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Psychologe verrät Daran erkennen Sie islamistische Attentäter

Der Bremer Psychologe Dietmar Heubrock erforscht Verhalten und Auftreten von Attentätern und berät Sicherheitsbehörden. Er weiß, warum wir ein gefährlich falsches Bild vom Bösen haben.

Alles begann mit der Frage eines verzweifelten Personenschützers: Der begegnete dem Psychologen Dietmar Heubrock auf dem Gang des Bremer Polizeipräsidiums. Heubrock unterstützte damals die Mordkommission bei der Aufklärung eines Falls. Die Sicherheitsleute standen in diesen Wochen wegen der vielen öffentlichen Veranstaltungen in Alarmbereitschaft. Der Personenschützer, der Heubrock kannte und wusste, dass dieser zu Verhaltenserkennung forschte, fragte deshalb: "Herr Heubrock, man müsste doch einen Attentäter in einer Menge anhand seines Verhaltens erkennen, oder?"

Dietmar Heubrock machte diese Frage neugierig – also begann er zu forschen. Heute berät und schult er Sicherheitsbehörden in ganz Norddeutschland bei der frühzeitigen Erkennung von islamistischen Attentätern.

Seitdem steckt der Direktor des Bremer Instituts für Rechtspsychologie oft im Zwiespalt: Er muss seine Erkenntnisse veröffentlichen, sonst gibt es keine Förderung; zu viel aber darf er nicht preisgeben – sonst liefert er Schulungsmaterial für Attentäter.

Herr Heubrock, Sie schulen Polizei und Sicherheitsbehörden zur Prävention von islamistischen Attentaten. Was muss man bei großen Menschenmengen beachten?

Dietmar Heubrock: Es geht um das Verhalten der Täter, nicht um das Aussehen. Ein Attentäter versucht, sich aus seiner Sicht möglichst unsichtbar zu machen. Er verhält sich nicht dynamisch, die Mimik ist starr, das gesamte Auftreten soll vermitteln: Ich bin gar nicht da. Wenn Polizisten eine Menschenmenge auf einem Überwachungsbildschirm sehen, vielleicht sogar im Zeitraffer, wirkt es so, als ob sich alle anderen Leute schnell bewegen – nur der Attentäter bewegt sich langsam und adynamisch.

Außerdem nesteln diese Leute unheimlich viel an sich oder an Objekten wie Wasserflaschen herum. Wir haben bei einem Experiment mal mehrere Attentäter "eingeschleust", einer hat in kurzer Zeit 34-Mal an seiner Flasche genippt, ohne wirklich zu trinken.

Kann man denn den "Ernstfall" überhaupt simulieren?

Ja, das geht. Wir haben dazu Experimente durchgeführt: Kofferbomben, die wir im Hauptbahnhof oder Flughafen Hannover eingeschleust haben; falsche Attentäter, um zu testen, ob die geschulten Beamten die Männer nur am Verhalten erkennen. Mit Unterstützung der Bundespolizei haben wir vor vier Jahren einen Mann mit Bordkarte und Plastiksprengstoff losgeschickt, die Streifen am Flughafen Hannover wussten nicht Bescheid. Auf den Erfahrungen aus solchen Einsätzen und dem dort entstandenen Videomaterial basieren unsere Schulungen.

Wer stellt sich bitte freiwillig für so ein Experiment zur Verfügung?

Da finden wir immer genug wagemutige Leute. Wäre unser Proband entdeckt worden, wäre es aber brenzlig geworden. Niemand hätte geschossen, aber er wäre wohl überwältigt worden. Das ist das Risiko bei dieser Art von Feldforschung. Aber niemand hat etwas bemerkt, der Proband wäre an Bord gekommen. Mit dem Sprengstoff.

Unterscheiden sich rechtsradikale Attentäter von islamistischen Tätern, Männer von Frauen?

Sie verhalten sich alle gleich, auch zwischen Frauen und Männern gibt es keine Unterschiede.

Und wie sieht der typische Attentäter aus?

Da haben viele Menschen falsche Vorstellungen. Das Bild – jung, bärtig, arabisch, mit Gebetskette, vor sich hin murmelnd – hält sich hartnäckig, ist aber falsch. Tatsächlich steht ja im Koran, man solle frisch rasiert, gut riechend und in feinen Kleidern "in den Tod übertreten". Einen Rucksack tragen heute natürlich alle, das ist nichts Besonderes mehr.

Frisch rasiert, schicke Kleidung, einen Rucksack hat sowieso jeder: Da geraten ganz neue Gruppen in den Fokus, jeder wird so verdächtig.

Deswegen sind die Verhaltensweisen entscheidend, das wissen die Behörden auch. Die Bundespolizei ist flächendeckend mit unseren Erkenntnissen geschult, die österreichische Bundespolizei auch.

Nun sagen Sie aber auch, mehr bewaffnete Polizisten und Sicherheitspersonal an Bahnhöfen und Flughäfen bringen gar nichts. Warum?

Man rechnet im Normalfall mit Selbstmordattentätern. Wenn ein Attentäter an den Hauptbahnhof kommt und den Behörden davor nicht aufgefallen ist, dann taucht er in der Menschenmenge unter. Wenn er dann den Knopf seiner Sprengstoffweste drückt, dann ist es ja vorbei, da nützen Maschinenpistolen auch nichts mehr. Das offene Tragen der Waffe ist also polizeitaktisch sinnlos.

Aber es gibt eine psychologische Komponente: Die Bevölkerung hat aktuell doch den Wunsch nach entsprechender öffentlicher Präsenz von Sicherheitskräften.

