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Nigerias Streitkräfte Wer von ihnen festgenommen wird, taucht oft nie mehr auf

Trotz zuletzt wichtiger Erfolge im Kampf gegen den IS-Verbündeten Boko Haram herrscht in Nigeria weiterhin ein Klima der Angst. Die Armee und Bürgerwehren lassen ungestraft Menschen verschwinden.

Erst sind es nur leise Gerüchte, dann werden die Beschuldigungen in den von extremistischer Gewalt heimgesuchten Dörfern im Nordosten Nigerias immer lauter. Schließlich werden Menschen, denen eine Mitgliedschaft bei der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram vorgeworfen wird, verhaftet - manchmal von den Streitkräften, manchmal von einer zivilen Bürgerwehr. Viele von ihnen bleiben für immer verschwunden. Jüngst wurde, was selten vorkommt, offener Protest laut, als im Dorf Duhu ein Grundschullehrer und zwei Bauern abgeführt wurden.

Mithilfe der Streitkräfte werden alte Rechnungen beglichen

Frauen, die die Männer kannten, beharrten darauf, dass diese nicht zu Boko Haram gehörten, und forderten auf einem nahe gelegenen Militärstützpunkt ihre Freilassung. Doch die Männer wurden erschossen, ihre Leichen außerhalb des Dorfs abgeladen.  Die Streitkräfte erklärten, sie hätten den Lehrer und die Bauern nicht in Gewahrsam genommen. Mehrere Dorfbewohner erklärten der Nachrichtenagentur AP aber, sie hätten beobachtet, wie die Männer von Soldaten in Uniform abgeführt worden seien, die sie beschuldigt hätten, Boko-Haram-Kämpfer zu sein. 

Obwohl Präsident Muhammadu Buhari Boko Haram für besiegt erklärt hat, werden Zivilisten weiterhin von allen Seiten bedroht, und die Zahl von Tötungen ohne Gerichtsurteil ist nicht zurückgegangen. Viele Menschen haben vor den Soldaten und der sogenannten Bürgerwehr von Nigeria ebenso viel Angst wie vor den Islamisten.Und selbst ihre eigenen Nachbarn fürchten sie inzwischen.

Manche der Flüchtlinge, die in ihre Dörfer zurückkehrten und ihr Leben neu aufbauen wollen, versuchten, aus der allgemeinen Furcht und Verunsicherung Kapital zu schlagen, sagt Menschenrechtsanwalt Sunday Joshua Wugira. Sie wollten alte Rechnungen begleichen, Schulden auslöschen, Landstreitigkeiten für sich entscheiden oder Feinde anderweitig loswerden. "Wenn man ein Problem mit jemandem hat, kann man die Streitkräfte dazu bewegen, ihn aufzugreifen, und dann wird man nie wieder von ihm hören", sagt der Anwalt aus der Stadt Yola. Sogar ungeborene Kinder werden des Terrorismus beschuldigt.

Angehörige der "Zivilen Gemeinsamen Task Force" (Civilian Joint Task Force) befragen einen angeblichen Boko-Haram-Informanten in Maiduguri, im Nordosten des Landes. (Archiv März 2014) (Foto: AFP)

Bürgerwehr wollte ungeborenes Kind töten, weil es ein "Terroristenbaby" sei

Eine Jugendliche berichtet, sie sei im vergangenen Jahr als 16-Jährige von Boko-Haram-Kämpfern verschleppt worden, die ihr Dorf überfallen und ihren Vater getötet hätten. Soldaten seien gekommen, um nach den Extremisten zu fahnden. Stattdessen hätten sie ihre drei Brüder verhört. Mitglieder der Bürgerwehr hätten die Brüder dann getötet. Sie selbst wurde in Gefangenschaft von Boko Haram vergewaltigt. Im November sei sie von Soldaten befreit worden und habe versucht, in ihr Heimatdorf zurückzukehren. Doch sie musste fliehen, denn Mitglieder der Bürgerwehr hätten gedroht, ihr ungeborenes Kind zu töten. Sie hätten es als "Terroristenbaby" bezeichnet, sagt die Jugendliche.

Im vergangenen Jahr sicherte Präsident Buhari zu, Menschenrechtsverstöße des Militärs zu beenden und Vorwürfen von Amnesty International nachzugehen, wonach die Streitkräfte seit 2011 für den Tod von rund 8000 Gefangenen verantwortlich gewesen seien. Das ist mehr als ein Drittel der schätzungsweise 20.000 Menschen, die während des seit sechs Jahren andauernden Aufstands getötet wurden. Menschenrechtsorganisationen machen auch die Bürgerwehren für Tötungen verantwortlich. Zahlen liegen aber nicht vor.

