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Hells Angels, Osmanen Germania und Co. Wenn die Jagd auf Rockerbanden zur Showeinlage wird

Wenn die Polizei gegen Rockerbanden vorgeht, wird oft härter durchgegriffen als nötig. Außerdem gibt eine gefährliche Nähe einiger Beamter zur Szene, die der Faszination der Rocker verfallen sind.

Für die Hausdurchsuchung ließen die Beamten des mobilen Einsatzkommandos (MEK) in Hamburg die Einsatzfahrzeuge zu Hause; stattdessen nahmen sie den Hubschrauber. Ende Juli seilten sich zwei Elite-Polizisten über dem Penthouse der Rockergröße Erkan U. ab, der eine Schusswaffe in seiner Wohnung versteckt haben sollte. Die Beamten stürmten das Appartement – und fanden die Waffe.

Viel Wirbel wegen eines Revolvers. Der massive Vorstoß aus der Luft hatte aber einen handfesten Hintergrund: Seit einem halben Jahr kämpfen zwei Rocker-Gruppierungen um die Macht auf dem Hamburger Kiez. Die Mongols fordern die alteingesessenen Hells Angels heraus, die weite Teile des Gebietes um die Reeperbahn als ihr Territorium ansehen. Und die wehren sich gegen die Angreifer.

Nachdem die Motorrad-Gang jahrelang gut im Rotlichtmilieu verdiente, ohne von Ermittlern behelligt zu werden, kümmert sich seit Anfang Januar nun eine 60 Mann starke Soko "Rocker" um die Höllenengel.

Ein Dutzend Haftbefehle haben die Beamten seit Beginn der Auseinandersetzung vollstreckt, mehr als 250 Personen aus dem Rocker- und Rotlichtmilieu kontrolliert. "Unsere Bilanz kann sich sehen lassen", resümiert Soko-Chef Mirko Streiber. Man sei aber "längst nicht auf der Zielgeraden."

Polizeibeamte fotografieren 2012 in Düsseldorf vor einem Treffpunkt des Rockerclubs "Clan 81", einem Unterstützerverein der Hells Angels, einen Rocker. (Foto: dpa)

Das ist wohl untertrieben. Deutschlandweit breiten sich kriminelle Rockergangs aus; ständig tauchen neue Gruppen von Männern auf, die vordergründig den Kult um Motorräder, Tattoos und Machotum pflegen, tatsächlich aber die Macht in Rotlichtvierteln, in der Türsteherszene und im Drogengeschäft für sich beanspruchen.

Die Polizei kommt mit den Ermittlungen kaum noch hinterher, weil der Bereich der organisierten Kriminalität (OK) jahrelang zusammengespart worden ist. Offenkundig gibt es auch im Fahndungsapparat undichte Stellen, aus denen Informationen an die Gangs sickern. Einzelne Beamte stehen den Kriminellen näher, als sie es von Berufs wegen sollten.

Dabei ist längst klar, mit wem man es zu tun hat. "Wo Hells-Angels aktiv sind, wird in der Regel mit Drogen gedealt. Das lehrt die kriminalistische Erfahrung", sagt Oliver Huth, OK-Ermittler im LKA Düsseldorf. Allein in seinem Bundesland hat sich die Mitgliederzahl der kriminellen Outlaw Motorcycle Gangs seit 2010 auf jetzt 1600 Rocker verdreifacht.

Erst am vergangenen Mittwoch stürmten 299 Beamte gleichzeitig in sieben Bundesländern und Österreich 14 Wohnungen von Hells-Angels-Mitgliedern.

Die Fahnder stellten Rocker-Buden in Hamburg, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Berlin, Brandenburg und NRW auf den Kopf – und fanden, was sie suchten, wenn auch nicht in der vermuteten Menge: zwei Kilogramm Haschisch in einem Appartement sowie mehrere "Beweismittel", wie es in einer Pressemitteilung der Polizei heißt.

Ins Visier geriet auch der Hamburger Hells-Angels-Club "Harbor City", gegen den die Beamten seit August 2015 ermitteln.

Zweifel sind angebracht, ob die Aktionen nicht eher der Polizei-PR dienen. Mit den spektakulären Festnahmen in Hamburg, bei denen schwarz uniformierte MEKler seit Jahresbeginn breitschultrige Rocker aus wirkungsvoll eingerammten Wohnungen abführen, produziert der Apparat genau die Bilder, die allen gefallen: den Medien, der Politik, die Handlungsfähigkeit demonstrieren kann, und nicht zuletzt den Gangs, für die ein MEK-Besuch den internen Ritterschlag bedeutet.

Ohne Ermittlungen keine Ergebnisse

Mit klassischer Polizeiarbeit habe das nur am Rande zu tun, sagt der Hamburger Landesvorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BDK), Jan Reinecke. "Es ist natürlich richtig, dass mit der Soko "Rocker" jetzt in großem Maßstab versucht wird, diese Strukturen aufzuhellen und zu bekämpfen.

Aber das verdeckt auch die Tatsache, dass in Hamburg jahrelang viel zu wenig gegen die Rocker unternommen wurde und man sie gewähren ließ, solange es ruhig blieb", so Reinecke, der selbst jahrelang in den Strukturen der organisierten Kriminalität ermittelte.

