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Flüchtlinge in Südafrika Hier wurde die Grenzschließung zum Problem

Arme Menschen aus Afrika wollen nicht nur nach Europa. Noch mehr von ihnen träumen von einem anderen Ziel. Doch dieses Land hat die Grenzen geschlossen – und sich Probleme eingehandelt.

Die Tür zum Behandlungszimmer von Cathy Kalombo geht auf, hinein stürmt eine Krankenschwester. Eine schwangere Patientin sei selbstmordgefährdet, erzählt sie hektisch, der Vater des Babys habe sie verlassen und noch dazu auf Facebook öffentlich gemacht, dass sie HIV-positiv ist.

Die Sonne geht unter, Kalombo hat längst Feierabend. Doch die Ärztin reagiert sofort. Sie verschreibt der jungen Frau ein Medikament gegen Depressionen, verständigt einen Psychologen und ordnet die stationäre Unterbringung zur Beobachtung an. Kalombos Ehemann Elie und die beiden Kinder müssen zu Hause mal wieder etwas länger warten. "So ist das eben", murmelt Kalombo, während sie in ihren Unterlagen blättert.

In dem öffentlichen Krankenhaus im Kapstädter Township Gugulethu nennen sie Kalombo "The Iron Lady". Die eiserne Lady, in Anlehnung an die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher. Das ist respektvoll gemeint. Niemand arbeitet hier härter als die hoch aufgeschossene Frau aus dem Kongo. Die 41-Jährige koordiniert als Clinical Manager in dem südafrikanischen Armenviertel die Behandlung von 7300 HIV-Infizierten. Sie wird gebraucht.

Das trifft auf viele der ausländischen, zu zwei Dritteln aus anderen afrikanischen Ländern stammenden Ärzte in Südafrika zu. Sie besetzen nach Angaben des Gesundheitsministeriums 13 Prozent der öffentlichen Posten.

Strenge Zuwanderungsgesetze sorgen für Ärztemangel

Das ist viel zu wenig: Zwar behauptet das Ministerium, dass lediglich rund zehn Prozent der qualifizierten Posten im öffentlichen Gesundheitssystem unbesetzt sind. Doch tatsächlich sind es nach Angaben der Denkfabrik "SA Institute of Race Relations" über die Hälfte der Arbeitsplätze für Ärzte (56 Prozent). Ähnlich dramatisch ist die Situation demnach bei den Krankenpflegern, wo 46 Prozent der Posten unbesetzt bleiben.

Auch Kalombo kann den offiziellen Zahlen nicht so recht Glauben schenken. Denn auf den Dörfern und in den Townships wollen zu wenige südafrikanische Mediziner arbeiten. In ihrer Abteilung gibt es nur noch einen weiteren Arzt aus Uganda und einen aus Nigeria, doch deren Arbeitserlaubnis läuft bald ab. "Die Regierung will keine Ausländer mehr", sagt die Ärztin, "dabei brauchen wir jede Hand."

Im Jahr 2000 kamen noch rund 20 Prozent der Ärzte aus dem Ausland, also fast doppelt so viele wie derzeit. Doch seitdem wurden die Zuwanderungsgesetze kontinuierlich mit Verweis auf die hohe Arbeitslosigkeit innerhalb der eigenen Bevölkerung verschärft. Eine Milchmädchenrechnung, da der Fachkräftemangel Wirtschaftswachstum und damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindert.

Mehr HIV-Infizierte als in jedem anderen Land

Die Regelungen treffen auch den Gesundheitssektor, wo offiziell nicht einmal mehr jede Hundertste Krankenschwester aus dem Ausland kommt. Zwar investierte Südafrika zuletzt vermehrt in Hochschulausbildung und seit dem Jahr 2012 steigen die Absolventenzahlen in den medizinischen Akademien wieder. Doch das reicht nicht.

Angesichts der vielen chronischen Krankheiten in Südafrika leidet das Gesundheitssystem an Personalnot – nicht zuletzt, weil auch eigene Ärzte nach Europa oder Nord-Amerika abwandern. Südafrika profitiert und leidet gleichzeitig unter "Brain-Drain", der Emigration von besonders gut ausgebildeten Menschen in reichere Länder.

Es ist auch eine finanzielle Katastrophe. Die indirekten Kosten eines unterbesetzten medizinischen Sektors sind enorm. Südafrika hat mit 6,8 Millionen HIV-Infizierten mehr als jedes andere Land, beinahe jeder vierte Einwohner trägt somit das Virus. Zu wenige Ärzte bedeutet ein größeres Verbreitungsrisiko. Die Behandlung jedes HIV-Infizierten kostet in Südafrika 600 Euro jährlich. Der Ausfall der Erkrankten belastet zudem den Arbeitsmarkt und damit das Wirtschaftswachstum.