In den Dörfern ist von Reformen wenig zu spüren

Jetzt kündigten die Streitkräfte die Einrichtung eines Sonderbüros für Fälle von Menschenrechtsverletzungen an. Zudem sei ein Militärgericht gegründet worden, das für Fehlverhalten und Menschenrechtsverstöße zuständig sei.  In den Dörfern ist davon bislang wenig zu spüren. Einer von neun ranghohen Kommandeuren, denen Amnesty International mögliche Kriegsverbrechen vorwarf, erhielt im Januar ohne Ermittlungen seinen Posten zurück. Zuvor war er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden, nachdem sich seine Männer gegen ihn erhoben hatten.

Mitglieder von Boko Haram mischen sich unterdessen unter die Tausenden Menschen, die von Soldaten befreit wurden, und vergiften die Atmosphäre in Lagern und Dörfern. Auch die Sicherheitskräfte seien von Boko Haram unterwandert worden, erklären Soldaten. Tagsüber kämpften sie auf Seiten des Heeres und nachts auf Seiten der Islamisten. "Wir fürchten jetzt mehr um unsere Sicherheit, denn wir wissen nicht, wer unter uns gut oder böse ist", sagt ein junger Flüchtling, der anonym bleiben möchte. Und immer mehr Menschen verschwinden spurlos aus Dörfern.

Ein Video, das Amnesty International schon 2014 im Rahmen eines Berichts veröffentlichte, zeigt angeblich wie Bürgerwehr-Angehörige und Soldaten in Nigerias Norden Gefangene misshandeln und töten. (Foto: AFP PHOTO / AMNESTY INTERNATIONAL)

Gefangene werden gegen Lösegeld festgehalten

Ein Gärtner aus der Metropole Lagos sagt, seine Frau und fünf Kinder würden von Soldaten in einer Kaserne in Yola festgehalten. Für jedes Familienmitglied hätten die Soldaten 25.000 Naira (rund 110 Euro) Lösegeld gefordert - insgesamt vier Monatsgehälter. 45.000 Naira habe er gezahlt, sagt der Gärtner, doch alle sechs würden weiterhin gefangen gehalten.

Das ganze Ausmaß unrechtmäßiger Beschuldigungen lässt sich an einem Beispiel erkennen: Vergangene Woche ließ das nigerianische Heer 267 Festgenommene frei, darunter Dutzende Kinder. Ermittler hätten festgestellt, dass sie keine Verbindungen zu Boko Haram hätten, hieß es. Lediglich acht Verdächtige wurden für weitere Ermittlungen der Polizei übergeben. Anwalt Wugira sagt, es habe meistens keine juristischen Folgen, wenn Menschen verschwinden. "Die Leute sagen: 'Letztlich werden wir nie Gerechtigkeit erfahren.' Die Menschen leben in Angst."

Massaker an Schiiten

Erst im Dezember hatte die Menschrechtsorganisation "Human Rights Watch" (HWR) Nigerias Armee auf Schärfste verurteilt. Sie war den Soldaten vor, im Norden des Landes grundlos auf unbewaffnete Kinder geschossen zu haben.

Soldaten hatten nach einem angeblichen Attentatsversuch auf den Armeechef Tukur Buratai das Haus des Anführers der schiitischen Bewegung belagert und diesen verletzt festgenommen. Bei der Auseinandersetzung zwischen der Armee und den Schiiten zwischen dem 12. und dem 14. Dezember sollen bis zu 1000 Menschen ums Leben gekommen sein.

HWR urteilte, im besten Fall handle es sich um eine Überreaktion, im schlimmsten um einen geplanten Angriff auf Schiiten. Augenzeugen hätten berichtet, die Soldaten seien bereits mindestens eine Stunde vor Ankunft des Generals vor der Moschee in Stellung gegangen. Sie hätten dann ohne Anlass auf Menschen geschossen, die aus dem Gebäude kamen - auch auf Schulkinder. Auch Verletzte seien festgenommen worden und dann in Haft gestorben. Die Polizei im nigerianischen Staat Kaduna erklärte, 83 Menschen seien festgenommen worden, unter ihnen 34 Kinder. Die USA, der Iran, wo die Mehrheit schiitisch ist und diverse Menschenrechtsorganisationen hatten eine Aufklärung des Massakers verlangt.

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