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Die Räumung naht Unwissenheit und Verzweiflung in Idomeni

Die Balkanroute ist dicht, 13.000 Flüchtlinge stecken an der griechischen Grenze fest. Einige gehen zurück nach Athen, andere wollen ausharren. Aber die Regierung hat andere Pläne.

Es regnet immer noch. Seit zwei Tagen verwandelt der Dauerregen das chaotische Flüchtlingslager im griechischen Idomeni in eine Schlammwüste. Mehr als 13.000 Flüchtlinge versuchen, an diesem Ort etwas von ihrer Würde und ein wenig Hoffnung zu wahren. Letzteres ist seit Mittwoch noch schwerer geworden: Serbien und Slowenien erklärten, dass man nur noch mit einem gültigen Visum einreisen dürfe. Dazu gehört niemand, der sich in Idomeni an ein paar rissige A4-Formulare diverser Flüchtlingsbehörden klammert.

Schon wieder Regen: Ein Flüchtling in einem der Aufnahmelager an der griechischen Grenze zu Mazedonien hofft auf besseres Wetter. (Foto: REUTERS)

Ein syrischer Kurde namens Dschalal zählt die Stationen seiner Odyssee auf: Erst reiste er in den Irak. Dann in die Türkei, von Ort zu Ort in Etappen bis zur Küste. Dann ging es weiter nach Lesbos. Und überall kam ein neuer Fetzen Papier von irgendeiner Behörde hinzu. Die Griechen trugen sein Geburtsdatum als "01.01.1995" ein. Erster Januar, das steht auch auf allen anderen Formularen, die andere Kurden in der Gruppe verärgert vorzeigen. Die griechischen Beamten haben es sich offenbar leicht gemacht.

In Athen plant man nach Regierungsangaben, das Lager "behutsam" zu räumen, vielleicht schon ab dem Wochenende. In Windeseile baut das Land Notunterkünfte, dorthin sollen die verlorenen Seelen von Idomeni.

Die Polizisten vor Ort wissen offenbar noch nichts davon. "Auf keinen Fall", sagen sie, wenn man sie fragt, ob das Lager geräumt wird. Auch die Flüchtlinge können es sich nicht vorstellen. "Ich glaube das nicht", sagt Yusif Olso, ein jesidischer Kurde aus Syrien. Er hat wie fast alle hier davon gehört, dass Serbien und Slowenien niemanden mehr durchlassen, aber er will auf jeden Fall im Lager bleiben.

Irgendwann, so hofft er, gibt es doch ein Weiterkommen. Nach Deutschland. Dort hat er, wie so viele Flüchtlinge, Familie. Es sind diese Freunde und Bekannten, die der eigentliche Magnet sind, der immer mehr Menschen nach Deutschland zieht. Je mehr schon dort sind, desto mehr wollen ihnen folgen. In Yusifs Fall sind einige seiner Kinder sowie zwei Brüder und eine Schwester schon in Deutschland. Mit 14 anderen Kurden wartet er seit dem 20. Februar in Idomeni auf ein Wunder.

Etwa zehn Kilometer entfernt gibt es ein neues Ausweichlager der griechischen Behörden, in Nea Kavala. Niemand will dorthin. "Ich war dort", sagt Mohammed Yasin, ein arabischer Syrier aus der Gegend um Aleppo. Er kehrte dann aber lieber zurück nach Idomeni. Es ist näher an der Grenze, hier ist das Tor zur anderen Seite, hier kann man irgendwie auf Wunder hoffen. In Nea Kavala nicht.

Mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern ist er hier. Ein Zelt bekamen sie, am Tag ihrer Ankunft, nach zehnstündigem Warten. "Da war es Mitternacht", erinnert Yasin sich. "Mit zwei kleinen Kindern, ohne Zelt – Problem." Das war vor zwölf Tagen. Seitdem: Warten.