Diese Symbole sollen dem Bürger ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, aber es ist eine reine Showveranstaltung. Wenn Sie am Bahnhof ankommen und sehen da ein Rudel Bundespolizisten mit Maschinenpistole und schusssicherer Weste, wie fühlen Sie sich da?

Gute Frage.

Ich habe meine Studierenden befragt, die sagen: Wir fühlen uns eher unsicherer als sicher. Es entsteht ein Gefühl der Angst, man guckt sich um, das subjektive Sicherheitsgefühl sinkt. Es ist ein Unterschied, ob die Politik meint, der Bevölkerung mit einer Maßnahme wieder das Sicherheitsgefühl geben zu können – oder ob es emotional wirklich beim Bürger ankommt.

"Mehr Waffen führen nicht zu mehr Sicherheit", sagt Dietmar Heubrock. (Foto: Privat)

In Israel oder den Vereinigten Staaten gibt es dagegen viel mehr Polizei- und auch Militärpräsenz im öffentlichen Raum, das ist gesellschaftlicher Konsens.

Das stimmt, Deutschland ist da anders geprägt, wir sind dieses Bild nicht gewohnt. Bei Festnahmen gibt es immer wieder Passanten, die sich einmischen und sagen: Muss das denn jetzt sein, so martialisch? In den alten, grünen Polizeiuniformen gab es Innentaschen, damit selbst die Dienstpistole ja verdeckt getragen werden konnte. Das zeigt, wie schwer wir uns hier mit der Abwehr von Gewalt tun.

Mehr Polizei an zentralen Punkten bringt also nichts. Was dann?

Um eine Person zu neutralisieren, reichen im Zweifelsfall zwei Beamte. Es braucht mehr Voraufklärung und verdeckte Ermittlungen. Das Problem sind die Personalkosten. Observationen sind sehr zeitintensiv, das läuft im Drei-Schicht-System. Da ist es einfacher, öffentlichkeitswirksam ein paar Polizisten vor den Dom zu stellen.

Der Staat kann Selbstmordanschläge also kaum verhindern, höchstens durch intensive Aufklärung – die ist aber zu teuer. Klingt desillusionierend.

Wir werden mit einem Restrisiko leben müssen. Diese Botschaft muss die Politik dem Bürger offen sagen. Das war jahrelang ein Tabu, denn der Staat besitzt das Gewaltmonopol und damit natürlich auch die Verantwortung. Inzwischen wird aber offener eingeräumt: Hundertprozentige Sicherheit können wir nicht bieten. Gerade für uns Deutsche ist das schwer zu begreifen. Wir wollen uns ja gegen alles wappnen, hätten am liebsten eine Versicherung gegen Terroranschläge. Aber es gibt keine Alternative zum Gewaltmonopol, außer wir möchten Verhältnisse wie in den USA ...

... wo die Bürger vor allem sich selbst vertrauen und flächendeckend bewaffnet sind ...

... das kann niemand wollen. Mehr Waffen führen nicht zu mehr Sicherheit. Gerade in den USA gibt es sehr viele tödliche Unfälle mit Kindern, die aus Versehen Waffen abfeuern.

Was für eine Rolle spielen die Medien in der aktuellen latenten Bedrohungslage?

Eine wichtige. Es gibt immer wieder konkrete Hinweise wie zu Silvester in München. Die Sicherheitsmaßnahmen werden hochgefahren, dann sollte auch berichtet werden, aber auch nur dann – kein ständiges, abstraktes Grundrauschen. Das wäre fair und würde die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren.

Ohne das herbeireden zu wollen: Was würde ein Terroranschlag in Deutschland für Folgen haben?

Eine "echte Lage" würde in Deutschland zu einer großen Erschütterung führen, vor allem, weil wir laut der Forschung eine ängstliche, eher vorsichtige Gesellschaft sind.

Aber reagiert nicht jedes Land erschüttert auf einen Anschlag?

Ja, aber wichtig ist, was dann passiert. Die Franzosen sind recht schnell wieder zur Normalität übergegangen, auch ganz bewusst. Die Menschen gehen weiter auf die Straße, in Cafés, ins Konzert. Ich glaube, der öffentliche Raum würde in Deutschland anders aussehen, die Menschen würden nicht mehr gerne durch die Stadt gehen. Es würde einen noch größeren Ansturm auf Pfeffersprays und Schreckschusswaffen geben als jetzt schon.

Was wären die politischen Folgen?

Es käme zu einer Aufrüstung, diesmal im Inneren. Es würde mehr Geld in die Polizei fließen. Das wäre auch jetzt schon nötig, Stadtstaaten wie Bremen und Hamburg sind aktuell weniger gut aufgestellt als Flächenstaaten wie Niedersachsen. Ich fürchte aber, es wäre ein kurzfristiges Reagieren auf eine aktuelle Situation. Uns fehlt ein Grundkonzept von Abwehr und Sicherheit.

Warum ist das so und wie könnte ein Konzept aussehen?

Wir haben aus unserer Geschichte heraus eine kritische Haltung gegenüber allem Militärischen entwickelt. Aber es ändert sich gerade etwas: Die Bevölkerung gewöhnt sich langsam an Sicherheitskräfte mit entsprechender Ausrüstung und erkennt auch deren Nutzen. Die Politik müsste eine ehrliche Grundbotschaft senden und sagen: Es ist zu erwarten, dass es Attentate mit Verletzten und Toten geben wird.

Gleichzeitig müssen die Behörden klarmachen, dass sie verdeckt alles dafür tun, dass so wenig wie möglich passiert. Denn von den Erkenntnissen her sind die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt insgesamt gut aufgestellt, personell aber leider nicht.

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