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Zivilisten im Fokus der Taliban Der Krieg in Afghanistan "verwildert"

Mehr als 11.000 Zivilisten sind in 2015 in Afghanistan getötet und verletzt worden. Ein neuer Höchststand. Am erschreckendsten aber ist die Zunahme gezielter Angriffe auf Zivilisten.

Der Stammesälteste war auf dem Weg ins Dorf, als er sah, wie Talibankämpfer drei Männer mit gefesselten Händen die Straße entlang schubsten. Die Taliban wollten sie köpfen. "Ich versuchte, mit ihnen zu reden, aber sie warnten mich, ich sollte weggehen", sollte sich der Mann später erinnern. "Die Taliban trennten sich, ich folgte einer Gruppe mit einem der Gefangenen. Er bat um Wasser, aber sie gaben ihm keins. Dann köpften sie ihn, vor meinen Augen. Ein Kämpfer schrieb auf einen Zettel, der Mann sei bestraft worden, weil er die Regierung unterstützt hatte. Den Zettel legten sie auf die Leiche und ließen sie da liegen."

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Dies ist nur eine Zeugenaussage von vielen, die die Vereinten Nationen für ihren am Sonntag vorgestellten Jahresbericht zu zivilen Opfern in Afghanistan zusammengetragen haben. Insgesamt 87 Seiten voller Zahlen und Fallstudien ergeben ein trauriges Gesamtbild: 11 002 Zivilisten sind von den unterschiedlichen Konfliktparteien in 2015 getötet und verletzt worden - ein neuer Höchststand und vier Prozent mehr als in 2014.

Frustrierte Taliban stecken in einer Sackgasse

Die meisten Menschen starben, als sie während Gefechten zwischen die Fronten gerieten. Aber einige Zahlen dokumentieren einen besonders erschreckenden Trend - den, dass die Taliban vermehrt Zivilisten ins Visier nehmen. Indiz für diesen Fokus auf sogenannte weiche Ziele ist zum Beispiel der Anstieg der Morde an Zivilisten. Gezielte Tötungen von Mullahs, Gemeindeältesten oder Mitgliedern der Provinzregierung sind nicht neu. Aber von 2014 auf 2015 ist ihre Zahl um ganze 27 Prozent in die Höhe geschossen. Das ergebe 850 Tote - 24 Prozent aller Todesopfer, sagt die UN.

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Auch diese gefangenen Taliban-Kämpfer sind gezeichnet von dem seit Jahrzehnten andauernden Konflikt in Afghanistan. (Foto: Reuters)

Somit machten gezielte Morde von Zivilisten die zweitgrößte Gruppe der Toten aus.
Es ist ein Trend, der sich in 2016 spürbar fortsetzt. Beispiele aus der jüngsten Zeit beinhalten im Januar den Anschlag auf einen Bus voller junger Angestellter des Fernsehsenders Tolo oder im Februar den Mord am 10-jährigen Wasil Ahmad in der Provinz Urusgan. Die Taliban töteten ihn, weil er in Kämpfen gegen sie ausgeholfen hatte.

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Der deutsche Afghanistanexperte Thomas Ruttig nennt das "die allseitige Verwilderung des Krieges". Ein Grund dafür sei eine Konsequenz aus der Veränderung der Kriegsparteien, sagt der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan, Alexey Yusupov. "Mit dem Abzug der internationalen Truppen seit Ende 2014 gibt es sehr viel weniger harte Ziele. Es gab da logischerweise eine Verlagerung zu weichen Zielen."
Ein westlicher, langjähriger Beobachter der Taliban fügt hinzu, dass "da auch viel Frustration über das Patt" mitspiele. "Seit Jahren opfern sich Taliban auf - so empfinden sie es zumindest -, und haben es bislang noch nicht geschafft, ihren Krieg zu gewinnen. Also muss man härter zuschlagen."

Es fehlt an harten Zielen für Anschläge

Patricia Gossmann von Human Rights Watch, sagt, diese Strategie sei ja auch erfolgreich. Sie trüge dazu bei, das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung weiter zu unterminieren - ein Hauptziel der Aufständischen. FES-Chef Yusupov sagt, die riesige Aufmerksamkeit für solche Angriffe helfe, eine nützliche Drohkulisse aufzubauen. Unter anderem sei die auch für den Friedensprozess brauchbar.

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Ein anderer Grund für die Verrohung des Konflikts ist die zunehmende Zersplitterung der Taliban sowie der Extremistenlandschaft in Afghanistan. Der daraus folgende blutige Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Rekruten hat Regeln, die zuvor zumindest ab und zu befolgt wurden, außer Kraft gesetzt. Denn Regeln haben auch die Taliban. Ihr Regelbuch, die Layha, gebietet ausdrücklich den Schutz von Zivilisten. In einer Fassung aus dem Jahr 2010, die die jüngste zu sein scheint, gibt es mehrere Paragrafen dazu.

Hier, sagen einige Beobachter, sei auch die neue Präsenz der Terrormiliz Islamischer Staat und ihre professionelle Vermarktung von Grausamkeiten "stilprägend". Es gebe Zeichen für eine Brutalisierungs-Dynamik. Es sieht nicht so aus, als ob 2016 besser würde für die Kinder, Frauen und Männer Afghanistans 

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