Anfang März wurde nahe Idomeni ein neues Zeltlager für die Flüchtlinge eingerichtet. (Foto: dpa)

Daheim arbeitete Yasin als Lehrer. Und er fragt sich, ob er nicht etwas falsch gemacht hat. "Ich bin ein Verbrecher", wirft er sich im Rückblick vor. Die Bilder gehen ihm nicht aus dem Kopf, wie er sein vier jähriges Kind auf das Schlauchboot an der türkischen Küste lockte. Es wollte nicht. "Papi, ich will da nicht rauf." Etwa 550 Euro hatte Yasin gezahlt, noch einmal so viel für seine Frau. Kinder unter fünf Jahren fuhren gratis mit, Kinder zwischen fünf und 14 Jahren zum halben Preis. So organisiert sind die Schlepper, es gibt Kinderermäßigung, als ob es ein regulärer Fährbetrieb wäre.

Und die Überfahrt ging glatt. Aber was, so überlegt Yasin, wenn seine Kinder ertrunken wären? "Ich bin Vater. Es war falsch. Väter dürfen so etwas nicht tun." Und nun sitzen sie hier fest. Er hat Angst, dass man ihn am Ende zurückschickt in die Türkei.

Das Geld für die Flucht ist nur geliehen

1800 Euro hat er bei Freunden geborgt für die Flucht nach Deutschland. Warum Deutschland? "Ich muss den Leuten das Geld zurückzahlen. Das kann ich nur in Deutschland verdienen. In der Türkei oder Syrien würde es zehn Jahre dauern." Auch Yasin hat Verwandte im gelobten Land: "Einige Brüder meiner Frau."

Er bleibt in Idomeni. Er weiß, es gibt Schmuggler, aber er hat kein Geld mehr. Und auf eigene Faust um den Zaun herum oder durch den Zaun hindurch? "Ich glaube, es ist der falsche Weg. Sie erwischen uns doch. Es würde scheitern", sagt Yasin. Es sei dieses Gefühl, seine Familie in eine Sackgasse geführt zu haben, das ihm jetzt Gewissensbisse bereitet. "Bin ich ein Verbrecher?", fragt er sich immer wieder und meint es ernst. Ein Verbrecher sei er, wenn er seiner Verantwortung als Familienvater nicht gerecht geworden ist.

Überall ist Matsch: An der Grenze zu Mazedonien leben Flüchtlinge unter unmenschlichen Umständen. (Foto: dpa)

Wo liegt die Pflicht, was muss man tun, diese Frage stellen sich viele, die hier im Niemandsland nach Wegen in eine Zukunft suchen. Es ist die quälende Frage, die sie schon zu Beginn der Reise stellten. Bleiben? Fliehen?

Ahmed, der auch im Lager festsitzt, arbeitete in Syriens Ölfeldern. Im letzten Jahr wagte seine Frau den langen Trek nach Europa. Jetzt, so sagt er, ist sie in Dänemark, mit den beiden Kindern will er zu ihr. Ein leiser, höflicher, nachdenklicher Mann. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass es hier in Idomeni nicht weitergehen wird. Jetzt verhandelt er mit einigen Griechen vor zwei Reisebussen, die im Lager stehen. Sie sind schon voll besetzt.

"Nach Athen", sagt Chris, einer der Organisatoren, auf die Frage, wohin die Busse fahren. Zu einem "Hotspot", einer Registrierungsstelle für Flüchtlinge. "Es ist die beste Lösung", hofft Ahmed. Er will sich beim Hotspot für das europäische Umsiedlungsprogramm registrieren lassen. Er weiß, dass dieses Programm bislang kaum funktioniert. "Aber es ist die beste Chance, die bleibt", meint er.

Es ist eine neue Sache, diese Busse zurück nach Athen, sagt Chris. 100 bis 150 Flüchtlinge täglich, so meint er, würden diese Option derzeit wählen. Und nach einigem Palaver klopft er Ahmed auf die Schulter: "Also morgen, der nächste Bus, da bekommt ihr einen Platz." "Danke", sagt Ahmed, die Augen zu Boden gerichtet. "Danke."

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