gern in der AfD behalten, aber dazu hätte er sich ändern müssen. Er hat die AfD für seine Privatangelegenheit gehalten. Das ging nicht. Wenn er Raum für andere Überlegungen gelassen hätte, dann hätte ich weiter mit ihm gut leben können." Die AfD sei "keine Ein-Mann-Show".

Scheinbarer Tiefsinn und geistiger Betrug

Gauland will sie breit aufgestellt wissen. Aus diesem Beweggrund hält er auch zu dem Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke, der bis in den Dezember hinein durch so manche öffentliche Kapriolen für Empörung sorgte, aber nun versprach, sich wenigstens bis zu den Wahlen im März zurückzuhalten, wie man aus dem Vorstand hört.

Zusammen mit Höcke erarbeitete Gauland fünf "Grundsätze für Deutschland". In ihrer Wortgaukelei, im Miteinander von scheinbarem Tiefsinn und geistigen Betrug erinnern sie an die intellektuellen Abenteurer der Zwischenkriegszeit. Von Deutschland, das wieder "mündig" werden solle, liest man da und von der Bundesrepublik, die ihre "innere Freiheit" wiederfinden müsse.

Alexander Gauland bemüht sich zu erklären, was diese Sätze genau bedeuten sollen. Natürlich sei das Land souverän, aber nicht im Kopf. Plötzlich hält der Fuchs in seinen Augen inne, merkt, auf welchem dünnem Eis er läuft und vollzieht eine Wende. Er rät, die Grundsätze nicht überzubewerten, bedauert, vom "Volkskörper" gesprochen zu haben und will Reißaus nehmen. Da ist sie wieder die schillernde Widersprüchlichkeit zwischen Feingeist und Rampensau, die sich zu so manchem hinreißen lässt, wenn es um den Wählerfang auf der rechten Seite jenseits der CDU geht!

Vielleicht ist dies eh die deutsche Crux mit der Konservativen. Sie wird die undemokratische Rechte, die wüsten Plebejer und das völkische Geraune nicht los. Zum einen ziehen sie die etablierten Parteien und ein Teil der Medien in diese schmuddeligen Ecke, zum anderen aber saugt sie selbst die Kräfte an, die von einem Umbruch träumen, die Demokratie für entbehrlich halten und glauben, ohne einen Bezug auf die deutsche Volksgemeinschaft nicht atmen zu können.

Man darf Alexander Gauland glauben, dass er diese Strömungen auf lange Sicht nicht in der Partei haben will. Doch gegenwärtig schenkt sie ihm Wähler, welche die AfD brauchen kann. "Mein Ziel ist es, dass wir in der Parteienlandschaft der Bundesrepublik ankommen und dort fest verankert sind. Ziel muss sein, dass wir das erreichen und nicht durch eigene Dummheiten verspielen."

Nur nicht in Regierungsverantwortung!

Aus diesem Grund rät er der AfD nach den kommenden Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, die am 13. März wohl mit großartigen Ergebnissen für seine Partei enden werden, zu einer "knallharten Opposition". Es dürfe keine "Anbiederung an die Regierenden geben", so Gauland bestimmt. "Was wir als Opposition leisten können, ist, die anderen zum Jagen zu tragen."

Irgendeine Form von Regierungsverantwortung zu übernehmen, "wäre für uns tödlich. Wir würden aufgesaugt werden. Die anderen sind viel zu erfahren in den Institutionen, als dass wir mithalten könnten. Wenn wir jetzt Regierungsverantwortung übernehmen, gehen wir daran zugrunde."

Keine Partei wird nach dem 13. März ein Bündnis mit der AfD suchen. Eines aber haben Gauland und seine Alternative für Deutschland auf alle Fälle erreicht: In der Union und bei den Sozialdemokraten herrscht die nackte Angst. Allein für diesen Erfolg ist Alexander Gauland bereit, mal den Vordenker seiner Partei zu geben, mal mit unappetitlichen Gesellen auf die Barrikaden zu steigen. Wollte man ihn heute von diesem Widerspruch befreien, bliebe nichts mehr von ihm übrig.

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