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Chaos in Berliner Flüchtlingsbehörde Jetzt soll McKinsey das Lageso trimmen

Der Krankenstand beträgt 50 Prozent, die Technik erinnert an die 50er Jahre: Nun soll die Beratungsgesellschaft McKinsey einen letzten Rettungsversuch für das Berliner Lageso starten.

Die stellen hier alles auf den Kopf, ich komm da nicht mehr mit, sagt eine Sachbearbeiterin des Lageso zu ihrer Kollegin in einem Moment, in dem sie denkt, es höre niemand zu. Hast du verstanden, wie das jetzt gehen soll? Ich nicht.

Seit sechs Wochen gibt es einen neuen Chef am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), das es im vergangenen Sommer zu bundesweiter Berühmtheit geschafft hat – als Symbol für die Unfähigkeit der Hauptstadt, das Chaos mit den Flüchtlingen in den Griff zu bekommen. Ende des Jahres wäre fast die große Koalition auf Landesebene daran zerbrochen – und dann wurde doch nur der Amtsleiter gefeuert.

Seit dem 18. Januar ist ein Duzfreund des Berliner Gesundheitssenators Mario Czaja (CDU) Chef der Behörde: Sebastian Muschter, 46 Jahre, ehemaliger Topberater von McKinsey. Und seither gibt es viele Neuerungen bei den Arbeitsabläufen, deren Umsetzung den Sachbearbeitern eine Menge Kopfzerbrechen und der Hälfte von ihnen den Kollaps beschert.

Der Krankenstand in der Behörde beträgt 50 Prozent. Das ist kein schlechter Wert im Vergleich zum Ende des Jahres, als er bei 70 Prozent lag.

Berühmte Ex-"Meckies"

Rund 30.000 ehemalige McKinsey-Berater, kurz "Meckies" genannt, arbeiten heute an den Schaltstellen der Wirtschaft – und zunehmend der Politik. Die amerikanische Sicherheitsberaterin Susan E. Rice arbeitete früher bei McKinsey, ebenso wie der ehemalige britische Außenminister.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu war früher Berater bei der Boston Consulting Group, die Nummer zwei auf dem Beratungsmarkt nach McKinsey, der führenden Strategieberatung der Welt mit sieben Milliarden Dollar Jahresumsatz. Nun erobert McKinsey die Berliner Politik. Die Flüchtlingskrise und die Schwäche der Regierung beschert McKinsey Aufträge und ein neues Themenfeld. Man will jetzt zum Integrationsexperten werden.

So ist Ex-Meckie Muschter, Mann einer Amerikanerin, Vater dreier Töchter, Großverdiener mit Wohnsitz Wiesbaden, nun Leiter der berüchtigten Berliner Behörde. Sein Lohn fällt in die Besoldungsgruppe 4, das entspricht einem Grundgehalt von 7300 Euro pro Monat. Dafür kennt ganz Deutschland seinen Namen.

Sebastian Muschter ist nur kommissarischer Chef des Lageso. Die Stelle soll ausgeschrieben und dann auf Dauer neu besetzt werden. (Foto: picture alliance / dpa)

Der gelernte Diplom-Kaufmann ist Spezialist für Optimierungsprozesse, sowohl in der Privatwirtschaft als auch in der öffentlichen Verwaltung. Wenn Muschter reüssiert, kann er sagen, sich der "schwierigsten Herausforderung seit den Hartz-IV-Reformen, wahrscheinlich sogar seit der Wiedervereinigung", gestellt zu haben, wie er die Krise jüngst bei seiner Vorstellung im Berliner Abgeordnetenhaus beschrieb.

Wenn er scheitert, ist das ein Zeichen, dass die private Beratertätigkeit und die öffentliche Verwaltung zwei Bereiche sind, die nicht gut zusammenpassen.

Im September hatte McKinsey begonnen, das Lageso unter Muschters Leitung unentgeltlich zu beraten. Im selben Monat wurde bekannt, dass McKinsey auch die Bundesregierung bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise unterstützen und dem Bundesamt für Migration (BAMF) helfen soll, Asylverfahren zu beschleunigen und eine bundesweite Struktur zur Registrierung, Erfassung und Versorgung der Flüchtlinge zu etablieren. Zunächst unentgeltlich. Dann werde geklärt, ob es zu einer dauerhaften Unterstützung komme.

