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Historischer Wahlsieger der Grünen In Wahrheit ist Kretschmanns Lage prekär

Winfried Kretschmann ist Historisches gelungen. Bei der Wahl wurden die Grünen stärkste Kraft in Baden-Württemberg. Doch seine Lage ist prekär. Die CDU will den Ministerpräsidenten demütigen.

22 Uhr, Wahlparty der Grünen in der Stuttgarter Staatsgalerie, gleich soll er noch mal auftreten und ein paar warme Worte an die Seinen richten, der Ministerpräsident, der den Sieg ja irgendwie fast im Alleingang geholt hat. Alle freuen sich auf ihn. Im großen Saal, wo Winfried "Kretsch" Kretschmann in Kürze auftauchen wird, scharen sich die verbliebenen Festgäste erwartungsvoll vor der Bühne. Und doch: Die Stimmung, sie ist erstaunlich verhalten.

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Jene, die überhaupt noch ausharren vier Stunden nach der Bekanntgabe der ersten, überwältigenden Trendzahlen, sind zwar durchaus gut gelaunt, sie wirken aufgekratzt und ganz zufrieden. Aber es ist mitnichten ein rauschendes Fest, das da in der Nachbarschaft des Stuttgarter Landtags tobt, keine dionysische Orgie der Freude, wie man sie eigentlich erwartet hätte von einer Partei, die nach Jahrzehnten im Birkenstock-Strickpulli-Biotop erst einen Regierungschef stellen durfte und nun auch noch mächtigste Partei wurde. Und das, wohlgemerkt, in einem Industrieland. Einem der konservativsten Länder Deutschlands.

Kretschmann wird wie ein Held bejubelt

Mag sein, dass der dennoch sehr verhaltene Frohsinn auch der Tatsache geschuldet ist, dass der Schampus nicht gerade in Strömen fließt. Wer sich ein Gläsle Sekt zu Gemüte führen will, um auf den Höhenflug von Kretschmanns Truppe anzustoßen, muss fünf Euro berappen, für Käsespätzle acht, ein Weißwein kommt auf sieben. Grün sein muss man sich leisten können. Die satten Wahlkampfspenden, die die Partei unter anderem vom Arbeitgeberverband Südwestmetall bekommen hat, in Freigetränke flossen sie auf jeden Fall nicht. Auch ist die Staatsgalerie nicht gerade der gemütlichste Ort zum Abfeiern, viel offener Raum, viel Neonlicht, viel Glas, wenig Plausch- und Kuschelecken.

Aber der wahre Grund für das schier greifbare Unwohlsein zu später Stunde ist natürlich ein anderer. Nach der ersten Euphorie ist mittlerweile den meisten ins Bewusstsein gedrungen, dass der, der da gleich im schwarzen Anzug und wie immer mit grüner Krawatte auf die Bühne klettern wird, zwar wie ein Held bejubelt werden wird. Am Ende könnte er aber doch noch zum tragischen Verlierer werden. Wenn es nämlich der CDU gelingt, eine "Deutschland-Koalition" aus CDU, SPD und FDP auf die Füße zu stellen. Und genau das haben die Christdemokraten vor.

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Trotz ihres eigenen historischen Debakels und dem der SPD haben gleich mehrere CDU-Frontleute entsprechende Absichten kundgetan, kaum, dass die Wahllokale geschlossen waren. Aufmerksam verfolgten die grünen Partygäste auf einem der vielen TV-Bildschirme, was beispielsweise Kretschmann-Vor-Vorgänger Günther Oettinger seiner Partei riet.

In der CDU wird an der "Deutschland-Koalition" gebastelt

Der CDU-Politiker, mittlerweile in Brüssel EU-Kommissar, empfahl den Konservativen, ausführlich zu sondieren und Machtoptionen herauszuarbeiten, um den Ministerpräsidenten stellen zu können. Gefragt, ob das denn nicht dem Wählerwillen widerspreche, wenn sich in einem Dreierbündnis zwei Wahlverlierer befänden, erinnerte Oettinger ungerührt an 2011: Damals seien die Grünen auch bei Weitem nicht stärkste Partei gewesen und hätten dann doch den Regierungschef gestellt.

Das wäre dann aber das Aus für Winfried Kretschmann, dann müsste er von der politischen Bühne abtreten, obwohl seine überbordende Popularität der Partei gerade 46 von 70 Direktmandaten im Land beschert hat.

