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Torgau, Kirchheim und Co. Die Pilgerstädten rechter Musikfans

Der Trend weit Rechts geht zum völkischen Liederabend: Erstmals seit Jahren steigt die Zahl von Rechtsrock-Konzerten in Deutschland. Zwei Orte in Ostdeutschland fallen als Szene-Hochburgen auf.

"Raum Aachen", steht auf dem Flyer, daneben fletscht ein Wolf seine Zähne. "20.02.2016. Eintritt: 17,50 Euro. Nur Abendkasse." Eine Uhrzeit sucht man vergeblich. Und auch die genaue Adresse bleibt vorerst ein Geheimnis. Es ist die Ankündigung für ein Konzert der rechten Hooligan-Band Kategorie C – Hungrige Wölfe aus Bremen. Deren Sänger, Hannes Ostendorf, ist ein verurteilter Straftäter. Er war im Herbst 1991 an einem Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim beteiligt.

In den Songtexten der Band heißt es: "Euer Albtraum, der wird wahr, die Deutschen sind wieder da!" Oder auch: "Deutschland, dein Trikot, das ist schwarz und weiß, doch leider auch die Farbe deiner Spieler."

Rechtsrock, rassistischer Hardcore, ausländerfeindlicher Hip-Hop und völkische Liederabende – Musik ist ein essenzieller Bestandteil des deutschen Rechtsextremismus. Dutzende Bands versorgen die Szene landesweit über einschlägige Plattenlabels und Versandshops mit Hass-Gegröle gegen Ausländer, Flüchtlinge und Linke – auf CDs und DVDs, im MP3-Format und immer häufiger auch auf Vinyl.

Die Live-Events schienen zuletzt hingegen an Attraktivität einzubüßen; seit Jahren war die Zahl von rechtsextremen Musikveranstaltungen zurückgegangen. Dieser Trend ist nun aber vorerst gebrochen: Das geht aus den Antworten der Bundesregierung auf parlamentarische Anfragen der Linksfraktion im Bundestag hervor, welche die "Welt" ausgewertet hat.

Bundesregierung gibt nicht alles preis

Demnach fanden 2015 deutschlandweit insgesamt 69 neonazistische Konzerte statt und damit 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Dabei handelt es sich um vorläufige Angaben; einzelne Veranstaltungen können noch nachgetragen oder korrigiert werden. Seit 2005, dem Jahr mit den meisten Veranstaltungen (193), war die Zahl fast kontinuierlich gesunken.

Die Abgeordneten der Linken verlangen regelmäßig von der Bundesregierung Auskunft, welche Informationen den Sicherheitsbehörden zu rechtsextremen Musikveranstaltungen vorliegen. Zwar legt das Innenministerium nicht alles offen – mit Verweis darauf, dass "die rechtsextremistische Szene daraus Rückschlüsse auf den Erkenntnisstand der Sicherheitsbehörden ziehen und ihre weitere Vorgehensweise gezielt danach ausrichten" könne. Zum Teil erfahren die Behörden von einzelnen Konzerten auch erst später, geht aus der Beantwortung der Linke-Anfrage hervor.

Aber für einen großen Teil der Konzerte kann das Ministerium Datum und Ort nennen, sowie die auftretenden Bands und Liedermacher. Diese Informationen liegen für 181 Konzerte, Liederabende und Parteiveranstaltungen mit Musikbeiträgen seit Oktober 2013 vor.

Gerade Liederabende, eine scheinbar überholte Form der rechtsextremen Live-Musik, hatten zuletzt einen überraschenden Auftrieb: Nach Angaben der Sicherheitsbehörden fanden in den vergangenen beiden Jahren jeweils mehr als 60 nationalistische Liederabende statt. Es sind die höchsten bislang dokumentierten Werte. Bei Liederabenden treten Sänger und Liedermacher auf – häufig mit Gitarrenbegleitung – und tragen völkische und nationalsozialistische Lieder vor.

"Ich denke, rechte Liederabende standen lange Zeit weniger im Fokus der Sicherheitsbehörden", sagt Rechtsextremismusforscher Jan Raabe. Außerdem seien solche Veranstaltungen leichter zu organisieren als große Konzerte.

Warum ausgerechnet Torgau?

Die meisten rechtsextremen Musikveranstaltungen fanden in Sachsen und Thüringen statt. "Es ist unerträglich, dass Rechtsextremisten in Thüringen weiterhin ihre Hassmusik spielen", sagte der Verfassungsschutzpräsident des Landes, Stephan Kramer, der "Welt". Seine Behörde wolle gemeinsam mit der Polizei den Druck auf die Szene erhöhen. Der Einsatz von sogenannten V-Leuten sei begrüßenswert – auch um konspirativ stattfindende Konzerte aufzudecken. "Wir dürfen nicht das Risiko eingehen, im rechtsextremistischen Bereich blind zu sein", sagte Kramer.

