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Krise in Griechenland Flüchtlinge besetzen Bahngleise in Idomeni

Zehntausende Flüchtlinge sitzen in Griechenland fest. Die Lage wird immer verzweifelter, es fehlt an Unterkünften, Essen und Hoffnung. Dramatische Szenen spielen sich in Athen und Idomeni ab.

"Wir müssen weiter nach Mitteleuropa. Wir fliehen vor dem Krieg, wir haben während unserer Flucht Familienmitglieder verloren. Wir können nicht aufgeben", sagt ein Familienvater aus Afghanistan. Er steht erschöpft auf dem Viktoria-Platz in Athen. Nebenan blicken seine Frau und die anderen Familienmitglieder in die Leere.

Hilfsorganisationen und Freiwillige versorgen sie mit dem Notwendigsten: Wasser, Milch, Brot, Decken. "Wir haben so viel Angst davor, dass wir nicht weiterkommen", sagt die Frau. Seitdem Mazedonien beschlossen hat, keine afghanischen Flüchtlinge mehr ins Land zu lassen, sitzt die Familie in Griechenland fest – wie Tausende andere Schutzsuchende. Auch Syrer und Iraker kommen nur weiter, wenn sie sich mit Pass oder Personalausweis ausweisen können.

Die Lage der Flüchtlinge in Griechenland wird jeden Tag schlimmer. In einer Konferenz in Wien haben Österreich und die Balkanstaaten beschlossen, den Zustrom an Flüchtlingen aus Griechenland massiv zu senken. Mazedonien soll dabei viel mehr Flüchtlinge abweisen. Weil sie auf der Balkanroute nicht mehr weiterkommen, sitzen in Griechenland nach Schätzungen der Behörden mehr als 25.000 Menschen fest. Und täglich kommen neue Flüchtlingsboote an.

"Das Land steckt doch selbst in einer Krise"

Treffpunkt der Flüchtlinge ist der Viktoria-Platz. Sie tauschen dort Informationen aus und planen ihre Weiterreise. Die Stimmung ist angespannt. Auf dem Zementboden liegen Decken. Pappkartons sind ausgebreitet. Mehrere Flüchtlinge haben die vergangenen Nächte mit ihren Kindern hier übernachtet mit der Hoffnung, an die griechisch-mazedonische Grenze weiterzureisen.

"Wir wissen, dass uns hier nicht geholfen werden kann, das Land steckt doch selbst in einer schweren finanziellen Krise", sagt ein junger Mann aus dem Iran, der nach Deutschland weiterreisen will. Viele verlieren sich in Hoffnungslosigkeit. Am Donnerstag versuchten zwei Flüchtlinge, sich an einem Baum auf dem Platz zu erhängen, vor den Augen Dutzender Flüchtlingskinder. Sie konnten rechtzeitig gerettet werden.

Ein Pakistaner, der versucht hat, sich in Athen das Leben zu nehmen, kann gerettet werden. (Foto: AP)

Auf dem Platz herrscht Essensnot. Als am Samstag ein älterer Grieche versucht, Biskuits zu verteilen, stürmen hungrige Flüchtlingskinder und Erwachsene auf ihn zu. Obwohl er nur 420 Euro Rente monatlich bekommt, hat er sich entschieden, 30 Euro für die Flüchtlinge auszugeben. "Ich kann dem Leid nicht einfach nur zusehen", sagt Rentner Nikos. Immer noch steht die Mehrheit der Griechen den Flüchtlingen solidarisch gegenüber – trotz der eigenen finanziellen Not.

Ein paar Meter weiter verteilt Maria Galinou von der Heilsarmee gemeinsam mit Dolmetschern Infoblätter an die Flüchtlinge. Darauf steht, wo sich die Suppenküchen in Athen befinden und die Flüchtlinge ärztliche oder juristische Hilfe bekommen können. "Es ist wichtig, die Flüchtlinge über die aktuelle Lage und ihre Rechte zu informieren. Wir versuchen, ein Gegengewicht zu bilden zu den Schleppern, die hier täglich neue Kunden suchen", sagt Galinou.

7000 stauen sich in Idomeni

Das Geschäft der Schlepper blüht. Mehr als 4000 Euro verlangen sie, um die Flüchtlinge von Athen über die Grenze zu bringen, zum Beispiel durch Albaniens Berge oder mit Schiffen von Westgriechenland nach Italien. Vor ein paar Tagen, als die Grenzen für Afghanen noch offen waren, lag der Preis bei 2000 bis 2500 Euro. Beobachter befürchten, dass immer mehr Flüchtlinge auf illegalen Wegen versuchen werden, nach Mitteleuropa zu gelangen. "Auch mit den Schleppern werden sie nicht weiterkommen. Es gibt überall Zäune", sagt eine Helferin.

Nur wenige schaffen es über die griechisch-mazedonische Grenze. Am Mittwoch waren es gerade 250. Am Donnerstag ein paar Dutzende. Am Freitag und bis Samstagnachmittag war die Grenze für alle geschlossen.Am Samstagnachmittag dann durften 300 passieren. Seitdem ist die Grenze wieder dicht. Über 7000 Flüchtlinge warten derzeit im Grenzort Idomeni, einige von ihnen besetzten inzwischen die Bahnstrecke.

 

In ganz Griechenland harren Schutzsuchende im Freien aus, auf öffentlichen Plätzen oder in Parkanlagen. Viele Flüchtlinge versuchen inzwischen, Hunderte Kilometer entlang der Autobahn zu laufen, um die Grenze zu erreichen.

Die Notlager werden knapp

Die Flüchtlingslager auf dem griechischen Festland sind überfüllt. Am Donnerstag hatte Verteidigungsminister Panos Kammenos angekündigt, in weiteren fünf Lagern in Nordgriechenland 20.000 neue Plätze zu schaffen. Der UN-Flüchtlingsrat wollte bis Ende des Monats 400 Wohnungen anmieten, wo jeweils fünf Personen untergebracht werden können. Doch auch dies wird kaum ausreichen.

"Es herrscht eine Notsituation in Griechenland. In Idomeni, in Athen und in anderen Orten des Landes gibt es Schutzsuchende, die unter freiem Himmel schlafen, die nicht mal Zugang zu einem Minimum an Versorgung haben", sagt Marie Elisabeth Ingres, Landeskoordinatorin der Hilfsorganistion Ärzte ohne Grenzen.

Auf dem Viktoria-Platz versucht Maria Galinou ärztliche Hilfe für ein Mädchen aus Afghanistan zu finden, das bei der Überfahrt durch die Ägäis eine Lungenentzündung bekommen hat. Sie hat in den Nachrichten gehört, dass die Balkanstaaten Tagesobergrenzen einführen.

Galinou schüttelt den Kopf. "Die Flüchtlingsströme werden nicht stoppen. Egal wie viele Steine man ihnen in den Weg legt; die Menschen werden gefährlichere Wege suchen, um an einen sicheren Ort zu kommen."

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