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Nemzow-Mord "Die Spuren führen direkt zu Kadyrow"

Ilja Jaschin, ein Vertrauter des vor einem Jahr ermordeten Oppositionellen Nemzow, stellt am Dienstag einen brisanten Bericht vor. Er glaubt, dass die Spuren des Mordes nach Tschetschenien führen.

Vor einem Jahr, am 27. Februar 2015, wurde der russische Oppositionelle Boris Nemzow erschossen. Seine Partei Parnas bereitet sich auf den Jahrestag vor. Im kleinen Büro in der Moskauer Innenstadt ist viel los. Ilja Jaschin, ein Freund und Mitstreiter von Nemzow, will am Dienstag einen Bericht über den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow vorstellen. Er glaubt, dass die Spuren des Mordes nach Tschetschenien führen. Am Montag wurde das Parteibüro bereits von Behörden durchsucht – angeblich suchte man nach einer Bombe. Der 32-jährige Politiker hofft, dass sich das am Dienstag nicht wiederholt.

Wie bewerten Sie den Zustand der Ermittlungen ein Jahr nach dem Mord an Nemzow?

Die Ermittlungen sind faktisch eingestellt, ihre Ergebnisse sind mangelhaft. Trotz der ersten Erfolge kam die Untersuchung nicht voran, obwohl die Menschen, die mutmaßlich an der Ausführung der Tat beteiligt worden waren, gefasst wurden. Das hat vermutlich damit zu tun, dass ziemlich schnell klar wurde: Hinter diesem Verbrechen stehen sehr einflussreiche Auftraggeber. Das sind Menschen, die hohe Staatsämter bekleiden und eine starke politische Unterstützung des Kremls haben. Sie fühlen sich praktisch unantastbar und stehen über dem Gesetz. Der Chefermittler wurde ausgetauscht. Zum Organisator wurde ein einfaches Mitglied der kriminellen Bande erklärt. Der echte Organisator geht frei durch die tschetschenische Hauptstadt Grosny spazieren. Der Auftraggeber droht der Opposition weiter.

Ramsan Kadyrow ist Präsident von Tschetschenien. (Foto: AP)

Meinen Sie damit den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow?

Ich bin absolut überzeugt, dass die Spuren direkt zu Kadyrow führen. Der festgenommene mutmaßliche Killer Saur Dadajew war der stellvertretende Kommandeur des Polizeibataillons Sewer. Dieses Bataillon ist die Leibgarde von Kadyrow. Es besteht aus ehemaligen tschetschenischen Rebellen, die Kadyrow mit ihrem Leben verpflichtet sind. Ihre Sicherheit und ihr Wohlstand hängen von ihm ab. Die Ermittler sammelten ausführliche Beweise für die Schuld von Dadajew. Vermutlich ist ein anderer stellvertretender Kommandeur dieses Bataillons mit dem Verbrechen verbunden. Der Kommandeur dieses Bataillons ist der Bruder des engsten Verbündeten von Kadyrow, des Abgeordneten Adam Delimchanow. Ich zweifle daran, dass Kadyrows Offiziere so ein Verbrechen ohne eine direkte Anweisung oder Zustimmung des tschetschenischen Präsidenten begehen konnten.

Glauben Sie, dass Kadyrow der Auftraggeber war?

Ich habe keine Zweifel, dass Kadyrow darin verwickelt war. Aber eine andere Frage ist, ob er der Organisator oder der Auftraggeber war. Hatte der Fall vielleicht noch höhere Auftraggeber etwa in der Präsidialverwaltung – das ist eine offene Frage.

Welche Rolle spielte der russische Präsident Wladimir Putin?

Ich habe keine Antwort darauf. Fakt ist, dass der Kreml Kadyrow deckt. Warum er das tut, weiß ich nicht. War Putin der Auftraggeber? Ich weiß es nicht. Will Putin Kadyrow nicht aufgeben? Kann sein. Ich möchte aufrichtig darauf hoffen, dass Putin mit diesem Mord nichts zu tun hat. Aber ich kann mir nicht sicher sein. Wenn Putin tatsächlich darin verwickelt ist, ist die Lage in Russland viel schlimmer, als wir alle glauben.

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Wissen Sie jetzt mehr über die Motive?

