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Übergriffe auf Frauen Auf der Flucht ist Sex eine gängige Währung

Nicht nur in den Flüchtlingsheimen, auch auf der Flucht sind sexuelle Übergriffe eine allgegenwärtige Gefahr für Frauen. Wehren können sich die Betroffenen kaum.

Die Worte gehen Amal nur schwer über die Lippen. Zu sehr schmerzt die Erinnerung an das, was in ihrer Flüchtlingsunterkunft passiert ist. Schließlich holt sie kurz Luft und bringt zwei Worte hervor: "Sexuelle Belästigung." Ein Flüchtling in ihrer Unterkunft habe sie angegriffen, fügt sie noch an, dann bricht ihre Stimme ab. Eine Träne rollt über das Gesicht der jungen Frau. Was genau passiert ist, möchte sie nicht schildern. Doch auch ohne Details ist klar: Ihre Erfahrung ist kein Einzelfall.

Amal ist 2010 aus Somalia nach Deutschland geflüchtet. Sie engagiert sich für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. (Foto: dpa)

Zwar wurden laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Januar 2016 rund zwei Drittel aller Erstanträge für Männer gestellt. Doch im Umkehrschluss bedeutet das auch 16.736 Frauen, die seit Jahresanfang nach Deutschland gekommen sind. 2015 waren es 150.120 Frauen. Nach UN-Angaben steigt die Zahl der Frauen und Kinder, die über das Mittelmeer nach Europa zu kommen versuchen, seit Monaten rasant auf mittlerweile 55 Prozent an.

Amal stammt aus Somalia. Seit 2010 lebt sie in Deutschland. Nach ihrer Ankunft verbrachte sie einige Monate in Flüchtlingsheimen in Eisenhüttenstadt und Prenzlau in Brandenburg. Mittlerweile hat sie einen Aufenthaltstitel und wohnt in Berlin. Sie berichtet, dass auch viele ihrer Bekannten bedroht und sexuell belästigt wurden. Von Wachpersonal, von Ehrenamtlichen, vom eigenen Ehemann.

2011 entschied Amal sich, etwas dagegen zu tun. Seitdem engagiert sie sich bei der Organisation Women in Exile, die seit 2002 auf die Belange von geflüchteten Frauen aufmerksam macht. Im Sommer des vergangenen Jahres besuchte sie mit der Organisation verschiedene Flüchtlingsheime in Brandenburg, um die dortigen Zustände zu dokumentieren. Im Abschlussbericht heißt es: "Es gibt keine Frau, die nicht eine Geschichte von aufdringlichen Blicken, widerlichen Kommentaren, unerwünschtem Anfassen oder gar versuchter oder tatsächlicher Vergewaltigung erzählen könnte."

Die meisten Fälle werden nicht angezeigt

Statistiken zur Gewalt an geflüchteten Frauen gibt es allerdings nicht. Immer wieder werden Fälle bekannt, doch die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung der Anwältin Inken Stern um ein Vielfaches höher liegen. Sie vertritt mehrere geflüchtete Frauen in deren Asylverfahren. "Viele Frauen wollen einfach nicht unbequem werden, nicht auffallen", berichtet Stern. "Deshalb werden viele Fälle nicht angezeigt."

Manchmal sind es sogar deutsche Gesetze, die Frauen daran hindern, ihre Gewalterfahrungen zu melden. "Oft liegt die Fluchtursache, etwa Folter, bei den Männern", so Stern. Wenn der Ehemann nun gewalttätig wird, würden Frauen oft fürchten, im Falle einer Trennung ihren Asylgrund zu verlieren und samt Kindern abgeschoben zu werden. "Das ist zwar stark einzelfallabhängig", stellt Stern klar. "Aber es kann passieren."

Eine weitere Schwierigkeit liegt laut Stern in der Residenzpflicht für Flüchtlinge. "Muss eine Frau in einem Notfall fliehen, liegt das nächste Frauenhaus oft in einem anderen Landkreis", berichtet Stern. Laut der Residenzpflicht dürfen Flüchtlinge ihren Landkreis während des Erstaufnahmeverfahrens aber nicht verlassen. Ein Verstoß stellt eine Ordnungswidrigkeit dar und kann ein Strafverfahren nach sich ziehen. Viele Frauen fürchten dadurch negative Auswirkungen auf ihr Asylverfahren und verzichten daher auf eine Anzeige. "Sollte diese Wohnortauflage auch für anerkannte Flüchtlinge gelten, würde dieses Problem sogar noch ausgeweitet werden", warnt Stern.

Sex als Zahlungsmittel für Reisedokumente

Auch Heike Rabe vom Institut für Menschenrechte fordert besseren Schutz für Frauen in Flüchtlingsheimen. Sie bestätigt, dass Gewalt gegen Frauen in fast jeder Flüchtlingsunterkunft ein Problem ist, Konzepte dagegen allerdings fehlen. "Behörden sind bislang nicht darauf ausgerichtet, dass bei akuten Meldungen schnell gehandelt werden muss", klagt die Juristin. Derzeit gebe es nur einzelne, unkoordinierte Maßnahmen mit Empfehlungscharakter. "Das Ziel muss sein, dass Länder und Kommunen gemeinsame, verbindliche Gewaltschutzkonzepte entwerfen", fordert Rabe.