Das kostenlose Ködern hat sich gelohnt. Vor zwei Wochen kam die Nachricht, dass Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) McKinsey engagierte, um einen Masterplan für Integration zu entwickeln. Diese "komplexe Aufgabe" könne die Berliner Verwaltung nicht allein bewältigen.

McKinsey wurde gewählt, weil es sich mit dem BAMF bereits auskenne und außerdem die schwedische Regierung in Sachen Flüchtlingspolitik erfolgreich beraten habe. In Stockholm gelingt es seither, die Asylanträge innerhalb von drei statt neun Monaten zu entscheiden.

Buschkowsky: "Das ist für mich eine Politsatire"

Ausgeschrieben wurde der Berliner Auftrag nicht. Der Preis für den Masterplan: 238.000 Euro. Ein Schnäppchen, bedenkt man, dass der Senat im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro für Flüchtlinge ausgegeben hat. Aber der Auftrag kann die Eintrittskarte sein, um eine Goldgrube auszuheben.

"Man kennt ja die Strategie, sich zunächst umsonst anzudienen, um einen neuen Markt zu erobern", sagt Canan Bayram, Sprecherin der Berliner Grünen-Fraktion für Flüchtlingspolitik. Mit seiner Pro-bono-Tätigkeit hat sich McKinsey einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Wenn man es ganz böse sehen will, ist es wie auf dem Drogenmarkt, schreibt die "taz": erst die Leute mit Stoff für umsonst anfixen, um sie dann als Süchtige auszunehmen.

Die Berater sollen in den kommenden Wochen vor allem eins: koordinieren. Geplant sind Workshops, "in denen die Führungsebenen der Senatsverwaltungen unter Beteiligung der Bezirksverwaltungen konkrete Maßnahmen entwickeln" sollen. Der neue Masterplan müsse mit den Integrationsvorhaben des Bundes kompatibel sein und in der Praxis erprobte und funktionierende Lösungen enthalten.

Wenn sich jemand in Berlin mit Integration auskennt, dann ist es Heinz Buschkowsky, ehemaliger Bürgermeister Neuköllns. Auch er stellt sich die Frage, wieso eine Landesregierung eine Privatfirma braucht, die sie koordiniert. "Wir haben doch eine Senatsverwaltung", sagt der Parteifreund Müllers.

Er nennt Dieter Glietsch, den ehemaligen Polizeipräsidenten, den Müller im September als Staatssekretär für Flüchtlingsfragen einstellte, "um zu koordinieren". Buschkowsky zählt weitere Koordinierer auf. "Was ist die Aufgabe Mario Czajas als Gesundheitssenator und oberster Lageso-Chef? Zu koordinieren! Der wiederum hat seinen Staatssekretär Dirk Gerstle, der alles koordinieren soll!"

Wie ein kleines Pflaster auf einer klaffenden Wunde

Buschkowsky weiter: "Es gibt ein ganzes Landesamt, das koordinieren soll, jetzt wird ein zweites aufgebaut." Zusätzlich gebe es schließlich noch eine Senatorin für Integration mit einem riesigen Beraterstab. "Und dann muss ich zusätzlich jemanden von außen engagieren, der der Berliner Regierung sagt, wie sie koordiniert und wie Integration funktioniert, die ich ja angeblich schon erfolgreich seit 50 Jahren betreibe?"

Der Ex-Bürgermeister ist empört. "Das ist für mich eine Politsatire. Und wer Verwaltung kennt, der weiß: Das kann nicht klappen."

Die Registrierung der Flüchtlinge in Berlin läuft mittlerweile gut. Im Gebäude einer alten Landesbank ist nun eine zentrale Erstregistrierungsstelle eröffnet worden, um das Lageso zu entlasten. Dort aber stehen die Menschen nun Schlange, um ihre Folgeleistungen zu bekommen. Rund 1000 Vorsprachen gibt es täglich von Flüchtlingen, die ihr Taschengeld abholen wollen, den Krankenschein oder den Zettel, der ihnen bescheinigt, dass das Lageso die Miete für ihre Wohnung übernimmt.