Doch so weit ist es noch nicht. 22.15 Uhr, Winfried Kretschmann läuft samt Entourage auf, "endlich von den fürchterlichen Interviews erlöst", und jetzt kommt doch so etwas wie Hochgefühl auf. Es wird gejubelt und gelacht und gepfiffen und geklatscht, zum Beispiel, wenn sich der honorige Ministerpräsident über die "Orgie an Direktmandanten" freut oder sagt: "Das ist ein grandioser Tag. Das läuft einem runter wie heiliges Öl." Kretschmann dankt allen Wahlkämpfern, lobt die Kampagne, weil er auf den Plakaten "erheblich besser aussieht als in Wirklichkeit". Das ist dann auch der einzige Moment seiner Rede, wo ein paar Leute leise buhen. "Stimmt doch gar nicht, Kretsch", ruft jemand.

Auch grüne Wähler drifteten zur AfD ab

Der Ministerpräsident denkt zurück an frühere Zeiten, als die Grünen ihre Wahlkampf-Flyer noch wie Sauerbier anpreisen mussten und die politische Landkarte mit ihren 70 Wahlkreisen immer tief schwarz war, ein großer, uneinnehmbarer Block. Nur ganz oben im Norden gab es mal ein Fleckchen Rot. Das war der Wahlkreis Mannheim Nord, den die SPD direkt gewann. Nun gibt es überall in Baden-Württemberg dicke, grüne Batzen, mehr sogar als schwarze. Aber genau dieser einst rote Wahlkreis ist nun blau: Die AfD ist im Arbeiterbezirk von Mannheim stärkste Partei und genauso in der geschundenen Industriestadt Pforzheim. Als Kretschmann diese Tatsache erwähnt, kühlt sich die Stimmung im Saal dann endgültig wieder spürbar herunter.

68.000 Stimmen haben die Grünen in Baden-Württemberg an die AfD verloren, sagt der Ministerpräsident, und dass ihn das "völlig überrascht" habe: "Ich dachte, das grüne Lager ist absolut resistent." Das zeigt, dass er seine Anhänger längst nicht so gut kennt, wie er glaubte, und dass die Grünen durchaus gut daran tun, nach den Gründen für dieses Abdriften zu suchen.

Doch vorerst haben sie tatsächlich erst mal andere Probleme, namentlich die SPD. Die mag zwar zusammengeschrumpft sein, hält aber dennoch Kretschmanns Schicksal in der Hand. Wenn die Sozialdemokraten Ja sagen zum Deutschland-Dreier, würden sie zum Königsmörder für ihren langjährigen Regierungspartner.

Seelenmassage für die Sozialdemokraten

SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid hat der Deutschland-Ampel am Abend auf jeden Fall keine klare Absage erteilt. Mit versteinerter Miene kündigte er an, dass seine Partei "mit kühlem Kopf" überlege, ob das eine Option sei. Seine Partei ist schon lange gespalten in Anhänger des grün-roten Bündnisses und jene einer großen Koalition, notfalls auch mit der FDP.

Kein Wunder also, dass Winfried Kretschmann in der Staatsgalerie auch noch erwähnt, die Sozialdemokraten hätten ihr schlechtes Ergebnis "überhaupt nicht verdient". Ob's hilft, die SPD ruhigzustellen? Gut möglich, dass es dort heißt: Noch viel schlimmer kann es eh nicht werden.

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All das wird Kretschmann vermutlich durch den Kopf gehen, während er da oben auf der Bühne steht und Sätze sagt wie: "Wir freuen uns natürlich wirklich richtig, aber das darf uns auch nicht übermütig machen." Oder dass es nun darum gehe, dem "grandiosen Land und seinen Menschen weiter zu dienen". Auf jeden Fall muss er nun "nach Bündnissen suchen, die wir gar nicht wollten". Eines, das angeblich viele Baden-Württemberger wollen, wäre Grün-Schwarz, in den sozialen Netzwerken schon die Kiwi-Koalition genannt. Doch die CDU, so scheint es, wird sich nicht zum Juniorpartner machen lassen, bevor nicht die SPD klipp und klar der Deutschland-Option eine Absage erteilt hat.

Küsschen für Ehefrau Gerlinde

Gut sieht das also alles nicht aus. Kein Wunder, dass Kretschmann zwar immer wieder lächelt und strahlt, in unbeobachteten Momenten dann aber doch eher besorgt wirkt. Es ist dann auch nur ein kurzer Auftritt in der Staatsgalerie. Die Glückwunsch-Sause inklusive Begrüßung durch die Fraktionschefin, Rede des Siegers, Dank an die Gattin, Blumenverteilung und "Kretsche, Kretsche"-Rufen dauert keine halbe Stunde. Danach ein verschämt-zärtliches Küsschen von Ehefrau Gerlinde am Bühnenrand, ein paar Selfies für junge Wahlhelfer, dann endlich kann Kretschmann anstoßen mit einem Fläschle Wulle-Bier.

Früher, als alle noch Birkenstock trugen und Strickpullis, haben sie wohl wilder gefeiert. Aber da musste man sich auch keine Sorgen machen, ob man jemanden findet, der unter einem mitregieren will.

 

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