Cathy D. Kalombo (l.): Die Ärztin aus dem Kongo leitet in einem Township in Kapstadt eine HIV-Klinik mit mehr als 7000 registrierten Patienten. (Foto: Christian Putsch)

In Afrika sind Ärzte knapp

Bilaterale Abkommen, die Medizinern aus dem südlichen Afrika den Zuzug erleichterten, kündigte die Regierung mit Verweis auf den Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation weitgehend auf. Dieser schreibt für die Rekrutierung von Gesundheitspersonal vor, dass negative Auswirkungen auf Entwicklungsländer vermieden werden müssen.

Aus gutem Grund: Afrika leidet unter einem Viertel der weltweiten Krankheitsbürde, hat aber nur 1,3 Prozent des globalen Anteils an ausgebildetem Gesundheitspersonal. In vergleichsweise wohlhabenden Ländern wie Südafrika dürfen Ärzte aus dem restlichen Afrika wenn überhaupt nur zeitlich begrenzt eingestellt werden.

Doch die Migration kann das nicht verhindern, nicht nur im Gesundheitssektor. "In Afrika erleben wir zunehmend eine fließende Binnenmigration", sagt Loren Landau, Professor für Migration an der Wits-Universität Johannesburg. Während Emigranten früher im Laufe ihres Lebens nur einen grenzüberschreitenden Umzug gemacht hätten, würden sie inzwischen mehrfach die Landesgrenzen überschreiten. Entgegen der internationalen Wahrnehmung würden weit mehr Afrikaner innerhalb des Kontinents eine neue Heimat suchen als in Europa.

Krankenschwestern arbeiten illegal

Neben dem enormen Bevölkerungswachstum bezeichnet Landau den Niedergang der Landwirtschaft als einen der Hauptgründe. "In den 80er-Jahren haben der Internationale Währungsfonds und die Weltbank den Abbau von Agrarsubventionen zur Bedingung für Kredite gemacht", sagt er, "dadurch wurden viele Menschen zum Umzug in die Städte gezwungen. Dort gibt es aber nicht genug Arbeit."

So bleibe die illegale Einwanderung über durchlässige Grenzen der einzige Weg. Es kommt vor, dass Krankenschwestern diesen inoffiziellen Weg wählen. Offiziell ist kaum eine Arbeitserlaubnis für Pflegeberufe zu bekommen. In so manchen Altersheimen werden ausländische Krankenschwestern informell für umgerechnet 200 Euro im Monat beschäftigt. Das funktioniert dann auch schon mal ohne Papiere.

Ärztin Kalombo ging dagegen den offiziellen Weg. Im Kongo gab es keine Arbeit, zumindest keine dauerhaft bezahlte. Dann hielt ihr Freund, der ebenfalls aus dem Kongo stammt, um ihre Hand an. Er war für das Studium nach Südafrika gegangen – und Kalombo folgte ihm schließlich.

Bürokratiehürden für ausländische Ärzte

Nur als Ärztin konnte sie erst einmal nicht mehr praktizieren. An der Zulassung ausländischer Mediziner sind sieben verschiedene Institutionen beteiligt. Manchmal dauert es Jahre, bis in den südafrikanischen Behörden alle Anträge bearbeitet worden sind. Verlangt wird – neben unzähligen Formularen – ein Englisch-Test und ein medizinisches Examen in Südafrika. Für das werden Ausländer oft aber nur zugelassen, wenn ihr Asylantrag genehmigt wurde.

Auf dieses Schlupfloch im System weist das Gesundheitsministerium Bewerber offensiv hin. Auch Kalombo beantragte im Jahr 2005 Asyl. Mit Erfolg, doch bis zur Zulassung dauerte es fast zwei Jahre. "Ich habe in einem Altersheim als Krankenschwester gearbeitet, mein Mann jobbte als Nachtwächter", sagt sie, "es war eine verdammt harte Zeit."

Aufgeben aber kam nie in Frage. Sie hatte es im Kongo geschafft. Also würde sie es auch hier schaffen. Sie behielt Recht, wenn auch mit etwas Glück. Noch bevor die Asylbestimmungen verschärft wurden, bekam sie ihre unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Mittlerweile schickt Südafrika Tausende Flüchtlinge zurück.

Kalombo ist angekommen. Über dem Schreibtisch ihres penibel aufgeräumten Behandlungszimmers hängen Fotos ihrer Kinder. Lachende Gesichter. Kalombo will weiter in Gugulethu arbeiten. Es spiele keine Rolle, dass sie in privaten Krankenhäusern mehr verdienen könne, sagt sie. Das Geld trieb sie nie an. Es sind Situationen wie diese: Neulich hat Kalombo auf der Straße zufällig einen Patienten getroffen. "Das ist meine Ärztin", sagte der zu einem Freund, "sie hat mir das Leben gerettet." Er klang stolz.

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