Doch die ZLA, die Zentrale Leistungsabteilung im dritten Stock des Gebäudes, verfügt lediglich über 56 Mitarbeiter. Und nur sechs von ihnen sind umfassend qualifiziert. Die restlichen 50 kennen nur Teilbereiche. Sie sind neu, müssen noch eingearbeitet werden, sind nur ausgeliehen oder vorübergehend da. Es arbeiten nun etwa ehemalige Postmitarbeiter dort, die in Sachen Asyl nicht besonders sattelfest sind.

"Es ist so, als wenn ich auf eine klaffende Wunde ein kleines Pflaster klebe", sagt Diana Henniges, Sprecherin des Netzwerkes "Moabit hilft". Die Ehrenamtlichen hatten das Lageso in den vergangenen Monaten stark kritisiert und den Rücktritt des Gesundheitssenators gefordert.

Immerhin gebe es jetzt mit Muschter jemanden, der auf E-Mails reagiere. Henniges kann Muschter auf dem Handy anrufen, wenn ihr ein Missstand auffällt, oder sie geht direkt zu ihm ins Büro. Alle anderen Ehrenamtlichen haben Hausverbot. Wöchentlich ist Henniges zu Runden mit den McKinsey-Mitarbeitern eingeladen. Auf deren Schreibtischen kleben Hunderte kleiner Zettel mit To-do-Listen. "Sie sind ähnlich resigniert wie wir", sagt Henniges.

Muschter lässt den Flüchtlingen jetzt Abschlagszahlungen von 100 Euro auszahlen, um Eilanträge beim Sozialgericht zu verhindern, die sich in den vergangenen Monaten verachtfacht hatten. Doch nach den Sofortzahlungen brauchen die Flüchtlinge einen zweiten Termin, um den Rest der 356 Euro zu bekommen, die einem Selbstversorger zustehen.

Auf diesen müssen sie wieder vier bis fünf Wochen warten. "Das verstößt gegen das Asylbewerberleistungsgesetz", sagt Henniges. Kinder gingen nicht zur Schule, weil sie keine Fahrkarte mehr bezahlen könnten.

"Die Eltern können den Integrationskurs nicht besuchen, das Essen reicht nicht aus. Und aufgrund der schleppenden Termine müssen viele Flüchtlinge weit über sechs Monate in der Turnhalle übernachten."

Technik wie in den 1950ern

Die Computertechnik im Amt ist veraltet, die Rechner der verschiedenen Stockwerke sind nicht miteinander vernetzt, die Akten nicht digitalisiert. Es ist wie in den 50er-Jahren. Die Tische liegen voll mit grauen Ordnern. Muschter hat nun einen Scan-Code eingeführt, der auf jeder Akte zu finden ist und gleichzeitig auf den blauen, roten, grünen Terminierungskarten, die die Flüchtlinge bekommen mit dem Datum für ihren nächsten Termin.

Das behebt das Problem nicht dauerhaft. Das Barcode-System ist nicht kompatibel mit dem internen Verwaltungssystem.

Muschter ist nur kommissarischer Chef des Lageso. Die Stelle soll ausgeschrieben und dann auf Dauer neu besetzt werden. Bis dahin will er "versuchen, das Lageso zumindest in Ansätzen in den Griff zu bekommen und ein bisschen Struktur reinzukriegen", sagte er bei seiner Vorstellung. Er hat jetzt eine zentrale Einarbeitungsgruppe gegründet und schriftliche Leitfäden für Verwaltungshandeln definiert. Händeringend versucht er, alle Mitarbeiter zu halten.

Bei denen aber wächst die Frustration über die ständigen Veränderungen. "Es gibt sehr verhornte Strukturen", sagt Henniges, "viele Leute sagen, das haben wir immer so gemacht, das höre ich mir nicht an!" Das Lageso sei längst eine kollabierte Behörde.

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