Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

AfD-Wahlkampf Wenn der Oberstleutnant vom "Verrat am eigenen Volk" spricht

Die AfD schickt wackere Krieger in den Wahlkampf nach Rheinland-Pfalz. Mit dabei: Ein rhetorisch fitter Oberstleutnant der Bundeswehr und ein Ex-Grüner, der an Selbstüberschätzung leidet.

Ein deutscher Politiker, dem es gelingt, "Verrat am eigenen Volk" und "Verbrechen an unseren Kindern" wie Kasino-Galanterien klingen zu lassen, verfügt über eine außergewöhnliche rhetorische Begabung. Uwe Junge (58), Oberstleutnant der Bundeswehr und Spitzenkandidat der "Alternative für Deutschland" in Rheinland Pfalz ist dieser außergewöhnliche Mann.

Gut 50 Minuten lang spricht Junge vor mehr als 200 wackeren Mitstreitern, so seine wehrhafte Anrede in einem Saal am Kurhaus von Bad Kreuznach, betont fehlerlos, mit wohltönender, nie erregter Stimme, er bindet Sätze wie Soße: Wenn die AfD am 13. März nicht nur mit neun Prozent der Stimmen in den Landtag springt, sondern mit 15 Prozent und drittstärkste Kraft wird, wie die Partei glaubt, hat sie das dem Mann mit dem wilhelminischen Schnurbart und der Islam-Kampf-Erfahrung in Afghanistan zu verdanken. Übrigens meint er den Verrat an den Senioren, die in Deutschland charakterlos in Heimen entsorgt werden; für die Kinderverbrechen ist Angela Merkel samt aller "Altparteien" zuständig, weil ihre Politik nichts als Unheil über das Land und seine Zukunft bringt.

"Die Dreyer muss weg, und die Merkel gleich hinterher", ruft er den Leuten im Saal (samt rund 80 Zuhörern vor einer Videowand im Foyer) zu, wenn er einmal ein Stück rohes Fleisch in die Menge wirft. Doch das ist selten. Uwe Junge ist Dezernatsleiter am Zentrum Operative Kommunikation in Mayen und hat die Haltung und die Manieren, die Offizieren eigen ist. Der Mann hat einen Eid geschworen, Deutschland tapfer zu verteidigen, und wenn er am Ende "Gott schütze unser Vaterland!" ausruft, hät es die Leute nicht auf den Sitzen.

Endlich sagt einer, was alle anderen Patrioten in der Welt sagen, nur die neurotischen deutschen Flagellanten nicht: "Die grauenhaften zwölf Jahre der Nazi-Diktatur" seien ein kaum zu tilgender Schandfleck sagt er in die Stille, "aber ich lasse mich nicht auf diese zwölf Jahre reduzieren." Da bricht Jubel aus. So tief sprechen wenige aus den gepeinigten Seelen.

Gekränkter Narziss bekommt nur wenig Beifall

Um Seelen und Stimmen zu fischen ist Uwe Junge gekommen. Nicht allein. Vor ihm spricht der AfD-Lokalpolitiker Jürgen Klein, der allerdings keinen geraden Satz ablesen kann und beleidigt über allerlei Härten beklagt, "Kommunisten und Kirche" im Bunde gegen seine Partei, und obendrein meint, die Grenzen seien das Letzte, was die Deutschen zusammenhalte. Sein Nachredner, Ludger Sauerborn, sehnt sich als Ex-Grüner, der nun die AfD unterstützt, nach der Scheinwerferwärme der Partei, die er "ein bisschen aus der Schmuddel-Ecke holen" will.

Uwe Junge kam an bei den AfD-Sympathisanten. (Foto: Getty Images)

Der Mann, schwer leidend an Selbstüberschätzung, will nicht wahrhaben, dass Überläufer Hass hinterlassen und Verachtung gewinnen. Sauerborn aus Worms bekommt ein paar Krumen Applaus, als er bei den Grünen "Klima moralischer Überheblichkeit und Intoleranz" verdammt. Die "Betroffenheitsbeauftragte Claudia Roth" kommt auch noch passabel an. Aber irgendwie spüren die Leute, dass das ein gekränkter Narziss lamentiert, der ebenso gut über die AfD herziehen würde.

