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Fremdenhass in Sachsen Keine Vorbilder, keine Religion - und Angst

Was sind die Gründe für die fremdenfeindlichen Übergriffe in Sachsen? Sozialwissenschaftler Frank Richter sieht eine "Distanz vieler Menschen gegenüber der Ordnung der Bundesrepublik".

Frage: Warum gibt es in Sachsen so viele rechtsradikale Ausschreitungen und Übergriffe, wie sie am Wochenende nun auch in Bautzen und Clausnitz stattfanden?

Frank Richter: Diese Übergriffe sind durch nichts zu entschuldigen! Zur Erklärung kann darauf hingewiesen werden, dass in Sachsen eine hohe rechtsextremistische Belastungsquote schon seit mehreren Jahren festgestellt wird.

Eine "Distanz vieler Menschen gegenüber der gesellschaftlichen und politischen Ordnung der Bundesrepublik" sieht Frank Richter in Sachsen. Der Sozialwissenschaftler und Theologe ist Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in Dresden. (Foto: Arno Burgi/ZB/picture alliance)

Die Reden bei den Pegida-Demonstrationen haben sich immer weiter radikalisiert, vor allem in der Hetze gegen Flüchtlinge und Muslime. Gleichwohl ist es völlig falsch, die sächsische Bevölkerung pauschal für fremdenfeindlich oder rechtsradikal zu erklären.

Frage: Wird der Rechtsradikalismus aber nicht jetzt gesellschaftsfähig?

Richter: Er darf nicht gesellschaftsfähig werden. Offenbar gibt es immer mehr Menschen, die sich in rechtsradikalen und extremistischen "Echokammern" aufhalten, das heißt, dass sie nur noch mit Gleichgesinnten kommunizieren. Sie brauchen den Widerspruch.

In den sozialen Medien sehen wir schon lange, wie enthemmt und "unterzivilisiert" sich Menschen ausdrücken. Dies ist zunehmend auch im "realen" Leben zu beobachten, vor allem in ländlichen Regionen.

Frage: Warum vor allem dort?

Richter: Es gibt Orte im ländlichen Raum, in denen sich die "Gesellschaft der Gutwilligen" noch nicht stark genug organisiert hat. In den urbanen Zentren wie zum Beispiel Leipzig oder Dresden ist das anders – übrigens ein Phänomen, das europaweit beobachtet werden kann.

Frage: Aber in Deutschland gibt es ländliche Regionen ja nicht nur in Sachsen. Warum ist Sachsen besonders gefährdet?

Richter: Um diese Frage zu beantworten, muss man mehrere Faktoren sehen und addieren. Ich kann hier nur einige nennen und will damit nichts entschuldigen: Wir haben eine schwierige demografische Situation im ländlichen Raum. Vielen jungen Männern fehlen offenbar positive Vorbilder.

Die Bevölkerung im Osten Deutschlands ist nach wie vor sehr homogen. Es gibt wenige Erfahrungen mit ethnischer Vielfalt. Die Bevölkerung ist zu 80 Prozent areligiös. Religion als Ressource ethischer Maßstäbe und Haltungen steht weithin nicht zur Verfügung.

In dieser Feststellung steckt keinerlei Vorwurf, vielmehr das Postulat nach mehr kultureller, interkultureller und ethischer Bildung. Hinzu kommt, dass es in Dresden und im Umland die Tradition eines starken, positiven Selbstbewusstseins gibt. Deren negative Kehrseite ist die Selbstbezogenheit.

Frage: Also müsste man auch über eine besondere Form von sächsischem Stolz reden?

Richter: Der Dresdner Politologe Hans Hans Vorländer spricht von einem "sächsischen Chauvinismus". Man sollte diesen Begriff in Anführungszeichen setzen.

Frage: Ist es ein Aufbegehren von Beleidigten?

Richter: Im Protest der vergangenen Monate wurde auch eine subkutan angewachsene Distanz vieler Menschen gegenüber der gesellschaftlichen und politischen Ordnung der Bundesrepublik an die Oberfläche getragen. Viele zeigen ihr Gefühl, fremd in der eigenen Heimat geworden zu sein. Sie zeigen es auch den vielen Funktionseliten gegenüber, die nach 1989 aus dem Westen gekommen sind.

Dass sich dies 25 Jahre nach dem Mauerfall zeigt, also ziemlich genau nach einer Generation, stimmt nachdenklich. Es gibt Ängste vor einer materiellen und kulturellen Enteignung. Diese Ängste manifestieren und radikalisieren sich angesichts der "neuen Fremden", die als Flüchtlinge kommen. Und noch mal: Diese Erklärungen entschuldigen mitnichten irgendeine Form von Hass und Gewalt.

Frage: Was erwarten Sie für die Zukunft?

Richter: Vielleicht wird es Sie überraschen: Ich bin nicht pessimistisch. Ich denke an die westdeutsche Gesellschaft. Die ist in den 60er- und 70er-Jahren durch eine tiefe Krise gegangen und hat diese Krise in demokratischer Manier gemeistert. Eine Krise von diesem Ausmaß hat die Demokratie im Osten noch nicht erlebt.

Ich habe die Hoffnung, dass möglichst viele lernen, dass die demokratische Gesellschaft Krisen lösen kann, wenn erstens der Rechtsstaat mit Entschlossenheit gegen Gewalttäter und Kriminelle vorgeht, wenn zweitens die politischen Akteure die Probleme nicht schönreden und wenn drittens die Menschen ihre Rolle als Bürger erkennen, die nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Allgemeinwohl mitverantwortlich sind.

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