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Wahl in Rheinland-Pfalz Die "Charmante" und die "Schöne" kämpfen ohne Schlamm

Erstmals bei einer Landtagswahl kämpfen zwei Kandidatinnen gegeneinander. Dabei fährt Julia Klöckner aus gutem Grund eine völlig andere Strategie gegen Malu Dreyer als gegen deren Amtsvorgänger.

Die Woche begann für Julia Klöckner mit einer Schockmeldung: Der komfortable Vorsprung der rheinland-pfälzischen CDU-Spitzenkandidatin ist dahingeschmolzen, nur noch zwei Prozentpunkte Abstand trennen Klöckners Union von der Partei ihrer Konkurrentin, Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).

Einen derart kleinen Vorsprung hatte die CDU zuletzt Ende 2012. Zeitweise hatte Klöckners Partei sogar 13 Prozentpunkte vorn gelegen. Doch obwohl der Wahlkampf in Zeiten der Flüchtlingskrise spannender ist als jeder Krimi, läuft die direkte Auseinandersetzung der Spitzenkandidatinnen erstaunlich zahm und sachlich, um nicht zu sagen: langweilig.

Dabei findet im Land der Rüben und Reben gerade eine echte Premiere statt: die erste echte Damenwahl der deutschen Politik, die "charmante" Malu gegen die "schöne" Julia, wie bei "Mainz bleibt Mainz" jüngst gefeixt wurde.

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Dreyer, die vor drei Jahren nach dem Rücktritt von Kurt Beck (SPD) ins Amt gehoben wurde, und CDU-Bundesvize Klöckner fassen sich zwar nicht gerade mit Samthandschuhen an. Aber sie attackieren sich auch nicht unter der Gürtellinie. Die Politikerinnen ignorieren sich ganz einfach weitgehend.

Bei der einen, Dreyer, passt die persönliche Attacke nicht zum Naturell. Der anderen, Klöckner, würde es der Wähler schwer übel nehmen, wenn sie die hoch beliebte und zudem an Multipler Sklerose erkrankte Landesmutter zu hart herannähme. Außerdem will Klöckner noch etwas werden, nicht nur in Mainz. Sich mit Schlamm zu bewerfen wäre für beide die denkbar schlechteste Strategie.

Mit Beck sprang Klöckner ganz anders um

Vor fünf Jahren hatte sich die quirlige Rheinhessin Julia Klöckner mit Seiner Majestät, "König" Beck, hingegen Schlachten geliefert, von denen man noch heute spricht. Beck, nach 16 Jahren auf dem Thron erfolgsverwöhnt, reagierte zunächst irritiert, dann entnervt, schließlich dünnhäutig auf die damals 38-Jährige. Sie warf ihm in krachlederner Manier "Genossenförderungsprogramme" und Parteifilz vor, der "wie Mehltau über dem Land" liege, und nannte seine Politik bräsig und selbstgefällig.

Februar 2012: Der damalige Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) und Klöckner bei der Landtagsfastnacht in Mainz. (Foto: dpa)

Der beleidigte Ministerpräsident ließ sich am Ende zu dem fatalen Satz hinreißen, er werde mit Julia Klöckner "umgehen wie mit einem Mann, fair und sachlich". Eine Steilvorlage: Die Herausforderin schickte ihm einen Blumenstrauß ins Haus und versprach: Sie werde ihn trotzdem nicht behandeln wie eine Frau.

Von einem solchen Zoten-Wahlkampf ist Rheinland-Pfalz nun Lichtjahre entfernt. Bei der aktuellen Wahl verzichtet Klöckner auf derbe Vorwürfe und zynischen Spott komplett. Und das nicht allein, weil die Zeiten ernst sind und die Lage nicht zum Schenkelklopfen taugt. Es liegt auch an dieser besonderen Konstellation, die sich durch den Rücktritt von Kurt Beck ergeben hat: Nicht mehr die junge, blonde Senkrechtstarterin kämpft gegen einen alten, am Sessel festgewachsenen Bartträger, sondern es handelt sich um zwei ehrgeizige, kompetente Politikerinnen auf Augenhöhe.

Beide hätten lieber einen Mann als Gegner

Attacken mit Bezug auf Dreyers Krankheit verbieten sich freilich von selbst. Als ein instinkt- und anstandsloser Provinzpolitiker jüngst Dreyer im Internet vorwarf, ihre Behinderung auszunützen und auf der "Mitleidsschiene" Wahlkampf zu machen, reagierte die CDU sofort scharf: Der komplette Vorstand des CDU-Ortsverbands Koblenz Süd, dem der Kritiker Daniel Wilms angehörte, trat zurück und legte dem bisherigen Beisitzer den Parteiaustritt nahe.