Die braunen Konzerte sind gleichwohl kein rein ostdeutsches Phänomen: Auch in Baden-Württemberg und Bayern etwa gab es viele musikalische Events dieser Art.

Auffällig viele Veranstaltungen hat der Verfassungsschutz in zwei Orten registriert: Torgau in Sachsen und Kirchheim in Thüringen. Interessant ist, dass es sich bei den beiden Orten keineswegs um "braune Nester" handelt: Bei der Bundestagswahl 2013 etwa bekam die NPD in Torgau 3,9 Prozent der Stimmen, in Kirchheim 3,3 Prozent – Werte, die nur marginal über dem jeweiligen Landesschnitt lagen.

Es dürfte einen anderen Grund dafür geben, dass die rechte Szene sich ausgerechnet dort so gerne zu musikalischen Veranstaltungen trifft: "Dort sind Immobilien im Besitz von Rechtsextremisten oder können von diesen problemlos angemietet werden", sagt Extremismusexperte Raabe.

Michael Regener war früher Sänger der Berliner Neonazi-Band Landser. Heute ist er bei der Band Die Lunikoff Verschwörung aktiv. (Foto: picture alliance / Geisler-Fotop)

Eine Scheune als Hotspot brauner Musik

In Kirchheim etwa, einem 750-Seelen-Dorf bei Erfurt, steht so etwas wie die Mehrzweckhalle der rechten Szene: eine alte Scheune, zu der alle paar Wochen mehr als 200 Neonazis aus ganz Deutschland pilgern. Sie feiern zu Live-Musik von Bands mit Namen wie Die Lunikoff Verschwörung oder Treueorden. In den Musik-Listen des Innenministeriums taucht Kirchheim 16 Mal auf; die thüringische Beratungsstelle Mobit zählte hier seit 2009 sogar insgesamt 90 neonazistische Aktivitäten.

Die Scheune dürfte auch der einzige Ort Deutschlands sein, an dem gleich drei rechtsextreme Parteien schon ihre Bundesparteitage abgehalten haben: 2010 löste sich hier die DVU auf und schloss sich der NPD an. Diese wiederum kam 2014 in Kirchheim zusammen, und im vergangenen Jahr tagte hier schon zum zweiten Mal die besonders radikale Kleinstpartei Der III. Weg.

Der Protest der Anwohner blieb folgenlos. Bis heute wird die Scheune an Rechte vermietet – angeblich nur aus Geldnot: Mit der politischen Gesinnung seiner Gäste will der Besitzer dem Vernehmen nach nichts zu tun haben.

All-inclusive-Angebote für Neonazis

Der Datensatz des Innenministeriums erlaubt zudem Rückschlüsse auf die Beliebtheit von Bands und Liedermachern. Das Angebot ist demnach breit gefächert: Bei den 181 dokumentierten Veranstaltungen seit Oktober 2013 standen mindestens 163 verschiedene Musiker auf der Bühne. Besonders oft gebucht: die Liedermacher Michael Regener und Frank Rennicke sowie die Bands Überzeugungstäter Vogtland, Die Lunikoff Verschwörung, FreilichFrei und Tätervolk.

Dass die Zahl solcher Konzerte fast ein Jahrzehnt lang rückläufig gewesen war, erklärt Szenekenner Raabe mit dem steigenden Repressionsdruck. In vielen Bundesländern werde mittlerweile stärker gegen solche Musikveranstaltungen vorgegangen, sagt er. Auch die Szene an sich habe sich verändert. "Es gibt weniger Neugründungen von Bands. Und einige etablierte Neonazi-Bands treten weniger im Inland, dafür vermehrt im Ausland auf."

Zeitgleich wird die Szene bei der Organisation der Events offenbar immer professioneller. Laut Sicherheitskreisen werden die Konzerte vermehrt über soziale Netzwerke angekündigt und teilweise sogar mit juristischer Beratung geplant. "Die Szene will kein Risiko eingehen", sagt ein Verfassungsschützer. "Die Veranstalter arbeiten im Vorfeld mit dem Ordnungsamt zusammen, legen teilweise sogar Songtexte vor, um keinen Ärger zu bekommen. Verbotene Lieder werden immer seltener gespielt."

Auch darüber hinaus hat sich die braune Musikszene gewandelt. "Sie ist älter geworden – sowohl die Bandmitglieder als auch die Fans", sagt Forscher Raabe. Viele Konzertbesucher seien weniger auf Krawall oder auf konspirative Feiern mit mühsamer Anreise aus. Die älteren Fans verfügten häufig über mehr Geld und könnten höhere Ticketpreise bezahlen. "Für diese Klientel gibt es inzwischen All-inclusive-Angebote", sagt Raabe. "Konzertticket samt An- und Abreise per Bus. Gut organisiert von erfahrenen Kadern der extremen Rechten."

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