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Flüchtlinge in Griechenland Tausende hoffen auf Merkels Hilfe

An der mazedonischen Grenze warten tausende Flüchtlinge auf die Weiterreise nach Deutschland. Vom politischen Geschacher in der EU wissen sie nichts. Das UNHCR sieht eine humanitäre Krise.

Die letzte Tankstelle vor der Grenze zu Mazedonien ist auf Deutsch ausgeschildert. Als befände man sich schon auf direktem Weg in die Bundesrepublik und nicht etwa in Griechenland. Nur ganz so direkt ist der Weg nicht mehr, seit Mazedonien im Februar auf Betreiben Österreichs und der anderen Balkanstaaten entlang der Flüchtlingsroute die Grenzübergänge geschlossen hat und täglich nur noch einige wenige Migranten durchlässt.

Vor der Tankstelle stehen ein paar Dutzend weiße Zelte des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR. Die meisten sind leer, das kleine Lager ist nur eine Zwischenstation. Zurückgeblieben sind einige Familien mit kranken Kindern, um die sich ein Arzt kümmert. Ein Vater schiebt seinen schwerbehinderten Sohn im Rollstuhl zu der improvisierten Praxis, dessen Gesicht schützt er mit einem Stück Tuch vor der sengenden Sonne. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie die beiden es überhaupt so weit geschafft haben.

Auf den letzten Kilometern durch Griechenland begegnet man immer wieder kleinen Gruppen, die sich ihr Hab und Gut auf den Rücken geschnallt haben und so nach Idomeni schleppen, das griechische Örtchen an der Grenze zu Mazedonien. Die Hilfsorganisationen mögen die Flüchtlinge noch so sehr davor warnen, an die Grenze zu reisen – die Menschen kommen trotzdem. Bei einigen wenigen mag es Unwissenheit sein, die meisten aber treibt wohl eher der Mut der Verzweiflung.

10.000 Menschen warten an der Grenze

"Jeden Tag kommen weiter 1000 Flüchtlinge in Idomeni an", sagt Marie-Elisabeth Ingres von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Doch nach Mazedonien dürfen nur wenige weiterreisen. Zuletzt waren es täglich etwa 100. Weil die Balkanroute von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen dicht ist, staut sich der Flüchtlingsstrom nun in Griechenland. Am angespanntesten ist die Lage dabei in Idomeni. Rund 10.000 Menschen warten bereits hier, schätzen die Helfer. Dabei bestand das Camp ursprünglich nur aus einigen großen Zelten und war für maximal 2000 Personen ausgelegt. "Die hielten sich hier bisher auch meist nur ein paar Stunden auf", sagt Ingres, "dann ging es so schnell wie möglich weiter."

Auf den Wiesen rund um die Bahngleise, die nach Mazedonien führen, und an denen es am Montag zu Ausschreitungen zwischen Flüchtlingen und der Polizei gekommen war, stehen Hunderte kleine Notzelte. Hilfsorganisationen haben die behelfsmäßigen Unterkünfte herangeschafft, um den Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Auf manche sind Slogans gesprayt: "Open the borders" (Öffnet die Grenzen) oder "Merkel help" (Merkel, hilf).

Flüchtlinge wissen wenig von der Abschottungspolitik

"Stimmt es, dass Deutschland keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will?", will Abdul wissen. Der Syrer ist 23, hat im völlig zerbombten Aleppo Ingenieurswesen studiert und es in seiner Heimat nicht mehr länger ausgehalten. Abdul sitzt mit einer Gruppe von etwa 25 Männern, Frauen und Kindern um ein kleines Lagerfeuer. Auch eine alte Frau ist darunter, die anderen nennen sie respektvoll "Mutter". In der Glut steht eine alte Konservenbüchse, in der sie Wasser für einen Tee aufkochen. Die Temperaturen sind mild, aber die Menschen frieren trotzdem.

Eine der Frauen verteilt Apfelschnitze. "Mach uns Hoffnung", bittet sie den Reporter aus Deutschland. Vom Gezerre auf der europäischen Bühne, der Weigerung der Osteuropäer, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, wissen die Menschen hier nichts. Für sie ist es allein Merkel, die entscheidet, wie es mit ihnen weitergeht – "oder etwa nicht?", fragt Mohammed aus dem Irak. "Mama Merkel", sagt er und lacht. Dabei hat er als einer der wenigen Deutschland nicht einmal als Ziel auserkoren. Er will mit seiner schwangeren Frau lieber in die Schweiz.