Dreyer und Klöckner, so ist zu hören, hätten sich beide einen anderen Gegner gewünscht. Einen Mann, an dem man sich hätte abarbeiten können, ohne dabei gleich zickig oder stutenbissig rüberzukommen. Allerdings ist bei der amtierenden Ministerpräsidentin, die eigentlich Arbeitsrichterin werden wollte, weil sie so gern vermittelt, ohnehin alles auf Konsens ausgerichtet.

Dreyer kann zwar durchgreifen, wie sie bei einer radikalen Kabinettsumbildung im November 2013 demonstrierte. Aber Angriffe unter der Gürtellinie sind bei ihr nicht mal gegen die AfD vorstellbar, auch wenn sie deren Einzug ins Mainzer Parlament mit aller Kraft zu verhindern versucht.

Klöckner wiederum scheint erwachsen geworden zu sein in fünf Jahren Mainz. Sie agiert nun kontrolliert, strategisch, mit mehr Augenmaß und Geschick als früher. Als Beck das Zepter an Dreyer weitergab, hatte die angriffslustige Klöckner eine neue Herangehensweise finden müssen, um ihre Gegnerin zu entzaubern. Dass sie sich dafür mehrere gewiefte Berater zulegte, hat sich gelohnt.

Während Dreyer durchs Land zieht und damit wirbt, dass es mit der SPD weiterhin kostenlose Kita-Plätze gebe, dreht Klöckner am großen Rad. Sie präsentiert Konzepte gegen die Flüchtlingskrise, äußert sich zu Europa, mischt sich mit immer neuen Vorschlägen in die Bundespolitik ein oder lädt zu den "Mainzer Sicherheitsgesprächen" mit einem Ex-Bundesverfassungsrichter und dem Außenminister von Österreich. Auf diese Weise gelang ihr bisher sogar der schwierige Spagat zwischen den Seehofer- und Merkel-Positionen in der Flüchtlingspolitik.

Gemeinsam in einer großen Koalition? Wohl kaum

Nun hat sie, gemeinsam mit dem baden-württembergischen Kandidaten Guido Wolf, allerdings ein Papier vorgelegt, das die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin deutlich kritisiert und Sofortmaßnahmen wie Tageskontingente und Aufnahmezentren möglichst weit weg von den deutschen Grenzen verlangt. Kein Mensch dürfe ohne Asylgrund mehr ins Land gelassen und auf die Kommunen verteilt werden, so die Forderung.

 

Vor allem von SPD und Grünen wurde Klöckner dafür scharf kritisiert: Sie falle der eigenen Parteichefin Angela Merkel aus wahltaktischen Gründen in den Rücken, höhnte die neue Generalsekretärin der Bundes-SPD, Katarina Barley, die übrigens aus Rheinland-Pfalz kommt und ihren Wahlkreis am Wohnort von Malu Dreyer hat: "Wer solche Stellvertreter hat, braucht keine Feinde mehr."

Wie der Vorstoß bei den Wählern ankommt, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall geht es um sehr viel bei dieser Wahl. Für die SPD wäre der drohende Verlust von Rheinland-Pfalz nach über 20 Jahren ein Debakel; der ohnehin angezählte Parteichef und Vizekanzler Sigmar Gabriel könnte dadurch endgültig zu Fall kommen.

Und die CDU-Frontfrau Klöckner wurde zuletzt wiederholt in den Medien gehandelt als eine mögliche Nachfolgerin Merkels. Deren Stellvertreterin in der Bundespartei ist die emsige 43-Jährige schon jetzt. Aber eine erneute Wahlniederlage in Rheinland-Pfalz würde ihrem Strahlefrau-Image einen tiefen Kratzer bescheren.

Klöckners Chancen standen lange besser als die von Dreyer. Und noch immer ist Rot-Grün laut Umfragen weit entfernt von einer Mehrheit, während die FDP keinerlei Interesse an einer Ampel signalisiert. Am wahrscheinlichsten scheint die große Koalition.

Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge wäre die SPD darin aber nur Juniorpartner, und Malu Dreyer würde sich zurückziehen. Aber wenn der Abwärtstrend anhält, könnte sich das noch einmal ändern. Das wäre dann wohl das Ende der landespolitischen Karriere von Julia Klöckner. Dass sie unter Malu Dreyer Vizeministerpräsidentin wird: unvorstellbar.

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