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Kommentar Deutschland hat alles, was es zur Integration braucht

Die Auswirkungen des Flüchtlingsstroms werden von Kritikern wie Unterstützern überschätzt. Die neue Herausforderungen lässt sich durchaus bewältigen – vor allem von einem Land wie Deutschland.

Emotionen kochen hoch. Das Verhalten eskaliert, die Lage ist bedrohlich. Höchste Zeit, die Gemüter zu beruhigen und die Flüchtlingsdiskussion zu versachlichen. Denn Fakt ist: Die Auswirkungen der derzeitigen Zuwanderung nach Deutschland werden von beiden Seiten – Kritikern und Unterstützern – überschätzt.

Weder sind die Asylsuchenden Verursacher unlösbarer Probleme, noch sind sie die Lösung für bestehende. Weder steht Deutschland aufgrund der Flüchtlinge vor dem Untergang, noch kann ein "Weiter so wie bisher" der Weisheit letzter Schluss sein.

Es gilt stattdessen, vernünftig und pragmatisch, mit Maß und Anstand die Herausforderungen zu bewältigen. Ein Land mit einer Bevölkerung von 81,5 Millionen und einer Geburtenhäufigkeit von weniger als 150 Kindern pro 100 Frauen kann eine starke Zuwanderung ohne existenzielle Probleme verkraften.

Deutschland hat dazu alles, was es braucht: Es ist eine stabile Demokratie mit einem herausragend guten Grundgesetz, es hat eine – gerade im internationalen Vergleich – durchaus prosperierende Wirtschaft mit rekordhoher Erwerbsbeteiligung, und es ist eine Gesellschaft, die eine Flüchtlingstradition hat – auch wenn das scheinbar mancherorts schnell vergessen wird.

Deutschland hat von den Flüchtlingen profitiert

Deutschland hat in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit und des Wirtschaftswunders sowie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelernt, Millionen von Weltkriegsflüchtlingen, Gastarbeitern, Rück- und Übersiedlern erfolgreich zu integrieren. Allein zwischen 1989 und 1995 kamen Jahr für Jahr mehr als eine Million Zuwanderer ins Land. In der Summe betrug die Nettozuwanderung (also um die Fortzüge korrigiert) zwischen 1989 und 1995 3,8 Millionen.

Die starke Zuwanderung – auch von Flüchtlingen – nach (West-)Deutschland in der Nachkriegszeit oder zum Ende des Kalten Kriegs hat Deutschland nicht geschadet. Im Gegenteil: Sie war mitverantwortlich dafür, dass es den Deutschen heute so gut geht. Gerade aus der Flüchtlingszuwanderung nach dem Kollaps des Sowjetimperiums lassen sich ein paar nützliche Lehren für die Gegenwart ziehen:

Erstens erhielten die meisten Flüchtlinge aus der Sowjetunion entweder aus historischen Gründen – weil sie deutsche Wurzeln hatten – oder der Religion wegen – weil sie jüdischen Glaubens waren – sofort die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie waren vom ersten Tag an vollständig gleichgestellt, in gewissem Sinne aufgrund der Integrationshilfen sogar privilegiert. Die langfristige Bleibeperspektive machte es viel lohnender, die Sprache und die alltäglichen Verhaltensweisen rasch zu erlernen, Netzwerke aufzubauen und sich möglichst gut in die Aufnahmegesellschaft zu integrieren. Was am Anfang an Investitionen zu leisten war, versprach ein ganzes weiteres Leben lang, die Perspektiven zu verbessern.

Es ist kein Zufall, dass sich ökonomische Unterschiede zwischen Zuwandernden aus der früheren Sowjetunion und den Deutschen ohne Zuwanderungshintergrund in der zweiten und dritten Generation auszugleichen beginnen, während sie für Zuwandernde mit türkischen Wurzeln doch in Teilen bestehen bleiben. Eine dauerhafte Bleibeperspektive oder gar einen deutschen Pass zu haben oder nicht, ist eben ein wichtiger Erfolgsfaktor für gutes Gelingen der Integration.

Konkret lautet die erste Erkenntnis: Gleichbehandlung mit allen Rechten und Pflichten! Also, weg mit allen bürokratischen Hindernissen und "Vorrangprüfungen". Anerkannte Flüchtlinge sollen arbeiten können und arbeiten müssen. So, wie das für alle Deutschen gilt.

Gute Bildung als entscheidender Erfolgsfaktor

Zweitens war bei den Zuwandernden aus der Sowjetunion vom ersten Tag an offensichtlich, dass sie wohl für immer in Deutschland bleiben würden. Entsprechend wurden Kinder und Jugendliche nicht in Lager auf die Wartebank geschoben oder als vorübergehende Problemfälle per Zwang und Dekret auf Schulen verteilt. Sie wurden auch nicht in Sonderschulen oder Sonderklassen gesteckt, sondern in das reguläre Schulsystem integriert – was bei Bedarf und Möglichkeit Anpassungshilfen und Sonderförderprogramme nicht ausschloss. Beiden Seiten – den Zuwandernden wie der Aufnahmegesellschaft – war klar, dass gute Bildung der Erfolgsfaktor für eine gelungene Integration ist. Diese Einsicht gilt ohne Abstriche auch heute für Kinder und Jugendliche anerkannter Flüchtlingsfamilien.

Somit lautet die zweite Erkenntnis: Flüchtlingskinder sollten lieber zu früh als zu spät und am besten vom ersten Tag an die gleichen Bildungs- und späteren Aus- und Weiterbildungsangebote erhalten und nutzen können wie ihre deutschen Mitschüler. Denn dann lohnt es sich für die Betroffenen erst recht, alles für den Bildungserfolg zu tun. Über das weltweit gelobte duale Ausbildungssystem könnten davon ganz besonders Handwerk und Gewerbe profitieren. Unter den jungen Flüchtlingen ließen sich auf einfache und pragmatische Weise genau die Nachwuchskräfte finden, die derzeit verzweifelt gesucht werden.

Nimmt man die Erkenntnisse der deutschen Flüchtlingstradition als Grundlage, zeigen sich drei Ebenen einer pragmatischen Flüchtlingspolitik:

Erstens gilt es, auf der Ebene die Ursachen der Flüchtlingsmigration in den Herkunftsregionen abzuschwächen. Das ist eine Aufgabe für Jahrzehnte, nicht nur für Jahre, und sie wird viel Geld kosten.

Zweitens muss auf Ebene wieder geltendem Recht und Gesetz gefolgt werden. Das bedeutet, dass die EU-Außengrenzen zu sichern sind und an der Stelle des Eintritts nach Europa das Asylverfahren zu konzentrieren und anerkannte Flüchtlinge mit klugen Anreizsystemen innerhalb der EU zu verteilen sind. Einen europäischen Kompromiss zu finden, wird Monate, wenn nicht Jahre dauern und zusätzliche Kosten verursachen.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Drittens ist auf nationaler – also – Ebene das Anerkennungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Wer als Asylsuchender abgelehnt wird, muss schnell abgeschoben werden. Wer bleiben darf, muss rascher eine bessere Bleibeperspektive als bisher erhalten. Arbeit und Bildung sind dabei die Schlüssel zu mehr Wohlstand für alle.

Alle drei Ebenen einer pragmatischen Flüchtlingspolitik sind gleichzeitig anzugehen. Das ist teuer. Versäumnisse jedoch werden teurer werden.

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