Die Versionen, die von der Ermittlungsbehörde verbreitet wurden, etwa die Rache für die Unterstützung des Satiremagazins "Charlie Hebdo", sind nicht glaubwürdig. Aus meiner Sicht war das ein Terroranschlag, um einen Teil der Gesellschaft einzuschüchtern.

Was hat es Kadyrow und seinen Leuten gebracht?

Sie haben ihre Machtpositionen gestärkt. In Russland läuft gerade ein Kampf um das Gewaltmonopol und um Einfluss. Kadyrow hat etwa einen Konflikt mit den Machtorganen in Moskau. Sie sind der Meinung, dass nur sie Gewalt ausüben dürfen, um politische Konflikte zu lösen. Aber Kadyrow steht nicht unter der Kontrolle der Geheimdienste und kämpft für sein Recht auf Gewalt auch mit solchen aggressiven Methoden. Nach dem Mord an Nemzow ist er noch stärker geworden. Er drohte etwa russischen Polizeieinheiten, er würde auf sie in Tschetschenien schießen. Das hatte keine Konsequenzen für ihn.

Blumen und letzte Grüße liegen in Moskau an jener Stelle unweit des Kreml, an der am 28.02.2015 Boris Nemzow ermordet wurde (Archivbild). (Foto: dpa)

Hat Kadyrow auf Ihre Aussagen und die Vorbereitung des Berichts reagiert?

Die Leute aus der Umgebung von Kadyrow haben mir gedroht. Ich glaube, die Angriffe auf Michail Kassjanow (Vorsitzender der Partei Parnas, Anm. d. Red.) sind Folgen unserer Kampagne. Ich bekomme Drohungen im Internet. Im Januar wurden Tausende Menschen auf einer Demo in Grosny versammelt. Es gab Aufrufe, mich und andere Oppositionelle ins Gefängnis zu stecken oder als Volksverräter zu vernichten. Doch vor drei Wochen war ich selbst in Grosny, ich ging durch die Straßen und redete mit Menschen absolut normal. Tschetschenen haben keinen Hass auf die Opposition. Er existiert nur in der erfundenen Realität von Kadyrow.

Wie frei konnten Sie in Tschetschenien an Ihrem Bericht arbeiten?

Ich habe meinen Besuch nicht öffentlich gemacht. Ich habe mit Leuten gesprochen, die mir geholfen haben, den Bericht vorzubereiten. Ich respektiere sie sehr dafür. Denn jede Kritik an Kadyrow kann dazu führen, dass der Mensch einfach verschwindet.

Haben Sie selbst keine Angst?

Natürlich bin ich nicht verrückt, ich verstehe die Risiken. Aber wenn wir alle Angst haben und jeder in seiner Ecke sitzt und nichts tut, wachen wir eines Tages in einem Land auf, in dem Kadyrow und seine Leute die Macht haben. Das Schlüsselproblem ist: Die Machthaber geben den Hintermännern des Mords an Nemzow das Gefühl, freie Hand zu heben. Das führt sehr wahrscheinlich dazu, dass Auftragsmorde weiter begangen werden. Für diese Menschen wird es normal sein, politische Probleme auf solchem Weg zu lösen.

Wie hat sich die Lage der Opposition im Jahr nach dem Mord an Nemzow verändert?

Auf uns wird noch mehr Druck ausgeübt. Wir werden einem Dissidententrupp immer ähnlicher, einer Widerstandsgruppe, die als "Feinde des Volkes" bekämpft werden.

Ihre Partei Parnas nimmt in diesem Jahr an den Parlamentswahlen teil. Wie gut schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Für alle staatsnahen Parteien wird Parnas der größte Feind sein. Wir haben es nicht nur mit dem politischen, sondern auch mit physischem Widerstand zu tun. In allen Regionen, in die der Parteivorsitzende kommt, wird er entweder angegriffen oder seine Anhänger werden verprügelt. Wir setzen auf Großstädte, wo wir eine große Anzahl von Anhängern aus der Mittelklasse haben. Die andere Frage ist, ob wir diese Menschen überzeugen können, zur Wahl zu kommen. Sie sind von der Politik sehr enttäuscht, sie glauben nicht daran, dass die Opposition derzeit eine Chance hat. Aber ich bin mir sicher, wenn wir diese Menschen mobilisieren können, können wir ins Parlament ziehen.

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