Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Aufmarsch der Regionalmächte Syrien ist Spielball seiner skrupellosen Nachbarn

Putin gegen Erdogan, Iran gegen Saudi-Arabien: In Syrien ist der Stellvertreterkrieg längst in vollem Gange. Die Lage ist so angespannt wie nie zuvor. Jederzeit kann es zur Eskalation kommen.

Die Geduld der Türkei dürfte bald zu Ende gehen, hatte Tayyip Erdogan noch am Donnerstag gewarnt. Lange musste die Weltöffentlichkeit nicht warten, bis sich Ankara zum militärischen Eingreifen "gezwungen" sah, wie es der türkische Präsident formuliert hatte. Nur drei Tage später, am Samstag, begann das Artilleriefeuer über die Grenze nach Syrien auf Positionen der als Terrorgruppe eingestuften YPG.

Die Kurdenmiliz hatte den von der Türkei unterstützten Rebellen im Norden von Aleppo einige Gebiete abgenommen. Nun bedroht sie die syrische Grenzstadt Azaz und die Nachschubroute aus der Türkei. Für Ankara ist eine "rote Linie" überschritten.

Mehr zum Thema: USA fordern "Ende des Beschusses" durch die Türkei

Im ersten Moment scheint der Beschuss der kurdischen YPG nichts Besonderes zu sein. Das passierte im Laufe der Bürgerkriegs schon einige Male. Aber jetzt ist alles ganz anders. Die Lage in Syrien ist so komplex und angespannt wie nie zuvor. Das Land ist vollständig zur Spielwiese ausländischer Mächte und ihrer Stellvertreter auf dem Schlachtfeld verkommen. Man muss dabei nicht gleich an einen möglichen "dritten Weltkrieg" denken, wie das der russische Premierminister Dmitri Medwedjew in einem Interview mit dem "Handelsblatt" tat. Aber tatsächlich kann es jederzeit zu einer Eskalation und der Ausweitung des Konflikts kommen.

Video: Kämpft Russland in Syrien auch mit Bodentruppen?

 

YPG - Feind der Türkei, Bündnispartner der USA

Die USA und Frankreich haben die Türkei aufgefordert, ihren Beschuss von YPG-Positionen einzustellen. Man sei besorgt über "die sich verschlechternde Situation" im Norden von Aleppo. In Wirklichkeit geht es nur um die YPG, die weiter als Bodentruppe im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gebraucht wird. Die Kurden erwiesen sich als einziger zuverlässiger und gleichzeitig erfolgreicher Partner gegen die Extremisten des IS und waren deshalb auch mit Waffen beliefert worden. Die USA werden jetzt kaum zusehen, wie ein wichtiger Bündnispartner in Grund und Boden geschossen wird. Denn genau das scheint sich anzubahnen.

Mehr zum Thema: Türkei bereit für Entsendung von Bodentruppen nach Syrien

Die YPG hat den von der Türkei geforderten Rückzug abgelehnt und geht stattdessen weiter im Norden von Aleppo gegen Rebellen vor. Ihr Hauptgegner ist dort Ahrar al-Scham, eine radikal-islamistische Gruppe mit guten Beziehungen zur Al-Qaida-Organisation Dschabat al-Nusra. Bei der Türkei regiert ein Zwang zum Aktionismus. Man will etwas tun, egal wie.

Die syrische Armee und ihre Hilfstruppen aus dem Iran, Afghanistan und dem Libanon führen seit zehn Tagen eine erfolgreiche Offensive, die den Bürgerkrieg für sie entscheiden könnte. Sie haben es fast geschafft, Aleppo komplett einzukesseln. Aber auch landesweit bekommt die syrische Armee mehr und mehr Oberwasser. Für die Türkei ist das ein Horror. Seit 2011 unternimmt sie alles, um Assad und sein Regime zu stürzen. Ankara hat selbst die radikalsten Rebellengruppen unterstützt, um dieses Ziel zu erreichen. Nun soll alles vorbei sein und das Regime überleben?

Russland bombt den Weg frei

Vielleicht ließe sich der Interessenkonflikt zwischen den USA und der Türkei rund um die YPG auf diplomatischem Weg klären. Aber da sind auch noch der Iran, Russland und das Königreich Saudi-Arabien, das nun mit Bodentruppen in Syrien intervenieren will. Das ist eine Mischung, die nicht explosiver sein könnte. Bisher hat Russland auf die Artillerieangriffe der Türkei nicht reagiert. Sollten sich diese jedoch intensivieren und Ankara sogar auf die Idee kommen, Luftangriffe gegen die Kurden zu starten, dürfte die russische Geduld ein Ende haben.