Mit der organisierten Kriminalität, so der Beamte, sei es ganz einfach: Wenn man nicht ermittele, finde man auch nichts heraus. Und so würden diese Delikte nicht oder nur zu einem geringen Teil in die Statistik einfließen – und der Anschein wird erweckt, dass es kaum organisierte Kriminalität gibt.

Was natürlich nicht stimmt. Denn zu ihrem Wesenskern gehört unter anderem, unter "Einflussnahme auf Politik, Medien, öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft zusammenzuwirken", wie das BKA den Begriff definiert.

Auch mancher Schutzmann scheint vor der Faszination und den Avancen des Rockerkultes nicht gefeit zu sein. Immer wieder kommt es vor, dass Polizisten Rockern zu Diensten sind.

In Nordrhein-Westfalen etwa vertauschte der frühere SEK-Polizist Tim K. aus dem Kreis Lippe seine grüne Uniform mit einer schwarzen Kutte, auf der der Aufnäher "Brothers MC" prangt. Eigentlich will ihn sein Dienstherr aus dem Beamtenverhältnis entlassen. Denn der mittlerweile suspendierte Beamte wurde 2010 wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Dagegen klagt Tim K. – und erhält seit sechs Jahren bis zu einer endgültigen Entscheidung 50 Prozent seiner Bezüge. Die "Brothers" zählt das Innenministerium zu den Outlaw Motorcycle Gangs, den gesetzlosen Clubs.

Einen anderen Beamten verurteilte das Amtsgericht in Bochum Ende November zu einer Geldstrafe von 4500 Euro, weil er Dienstgeheimnisse an ein führendes Mitglied der Gruppe Gremium MC weitergegeben hatte. Der Rocker, den er im Fitnessstudio kennengelernt habe, sei "wie ein Sohn für ihn gewesen", entschuldigte sich der Polizist im Prozess.

Einflussnahme der Rocker auf die öffentliche Verwaltung

Der Staatsdiener verriet Adressen, stellte Halteranfragen bei Autos und prüfte, ob gegen bestimmte Personen Haftbefehle vorlagen. Eine WhatsApp-Nachricht genügte, schon lieferte der Gangsterjäger die Infos an die andere Seite.

In Hamburg stellte der als unnachgiebig bekannte Richter Johann Krieten Anfang Januar in einem Prozess gegen den Rocker und Kiezpaten Sefi L. fest, es gebe eine "bedenkliche Nähe" einzelner im Milieu ermittelnder Polizeibeamter zum Angeklagten.

Für den Düsseldorfer Fahnder Huth, zugleich Vizechef des Bundes deutscher Kriminalbeamter in Nordrhein-Westfalen, sind das keine Einzelfälle. "Auch bei der Polizei gibt es Leute, die von der Rocker-Szene, ihrem Fitnesskult, den Motorrädern und der vermeintlichen Gemeinschaft fasziniert sind." Es gebe jetzt schon eine Einflussnahme der Rocker auf die öffentliche Verwaltung – ein Punkt, an dem sich organisierte Kriminalität festmachen ließe, so Huth.

"Es gibt keine Razzia, keine Verhaftung, keine Durchsuchung in Verfahren der organisierten Kriminalität, bei der es nicht den Verdacht gibt, dass ein Beamter Informationen durchgestochen hat", sagt der Experte. "Das ist eine gefährliche Entwicklung."

Zu wenige Beamte in den OK-Abteilungen, zu viele Show-Ermittlungen – und viele Beamte fühlen sich auch noch von der Justiz im Stich gelassen. Denn der Bundesgerichtshof hat in einem Urteil vom Juli 2015 entschieden, dass das Tragen der Kutten nicht einfach untersagt werden kann. Wenn die Behörden ein Chapter, also eine Ortsgruppe verboten haben, dann dürfen die Rocker weiter mit dem ledernen Club-Ausweis herumfahren – wenn sie eine andere Ortsbezeichnung auf die Weste nähen.

"Dabei sind Motorrad-Kutten von Outlaw-Motorcycle-Gangs zu Uniformen der organisierten Kriminalität geworden", sagt der Ermittler. Mit ihnen funktioniere die Einschüchterung und der Machtanspruch über ein Gebiet überhaupt erst.

Polizeibeamte beobachten in Neuss (Nordrhein-Westfalen) ein Treffen der türkischstämmigen Rockergruppe Osmanen Germania. (Foto: picture alliance / dpa)

Neuester Ableger: Eine Gruppierung, die sich Osmanen Germania BC nennt und im vergangenen Jahr in Offenbach gegründet wurde. Im Internet präsentiert sich die Rockergruppe, zu der bereits 20 Chapter und 700 meist türkischstämmige Mitglieder gehören sollen, martialisch und kampfbereit. In einem Internetvideo wird über die Gang gerappt: "Osmanen Germania – Waffen und Kutten, Zuhälterei, damit bauen wir Brücken."

Ermittler halten es nur für eine Frage der Zeit, bis die Osmanen in die von ihnen erkorenen Geschäftsfelder einsteigen wollen. "Ob Drogenhandel, Menschenschmuggel oder Schutzgelderpressung: Es geht bei den Auseinandersetzungen immer auch um Märkte, und da hat man in seinem Gebiet gern das Monopol", so ein Fahnder. Kriminalist Huth ist sicher: "Revierkämpfe unter Rockern werden wir öfter erleben."

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