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Flüchtlings-Ausschreitungen vor Gericht Ein Polizist rief "Rennt, sie kommen"

Im August 2015 gingen im thüringischen Suhl Flüchtlinge auf einen Koran-Schänder los. Selbst die Polizei wurde angegriffen. Vor Gericht offenbart sich, wie gefährlich die Situation wirklich war.

"Sie war aggressiv, wütend, hasserfüllt. So habe ich die Stimmung wahrgenommen. Die Hemmschwelle war gesunken", sagt die junge Polizistin. Sie gehörte zu den ersten Beamten, die am späten Abend des 19. August 2015 in die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Suhl gerufen wurde. Da war die Gewalt in dem großen und damals überbelegten Flüchtlingsheim bereits eskaliert. "Der Funkspruch, den wir erhielten, war sehr eindringlich", berichtet die 24-Jährige bei ihrer Zeugenvernehmung vor dem Landgericht Meiningen.

Es geht bei dem am Donnerstag begonnenen Prozess um versuchten Totschlag, um Körperverletzung und schweren Landfriedensbruch. Anlass für die Ausschreitungen war, dass ein Flüchtling Blätter aus dem Koran gerissen und in einer Toilette verteilt haben soll. Eine aufgebrachte Menge versuchte an den Mann heranzukommen, der sich ins Büro des Wachdienstes flüchtete. Die Belagerer wurden immer aggressiver, der Wachdienst rief die Polizei.

Ein Mühsamer Prozess

Auf der Anklagebank sitzen nun fünf Männer: Ein 24-Jährigen Iraker wird von der Staatsanwaltschaft des versuchten Totschlags beschuldigt. Er soll mit erhobener Eisenstange schreiend auf die Polizistin zugerannt sein. Später wurde sie durch ein Wurfgeschoss am Bein verletzt. "Das muss ein Missverständnis sein", sagt der Angeklagte zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft.

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Vier weitere Männer - Afghanen zwischen 18 und 27 Jahren - sind wegen schweren Landfriedensbruchs angeklagt. Sie kommen direkt aus der Untersuchungshaft zum Prozess, dem sie mit Hilfe von Dolmetschern und Übersetzungspausen folgen. Auch die Kommunikation mit den Verteidigern wirkt mühsam. Richterin Manuela Pallasch lässt den Angeklagten die Handschellen abnehmen. Die Fußfesseln müssen sie während der Verhandlung im Gerichtssaal tragen.

Schilderungen der jungen Polizistin und eines ihrer Kollegen machen deutlich, wie explosiv die Stimmung unter den Flüchtlingen nach dem Koran-Vorfall war. Thüringens Migrationsminister Dieter Lauinger (Grüne) sagte damals, eine rote Linie sei überschritten worden. Nun hat die juristische Aufarbeitung begonnen, weitere Prozesse folgen.

Verfolgt von 100 Menschen

Die Polizistin berichtet, dass sie zunächst in dem Gebäude war, in dem der Koran-Zerreißer Zuflucht suchte und vor den anderen geschützt werden musste. Durch ein Loch in der Tür seien Gegenstände geworfen worden, Scheiben zerbarsten. Einige hätten Eisenstangen von Bettgestellen getragen, andere Holzlatten. "Es war Lärm, es war Gebrüll." Dann musste ihre Gruppe den Bereich verlassen. Ein Kollege habe gerufen: "Rennt, sie kommen."

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In der Dunkelheit hätten dann etwa 100 Menschen die junge Polizistin und einige ihrer Kollegen verfolgt. Obwohl die Aufschrift "Polizei" deutlich sichtbar auf ihrem Rücken gestanden habe, seien Steine geworfen worden und Glasgefäße haarscharf an ihnen vorbei geflogen. Sie hätten kurz überlegt, die Dienstwaffe zu ziehen, sagt die Polizistin. Doch es war dunkel und viele Menschen waren auf den Grünflächen vor den Gebäuden.

Richterin Pallasch lobt die Beamten, dass sie in dieser schwierigen Situation die Nerven behalten hätten. "Das darf man an so einer Stelle auch mal sagen." Einigen der Angeklagten ist das, was sie angerichtet haben, inzwischen sichtlich unangenehm. Nach einer pauschalen Entschuldigung bitten vier von ihnen schließlich auch die junge Beamtin um Verzeihung - nicht für den Angriff, den sie bestreiten, sondern für das, was in Suhl an Aufruhr passierte und ein schlechtes Licht auf alle Flüchtlinge geworfen habe.

Einer von ihnen wirbt um Verständnis. Er kenne das deutsche Rechtssystem nicht. In Afghanistan drohe Menschen, die den Koran schändeten, Gefängnis. Dort säße er nicht auf der Anklage-, sondern der Zeugenbank, sagt er.

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