Mehr zum Thema: Ursula von der Leyen sieht "doppeltes Spiel von Russland"

Militärisch ist Russland vorbereitet. In der Nähe von Latakia wurde eine Flugzeugflotte stationiert, darunter seit Februar auch das neue Modell SU-35S. Hinzu kommt das moderne Luftabwehrsystem S-400 mit einer Reichweite von 400 Kilometern, das Syrien für türkische Maschinen zu einer No-go-Zone macht.

Zwischen Russland und der YPG gibt es keine offizielle Partnerschaft. Jedoch wurde seit Beginn der russischen Militärintervention im September den Kurden – gewollt oder nicht – mit Bombardierungen Hilfe geleistet. Im Norden von Aleppo scheint sich diese "stillschweigende" Vereinbarung jetzt intensiviert zu haben. Jedenfalls bomben russische Kampfflugzeuge auffällig oft den Weg für die YPG frei. Die Miliz macht keinen Unterschied zwischen sogenannten gemäßigten und radikalen Islamisten. Sie bekämpft alle - und hat auch guten Grund dazu. Die Kurden wurden von allen angegriffen - vom IS, al-Qaida und von Gruppen der Freien Syrischen Armee (FSA).

Putin vs. Erdogan und Iran vs. Saudi-Arabien

Der Kreml hat mit Ankara noch eine Rechnung offen. Der Abschuss der russischen Maschine, die im November nur kurz den türkischen Luftraum verletzt hatte, ist nicht ad acta gelegt. Russland hat die Türkei bereits vor einer Bodeninvasion gewarnt. Die türkische Luftwaffe solle ruhig über Syrien fliegen, sagte Präsident Wladimir Putin im Dezember. "Ich lade sie gerne ein, aber dann bekommt sie eine ernste Reaktion zu spüren." Die Gegnerschaft zwischen Russland und der Türkei könnte nicht tiefer sein: Der Kreml hält Assad an der Macht, und der Türkei ist jedes Mittel recht, um ihn zu stürzen - sogar die Hilfe radikaler Islamisten.

Mehr zum Thema: Iran in Kampf gegen IS zu Kooperation mit Saudi-Arabien bereit

Und was ist mit Saudi-Arabien? Das Königreich hat am Sonntag Kampfflugzeuge auf der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik stationiert. "Die Luftoperationen, die bereits von Saudi-Arabien aus geführt werden, sollen in der Türkei intensiviert werden", gab Brigadegeneral Ahmed al-Assiri, der Sprecher des saudi-arabischen Militärs, bekannt. Aber noch lieber würde der Golfstaat Bodentruppen nach Syrien schicken. Denn Riad fühlt sich verpflichtet, ähnlich wie Ankara, unbedingt etwas zu unternehmen. Saudi-Arabien hat viele Millionen in den Sturz von Assad investiert. Nun scheint die Offensive der syrischen Armee den ganzen Aufwand zunichtezumachen.

Der Einsatz saudi-arabischer Bodentruppen hängt von den Entscheidungen der internationalen Anti-IS-Koalition ab. "Sollte sie Bodentruppen nach Syrien schicken", erklärte der saudi-arabische Außenminister Adel al-Dschubeir, "sind wir vorbereitet, um Spezialeinheiten mitzuschicken." Man kann nur hoffen, dass das nie passiert. Denn die Präsenz sunnitischer Truppen des Königreichs würde der schiitische Iran aller Wahrscheinlichkeit nach nie tolerieren. Die Konfrontation wäre programmiert.

Mehr zum Thema: Saudi-Arabien sendet düstere Drohung an Russland

Denn die Islamische Republik hat viel zu viel für das Überleben des Assad-Regimes investiert. Teheran pumpt jeden Monat Millionen an ausländischen Devisen nach Damaskus. Es hat die gesamte syrische Armee restrukturiert, Zehntausende von Kämpfern ausgebildet und bewaffnet. Zudem wurden Milizen aus dem Irak, Afghanistan und dem Libanon angeheuert. Für den Iran ist Syrien ein Ort, an dem sich die historische Schlacht von Kerbala vor 1300 Jahren wiederholt. Diesmal aber sollen die Sunniten unterliegen und nicht, wie damals, die Schiiten.

Das Schicksal Syriens steht auf Messers Schneide. Jeden Tag kann es sich in eine neue Richtung bewegen, mit wechselnden Gegnern und Allianzen. Es ist ein gefährliches, fragiles Geflecht, das jederzeit auseinanderzubrechen droht. Es könnte einen Tag geben, so einschneidend wie damals der 11. September, den man nicht mehr vergisst.

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.