Die Gruppe sei wie eine Familie zusammengewachsen, erzählt Mohammed. Sie saßen alle gemeinsam in der Türkei eine Nacht im Gefängnis, als die Polizei sie schnappte, bevor sie auf ein Schmugglerboot in Richtung der griechischen Insel Lesbos steigen konnten. Am Tag danach versuchten sie es wieder, seit zwei Wochen sind sie nun in Griechenland. Ohne die neu gefundene "Familie" wäre das Warten kaum zu ertragen, sagt der Syrer Abdul. Als sie aufbrachen, hatte keiner von ihnen erwartet, auf eine geschlossene Grenze zu treffen.

25 Prozent Frauen, 30 Prozent Kinder

Und das ist nicht einmal ihr einziges Problem: Mohammed kramt das Dokument hervor, das er bei der Registrierung in Lesbos bekam. Er zeigt auf das Geburtsdatum: 1. Januar 1993. "Bei fast allen haben sie 1.1. eingetragen", sagt er, "ein Polizist hat gesagt, wir bräuchten neue Papiere, um über die Grenze zu kommen." Am Lagerfeuer äußert Abdul Zweifel, ob ihnen diese neuen Dokumente helfen werden. "Wenn die Grenze zubleibt, nützt das doch alles nichts", sagt der Syrer.

Gleich neben den Gleisen und den großen Zelten in Idomeni stehen Hunderte Menschen in einer langen Warteschlange vor der Essensausgabe. Es sind auffallend viele Familien mit Kindern. 25 Prozent seien Frauen und 30 Prozent Kinder, sagt Ingres von Ärzte ohne Grenzen. "Wir bewegen uns auf eine humanitäre Krise zu", warnt ein Helfer des UNHCR eindringlich, "und die Verzweiflung der Menschen nimmt jeden Tag zu." Die Grenzen zu schließen sei keine Lösung, sondern sorge nur für noch mehr Chaos, glaubt er. "Am Ende profitierten davon doch vor allem die Schmuggler", sagt der UNHCR-Vertreter mit einem missbilligenden Kopfschütteln.

Geschlossene Grenzen? Die halten die Menschen nicht auf

Längst bieten die Schlepper den Flüchtlingen an, sie an der mazedonischen Polizei vorbei ins Land zu bringen. Von dort geht es für viele weiter nach Albanien, übers Meer nach Italien und von dort weiter gen Norden. Die Mazedonier mögen ihre Grenzen mit Unterstützung der Osteuropäer schließen und sichern, die Flüchtlinge lassen sich davon jedoch nicht lange aufhalten. Wo eine Route blockiert ist, entstehen durch windige Schleuser umgehend neue. Das Geschäft mit der Verzweiflung boomt.

Bis auf Weiteres bleibt den Hilfsorganisationen vor Ort nichts anderes übrig, als dem Treiben hilflos zuzusehen. "Die Antwort auf die Krise kann doch nicht sein, Verantwortung hin- und herzuschieben – oder sie ganz auf die Türkei abzuwälzen", sagt ein Helfer. Die Europäer müssten endlich anfangen, solidarisch miteinander zu sein, fordert er. Griechenland hantiere nur mit Notlösungen, es gebe keinen Plan.

Der griechische Premier Alexis Tsipras warnte am Mittwoch, die Entwicklung übersteige die Kräfte seines Landes. Griechenland hat deshalb Unterstützung gefordert: Zelte, Medikamente, Klimaanlagen, Containerwohnungen, Generatoren, Krankenwagen und Betten sowie Matratzen für 100.000 Menschen würden benötigt. Es wird damit gerechnet, dass so viele Flüchtlinge dauerhaft in Griechenland versorgt werden müssen.

Bislang verfahren die griechischen Behörden so: Syrer und Iraker werden in Bussen nordwärts in Richtung Mazedonien gebracht, Afghanen und Iraner versucht man, rund um Athen unterzubringen. Dort ist erst einmal Endstation für sie. Sie haben keine Chance, von den mazedonischen Grenzern durchgelassen zu werden. Also sollen sie die Lage an der mazedonischen Grenze nicht noch weiter verschärfen.

In Idomeni trinkt die neu formierte Familie inzwischen Tee aus alten Plastikbechern. Mit viel Zucker, so wie sie es von zu Hause gewohnt sind. Später werden sie sich für das Abendessen anstellen. Wenn sie Pech haben, sagt Abdul, ist es wieder ein Sandwich. Noch aber gebe es immerhin etwas zu essen.

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