"Wählen Sie die AfD, das Original"

Bad Kreuznach, Kurstadt und Kreisstadt, die größte Weinbaugemeinde an der Nahe, die siebtgrößte im weinseligen Land, hat seit der Kommunalwahl 2014 zwei AfD-Abgeordnete zu bieten, so viel wie die FDP. Dazu ist es die Heimat samt Wahlbezirk von Julia Klöcker, CDU-Spitzenkandidatin.

Klöckner war zuletzt am Mittwoch zusammen mit Angela Merkel in Bad Kreuznach, Donnerstag folgte Bundesjustizminister Heiko Maas, Freitag ist die AfD dran. Während die überlegene Wein-Expertise Klöckners, nach Stationen als Weinkönigin des Landes wie des Bundes und "Sommelier"-Chefredakteurin unangefochten ist, glaubt die AfD, eine taktisch kalkulierte Kopie ihrer Politik schon auf einem Wahlplakat zu finden: "Wissen, wer zu uns kommt, entscheiden, wer bleiben darf, zurückschicken, wer gehen muss", überlegt in etwas problematischem Deutsch (den zurückschicken, der gehen muss, ist wohl gemeint) zu einem nachdenklichen Foto Klöckners am Schreibtisch. Uwe Junge durchschaut diese "erzkonservativen Vorstöße" natürlich. Die Frau sei unglaubwürdig, verbrannt: "Wählen Sie das Original!"

AfD-Chefin rhetorisch brilliant aber ohne Herz

Gemäß der Dramaturgie von Parteitagen und Rockfestivals kommen die größten Namen zuletzt. Die Vorredner sollen die Menge anwärmen. So ist es wohl auch mit Frauke Petry gedacht. Aber die AfD-Chefin spricht mehr über die Köpfe hinweg als in die Herzen der Leute. Ohne Manuskript, was Achtung verdient, aber auch ohne die rednerische Disziplin des Soldaten Junge.

Petry scheint vom Ehrgeiz getrieben, möglichst lange, hochkomplizierte, irgendwie dennoch korrekte Satzgebilde zu spinnen, bei denen nur sie allein den Faden nicht verliert. Intelligent, geschliffen auch in der Demagogie, ohne die schiefen Metaphern drittklassiger Kandidaten setzt sie mühelos die vermeintliche Politische Korrektheit von Rot-Grün ("der erste Schritt zur sprachlichen und gedanklichen Diktatur") mit dem SED-Staat gleich.

AfD-Chefin Frauke Petry konnte nicht so recht überzeugen. (Foto: Getty Images)

Auch bei Junge ist die Analogie beliebt. Im Osten Deutschlands sei die AfD und der Widerstand so stark, weil man dort die Methoden der Diktatur kenne: den Gegner diffamieren und erniedrigen, die Opfer sind die letzten wahrheitsliebenden, mutigen Deutschen, die nun sämtlich AfD wählen. Ab und an blitzt Petrys Schärfe auf, die ihr viel Bewunderung einbringt. Nicht unbedingt in den Medien, die sich Vierte Gewalt nennen und es nicht sind, und doch, fordert sie, vom Volkssouverän zu kontrollieren ist. Stehen unter der AfD künftig Redakteure und Reporter zum Volksentscheid zur Verfügung?

Petry zitiert Konrad Adenauer - leider falsch

Einig sind Uwe Junge und Frauke Petry sich in dem Bemühen, sich nicht zu scharfen Pointen oder Dummheiten in der Art der Schusswaffe der Grenzbeamten als Ultima ratio hinreißen zu lassen, um ein paar Wähler in Kreuznach zu gewinnen. Es geht um mehr.

Frauke Petry wählt selbst zum Ende ihrer Rede ein Schwergewicht der deutschen Geschichte. Konrad Adenauer habe gesagt: "Man darf niemals zu spät sein. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen Neuanfang." Der Alte hätte sich bedankt für den falschen ersten Satz: "Man darf niemals ´zu spät´ sagen."

Falsch zu zitieren (mehrere Zeugen bestätigen Petrys gesprochenes Wort "sein") gilt bei AfD-Politikern als todeswürdiges, vorsätzliches Verbrechen der Lückenpresse und Alt-Medien. Es könnte sein, dass Petry im Affekt die Weisheit des Altbundeskanzlers gekreuzt hat mit Gorbatschows "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Könnte das sein? Niemals.

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.