Doch nicht nur in den Flüchtlingsheimen, auch auf der Flucht ist sexuelle Gewalt eine allgegenwärtige Gefahr für die Frauen. "Einige fahren durch Gewalt im Heimatland sogar schon traumatisiert los", berichtet Stern. Und auf dem Weg nach Europa wird es nicht besser. "Fast jede Frau, die zu mir kommt, hat Gewalterfahrungen auf der Flucht gemacht", sagt Stern. Mit der Not der Frauen werden nach Sterns Schilderung skrupellos Geschäfte gemacht. "Dort wird teilweise Sex als Zahlungsmittel für Schlepper verwendet", so die Anwältin.

Die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR bestätigt, dass Sex auf der Flucht eine gängige Währung ist, und berichtet von Fällen, in denen Frauen zum Sex gezwungen wurden, um Reisedokumente zu erhalten. Die Begrenzung des Familiennachzugs durch das Asylpaket II wird die Lage der Frauen auf der Flucht noch weiter verschlechtern, vermutet Stern. "Das bedeutet letztlich nur, dass sich noch mehr Frauen auf die gefährliche Flucht machen werden", so Stern.

Nur in wenigen Fällen geht alles gut aus

Gibt es überhaupt geflüchtete Frauen, die trotz dieser Gefahren noch positiv gestimmt in Deutschland ankommen? Wer das wissen will, muss sich nur mit Zahraa und Samah Elhasoon unterhalten. Die beiden Schwestern flohen im August mit Zahraas Tochter aus dem Irak und wohnen seit rund drei Monaten in einer Unterkunft im Süden Berlins. "Ich bin sehr glücklich, hier zu sein", sagt Samah in einem charmanten Mix aus Deutsch und Englisch. Drei junge Frauen allein auf dem Weg über den Balkan. "Wir haben jede Nacht auf der Straße verbracht", erzählt die 22-jährige Samah. Nirgendwo auf dem ganzen Weg habe man ihnen Respekt entgegengebracht.

Zahraa Elhasoon (l.) und ihre Schwester Samah sind vor sechs Monaten aus dem Irak geflüchtet. Sie fühlen sich in Deutschland sicher. (Foto: dpa)

Am fatalsten sei es in Mazedonien gewesen, fügt Zahraa hinzu und berichtet von der schlimmsten Nacht ihrer Flucht. "Als mazedonische Polizisten uns nicht durchlassen wollten, brach Chaos unter den Flüchtlingen aus", erzählt sie. "Dabei habe ich meine Schwester und meine Tochter verloren." Sie habe geweint, den Grenzbeamten zugerufen, ihre Tochter sei verschwunden. Doch die hätten sie nur weiter zurückgeschubst. Plötzlich war Zahraa allein inmitten eines Chaos, dessen die Beamten mit Härte Herr zu werden versuchten. Stundenlang suchte die 30-Jährige ihre beiden einzigen Vertrauten. "Doch zum Glück habe ich sie am nächsten Morgen wiedergefunden", sagt Zahraa erleichtert.

Trifft man die beiden Schwestern heute in ihrem Wohnheim, sieht man zwei junge Frauen, die ihr Glück, endlich in Deutschland zu sein, kaum fassen können. Die regelrecht euphorisiert wirken von der Aussicht, hier leben zu können. "Unsere Eltern und unser Bruder sind im Irak geblieben", erzählt Zahraa. Sie hätten dort ein geregeltes Leben. "Aber wir als Frauen hätten im Irak keine Zukunft gehabt", sagt sie. "In Deutschland können wir machen, was wir wollen, können ein- und ausgehen, wohin und wann wir wollen. Im Irak wäre das nicht möglich." Sie empfindet ihr Leben in Deutschland als "leicht wegen der Gleichberechtigung". Ihre Schwester bestätigt: "Ich genieße es, ohne Kommentare von Männern durch die Straßen gehen zu können."

Die Bedingungen in ihrer Unterkunft sind deutlich besser als der Durchschnitt. Insgesamt wohnen 265 Flüchtlinge in der Einrichtung in Tempelhof, die sich selbst einen "Schwerpunkt auf Familien und schutzbedürftige Frauen" attestiert. Die drei Frauen leben zu dritt in einem Zimmer. Probleme mit Männern habe es nie gegeben. Zahraas Tochter geht in eine normale Schule, die beiden Schwestern wollen beide so bald wie möglich arbeiten. Im Nachhinein beschreibt Samah ihre 28-tägige Flucht sogar als "sehr gute Erfahrung". Sie blickt ihre Schwester an und sagt: "Davor hatte ich sehr viel Angst, aber jetzt sind wir mutige Frauen."

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