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"Jetzt erst recht!" Bautzner wehren sich gegen den braunen Sumpf

Der Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft hat viele Bautzner erschüttert. Der Bürgermeister findet deutliche Worte. Dass die Rechten gewinnen, will er verhindern.

Als Alexander Ahrens am Samstagabend aus dem Familienurlaub zurück nach Hause kam, da war die Welt des Bautzener Oberbürgermeisters noch in Ordnung. Ja, es wurde heftig über die Unterbringung von Flüchtlingen diskutiert, aber nein, bis dato hat es keine ausufernde Gewalt in der 40.000-Einwohner-Stadt gegeben. Das war einmal, sagt Ahrens nun, am ersten Tag nach den Ferien, den er eigentlich mit Krankenbesuchen verbringen wollte.

Stattdessen steht der 50-Jährige, verheiratet, Vater von vier Kindern, zur Mittagszeit im Regen vor dem ehemaligen Hotel "Husarenhof" und schüttelt den Kopf. "Ich war immer stolz darauf, dass es hier bei uns friedlich geblieben ist. Aber das ist ja nun vorbei", sagt Ahrens. Über Nacht hat sich die Welt des parteilosen Politikers, der im August vergangenen Jahres zum Oberbürgermeister gewählt wurde, verändert. Zum Schlechten, denn in seiner Stadt hat ein Gebäude gebrannt, in das in Kürze 300 Flüchtlinge einziehen sollten.

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An Nachrichten wie solche – so erschreckend sie auch sind – musste man sich in den vergangenen Monaten gewöhnen. Aber das, was in Bautzen geschehen ist, ist eine neue Dimension: Schaulustige bejubelten den Brand. "Das ist absolut widerwärtig", sagt Ahrens, und sein neben ihm stehender Sprecher fügt hinzu: "Bitte schreiben Sie dieses Wort: widerwärtig."

. (Foto: Infografik Die Welt)

Menschen stellten sich der Feuerwehr in den Weg

Stadtoberhaupt Ahrens schlief tief und fest, als Anwohner am Käthe-Kollwitz-Platz um 3.30 Uhr sahen, dass Flammen aus dem leerstehenden, L-förmigen Gebäude schlugen. Der Dachstuhl brannte lichterloh. 70 Einsatzkräfte der Feuerwehr rasten zum "Husarenhof". Aber ihre Gegner waren nicht nur die Flammen, sondern überwiegend junge, teils alkoholisierte Menschen. Sie blockierten die Zufahrtswege und forderten die Beamten auf, ihre Arbeit einzustellen, damit das Gebäude niederbrennen konnte.

Sie lachten und johlten; sie fanden ihr Glück im Hass. Von insgesamt 30 Personen, die sich auf dem Käthe-Kollwitz-Platz versammelten, spricht die Polizei am Tag danach. Und von mehreren Platzverweisen und Personalienfeststellungen. Zwei 20-Jährige, die sich weigerten, den Platz zu verlassen, wurden in Gewahrsam genommen.

Am Sonntagmittag, kurz nachdem der Brand gelöscht war, schlugen Brandmittelspürhunde in dem Gebäude an. Da waren die letzten Zweifel ausgeräumt: Ja, es war Brandstiftung. Die Polizei versucht nun, herauszufinden, ob der oder die Brandstifter nach dem Verüben der Tat auch zu den Gaffern gehörten; diesen Verdacht äußerte auch Oberbürgermeister Ahrens.

Der Bürgermeister von Bautzen, Alexander Ahrens (parteilos), vor dem früheren Hotel "Husarenhof". Dort sollten bald Hunderte Flüchtlinge einziehen – doch Rechtsextremisten haben das mit einem Brandanschlag unmöglich gemacht. (Foto: Tim Röhn (4))

Maas findet es "abscheulich und widerlich"

Als am Sonntagvormittag bekannt wurde, was sich in Bautzen in der Nacht zuvor abgespielt hatte, schaltete sich auch die große Politik ein. Der Brand in der Kleinstadt in der Oberlausitz, unweit der polnischen und tschechischen Grenzen gelegen, wurde zu einer nationalen Angelegenheit. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) etwa meldete sich bei Twitter zu Wort. "Wer unverhohlen Beifall klatscht, wenn Häuser brennen, und wer Flüchtlinge zu Tode ängstigt, handelt abscheulich und widerlich", schrieb Maas.

Am Sonntagnachmittag, um kurz nach drei, zeigen mehr als 300 Bautzener Bürger, dass sie das genauso sehen. So viele Menschen kommen zu einer spontanen Kundgebung zu der geplanten Flüchtlingsunterkunft zusammen; der Brandgeruch liegt immer noch in der Luft, Kriminalpolizisten streifen durch das Gebäude.

Die wütenden Bürger haben Transparente dabei, auf denen unter anderem steht: "Sag nein zu Rassismus!" und "Seid ihr nun zufrieden?". "Flüchtlinge willkommen", ist auf den T-Shirts und Pullovern von zwei jungen Frauen geschrieben. Kerzen werden entzündet, Blumen niedergelegt. Die Menschen wollen signalisieren: Wir sind kein braunes Nest.

Das ist auch die Botschaft von Oberbürgermeister Ahrens, der in Jeans und Lederjacke vor seinen Bürgern steht und eine Viertelstunde lang über den Anschlag spricht, mit finsterer Miene, ohne Mikrofon, er brüllt fast: "Ich bin nicht bereit, das einfach so hinzunehmen. Ich sage: Jetzt erst recht! Und so nicht!" Bereits am Sonntagmorgen sprach er mit dem für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständigen Landrat und machte klar: Bautzen nimmt die 300 Flüchtlinge trotzdem auf, natürlich. Der "Husarenhof" ist auf unbestimmte Zeit unbewohnbar, aber die Suche nach alternativen Unterkünften hat bereits begonnen.

Ein Teilnehmer der Demonstration gegen Rechtsextremismus. (Foto: Tim Röhn)

AfD als "geistige Brandstifter"

Ahrens sagt, dass er mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nicht zufrieden sei. Angesichts der großen Anzahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, hält er es für falsch, dass Flüchtlinge unkontrolliert nach Deutschland einreisen. Aber der Mann ist alles andere als ein Hassprediger, er sagt, dass er es für notwendig hält, über all diese Dinge zu diskutieren. Gerne emotional, damit hat er kein Problem – aber bitte doch fair.

Und so schimpft er auf die Alternative für Deutschland (AfD) und ihre Führungsspitze. "Es gibt in unserem Land geistige Brandstifter. Wenn ich nur an die Äußerungen von Frau Storch und Frau Petry denke, dann müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, für das hier mitverantwortlich zu sein", ruft Ahrens. Was er meint, sind die Aussagen zum Schusswaffengebrauch an der deutschen Grenze. "Das geht nicht", sagt Ahrens. Die Bürger stehen hinter ihm, sie quittieren seine Statements mit Beifall. Am Ende sagt er, Bautzen werde sich den "Stempel der Fremdenfeindlichkeit" nicht aufdrücken lassen. 

Dann zieht ein Dutzend dunkel gekleidete Personen auf; einige der Personen tragen Springerstiefel und Kleidung von in rechtsextremen Kreisen beliebten Marken. "Neonazis", sagt ein Polizeibeamter. Er und seine Kollegen postieren sich vor der kleinen Gruppe und den Demonstranten. Die sind deutlich in der Überzahl und recken den Rechten ihre Anti-Rassismus-Plakate entgegen. Ansonsten sagen sie kein Wort, und sie kommen den finsteren Gestalten nicht näher. Der Brand, er hat Bautzen gelähmt.

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