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Baden-Württemberg Reich, engagiert - und so rechts wie kein anderes Bundesland

Rechtslastige Politik wird gerne dem armen Osten zugeschrieben. Dabei feierten einst Republikaner wie NPD ihre Rekordergebnisse im reichen Baden-Württemberg. Daran will die AfD anknüpfen.

Der Mann ist praktischer Arzt in einer netten baden-württembergischen Kleinstadt, und seit Jahrzehnten in der CDU aktiv ist er obendrein. Seine Patienten wissen das, und so liefert jede Sprechstunde derzeit tiefe Einblicke nicht nur in die körperliche Verfassung des Wahlvolks, sondern auch in dessen Seele. Während der Doktor den Blutdruck misst oder Reflexe abklopft, machen viele Kranke ihrem Ärger oder ihren Ängsten Luft.

"Da sind Urinstinkte am Werk", sagt der Mediziner, der seinen Namen nicht in den Medien lesen möchte, über mögliche Gründe für das Erstarken der AfD. In seinem Ort beispielsweise seien 160 Flüchtlinge untergebracht, mit denen es keine Probleme gebe. Aber weil viele Asylbewerber den ganzen Tag spazieren gingen, um sich die Zeit zu vertreiben, "kommt es den Einwohnern vor, als wären es 1000, nicht 160", sagt er. "Die Leute haben das Gefühl: In ihr Revier ist ein fremdes Rudel eingedrungen. Das wollen sie plattmachen und vertreiben. Damit wieder alles so ist wie vorher."

Viele Bürger sehen Wahlen derzeit offenbar als Chance, der etablierten Politik einen Denkzettel zu verpassen und die Wiederherstellung eines früheren Status quo einzufordern. Zwischen neun und 13 Prozent verorten die Demoskopen derzeit die AfD in Baden-Württemberg. Darauf, dass am Ende wohl ein niedriges zweistelliges Ergebnis hinter den "Blauen" steht, haben sich die meisten Landespolitiker eingestellt. Sie hoffen inständig, dass es wenigstens nicht viel mehr als zehn Prozent werden.

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Doch im Südwesten war schon vor dem Auftauchen der AfD die Bereitschaft, einer Partei des rechten Spektrums die Stimme zu geben, mit 16 Prozent doppelt so hoch wie in anderen Bundesländern. Diese beunruhigende Botschaft hatte der Esslinger Sozialwissenschaftler Kurt Möller im Gepäck, als er Ende vergangenen Jahres vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags eine Studie über Rechtsextremismus im Südwesten vorstellte.

Zwar waren seit 2001, als die Republikaner nach zwei Wahlperioden aus dem Landtag flogen, rechte Parteien an den Urnen weitgehend leer ausgegangen. Doch Untersuchungen zufolge, so Möller, könne sich ein Fünftel der CDU- und sogar ein Viertel der SPD-Anhänger sehr wohl vorstellen, auch mal rechts zu wählen.

In Pforzheim liegt eine AfD-Hochburg

Nun ist eine rechte Gesinnung noch lange nicht automatisch extrem oder gar extremistisch. Und zumindest nach offiziellen Zahlen ist rechtsextrem motivierte Gewalt in Baden-Württemberg nicht auffällig ausgeprägt. Aber einen Rechtsdrall gibt es ohne Zweifel nicht erst seit dem Erstarken der AfD. In keinem anderen Parlament der Republik waren in der Vergangenheit rechtsextreme oder zumindest rechtspopulistische Parteien so stark wie im Musterländle.

Die Republikaner zogen 1992 und 1996 in den Landtag ein, beim ersten Mal gleich mit über zehn Prozent. Und selbst die NPD war in den Sechzigerjahren einmal auf 9,8 Prozent gekommen. Ein besseres Landtagsergebnis ist der Partei seither nie mehr irgendwo gelungen. Bei den Kommunalwahlen 2014 holte die AfD aus dem Stand 28 Sitze in Gemeinderäten und 18 in Kreistagen. Bei der letzten Europawahl kam die rechte Partei in Pforzheim mit 14,5 Prozent sogar auf ihr bestes Ergebnis bundesweit.

Doch wie passt das zusammen? Baden-Württemberg ist doch weder arm noch abgehängt von der wirtschaftlichen Entwicklung. Der Export brummt, nirgends in Deutschland sind weniger Menschen ohne Lohn und Brot. Außerdem gilt das Ländle auch in Sachen Ehrenamt als vorbildlich; Abertausende von Ehrenamtlichen unterstützen Flüchtlinge, Senioren oder alleinerziehende Mütter, arbeiten in Tierheimen, engagieren sich in der Nachbarschaftshilfe oder in wohltätigen Vereinen. Warum wählt ein derart gut bestelltes, freundliches Land trotzdem rechts?

Ausländer ja - aber bitte keine Asylbewerber

Die Studie von Möller liefert dazu ein paar interessante, aber auch skurrile Erkenntnisse. Demnach sind im Südwesten, dessen Weltmarktführerstatus und Häuslebauer-Wohlstand ohne Migranten gar nicht denkbar wäre, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Islamphobie geringer ausgeprägt als im Bundesdurchschnitt. Die Schwaben und Badener sind mit anderen Worten daran gewöhnt, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu leben. Doch zugleich liegt die "Abwertung von Asylbewerbung", wie der Wissenschaftler Möller die Kategorie benennt, klar höher als in anderen Ländern. Auch Sinti und Roma sind in Baden-Württemberg schlechter gelitten.

Der Freiburger Politologe Ulrich Eith bestätigt aus Wissenschaftlersicht das, was der in der CDU aktive Arzt in seiner Praxis zu hören bekommt: "Verlustängste spielen eine große Rolle", sagt er. Die Schaffe-schaffe-Häusle-baue-Tradition im Land und der in manchen Regionen fest verankerte Pietismus erzeugten eine fast instinktive Abwehrhaltung gegen all jene, die sich ihr Auskommen nicht selbst erarbeiten und vermeintlich in die soziale Hängematte legen wollten.

Es sind also mitnichten nur sogenannte Modernisierungsverlierer im Osten, die für Pegida-Parolen und ausländerfeindliche Sprüche anfällig sind, sondern auch Modernisierungsgewinner im Südwesten. Möller erkennt hier einen "marktförmigen Extremismus", der einer strikten Wettbewerbsideologie unterworfen sei. So entstehe dann auch schnell der Vorwurf an Asylsuchende, in Wahrheit nur Wirtschaftsflüchtlinge zu sein. Das leiste einem Kosten-Nutzen-Denken Vorschub, "das alle die ausgrenzt, die wir nicht brauchen können".

Oder anders ausgedrückt: Wer viel hat, hat auch viel Angst, das zu verlieren. "Ich bin aus Baden-Württemberg", schrieb ein Leser unter einen Beitrag der Wochenzeitung "Kontext" über die Rechtsextremismus-Studie von Möller. "Ich habe zwei Hochschulabschlüsse, einen Job mit deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegendem Gehalt, ein Haus, ein Ferienhaus und drei Autos. Ich wähle AfD." Dahinter setzte er ein Smiley.

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