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Verhaltenexperte klärt auf Warum die AfD so viele Nichtwähler motivierte

An den drei Landtagswahlen am Sonntag beteiligten sich deutlich mehr Bürger als noch vor fünf Jahren. Vor allem die AfD hat dafür gesorgt. Ein Verhaltensexperte erklärt, warum das so ist.

Merkels Flüchtlingspolitik und die AfD mögen wenig gemein haben, eines haben sie am Sonntag allerdings doch gemeinsam geschafft: mehr Wähler an die Urnen zu bringen.

Die Wahlbeteiligung war in allen drei Bundesländern, in denen neue Länderparlamente gekürt wurden, deutlich höher als beim vorangegangenen Wahlgang im Jahr 2011. In Baden-Württemberg etwa stieg die Wahlbeteiligung um vier Prozentpunkte und in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sogar um beeindruckende zehn Prozentpunkte.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Von der Bekehrung der Nichtwähler hat vor allem die AfD profitiert, ergibt eine Rechnung von Infratest Dimap für die ARD. Demnach hat die Protestpartei es geschafft, Hunderttausende von Nichtwählern in diesem Jahr an die Urnen zu treiben.

Abwägung von Kosten und Nutzen

In Rheinland-Pfalz beispielsweise haben 80.000 Bürger, die vor fünf Jahren gar nicht gewählt haben, die Wahllokale besucht, um ihr Kreuzchen bei der AfD zu machen. In Sachsen-Anhalt waren es 80.000 ehemalige Nichtwähler und in Baden Württemberg sogar rund 209.000.

Wie hat es die AfD geschafft, so viele Nichtwähler zum Wahlgang zu animieren? Das dürften sich nicht nur die Strategen der etablierten Parteien fragen. Auch Matthias Sutter, einer der profiliertesten Verhaltensökonomen hierzulande, versucht, sich einen Reim auf die Entwicklung vom Sonntag zu machen.

"Vor fünf Jahren war es weitgehend egal, welcher der zur Wahl stehenden Parteien die Wähler ihre Stimmen gegeben haben; so oder so wäre es mit sehr großer Wahrscheinlichkeit weiter gegangen wie bisher", sagt der Ökonom.

Für den Bürger sei auch die Entscheidung ob er zur Wahl gehe eine Abwägung von Kosten und Nutzen. "Die Menschen machen diese Rechnung für sich auf und wenn es keine großen politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen gibt, gehen viele darum nicht wählen."

Motivation auch für AfD-Gegner

Mit der AfD habe es allerdings am Sonntag eine Wahl-Alternative gegeben, die es in dieser Form vor fünf Jahren noch nicht gegeben habe, sagt Sutter. "Die Wähler haben gesehen, dass die Wahlen dezidiert unterschiedliche Politikstile hervorbringen konnten und dass es jetzt wirklich entscheidend war, welches Lager sie bei der Wahl stärken.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Der Einfluss der Wähler sei am Sonntag also höher gewesen als vor fünf Jahren. "Aus Sicht des Wählers war der Nutzen, den er durch seinen Wahlgang stiften konnte, weit höher als vor fünf Jahren, weil sich nicht mehr ein Einheitsbrei zur Wahl gestellt hat, sondern ein viel breiteres Spektrum als vor einigen Jahren", sagt Sutter.

Das habe nicht nur AfD-Anhänger motiviert, sondern auch ehemalige Nichtwähler, die eine stärkere AfD verhindern oder die Flüchtlingspolitik von Merkel stützen wollten.

Merkels Politikstil hat der AfD geholfen

Tatsächlich konnte nicht nur die AfD bisherige Nichtwähler mobilisieren: In Rheinland-Pfalz beispielsweise stimmten zwar 80.000 von ihnen für die AfD, aber auch die CDU konnte immerhin 58.000 ehemalige Nichtwähler an die Urnen bringen und die SPD ebenfalls 54.000. Und in Baden-Württemberg stimmten 129.000 Bürger für die Grünen, die zuvor nicht gewählt hatten.

Merkels Politikstil habe ebenfalls dazu beigetragen, die Menschen an die Urnen zu treiben, sagt der aus dem österreichischen Vorarlberg stammende Sutter: "Die AfD hat sich sehr explizit gegen eine Politik positioniert, die in Deutschland meiner Wahrnehmung nach nicht diskutiert werden darf."

Merkel habe im September über die Richtung in der Flüchtlingskrise entschieden und habe keine Diskussion über diese Entscheidung zugelassen. "So etwas kommt bei keinem Wahlvolk gut an", sagt Sutter. Von dieser Unzufriedenheit habe allerdings nur die AfD profitiert und nicht die anderen Parteien, die sich zur Wahl gestellt haben.

Der Wähler – ein großes Rätsel

Ökonomen rätseln immer wieder, warum Menschen überhaupt an großen Wahlen teilnehmen. Schließlich ist sehr unwahrscheinlich, dass selbst das denkbar knappste Rennen bei einer Bundestagswahl durch eine einzige abgegebene Stimme entschieden wird.

Die Wahrscheinlichkeit, auf dem Weg zum Wahllokal von einem Blitz getroffen zu werden, ist höher, als die Bundestagswahl und die Politik der kommenden vier Jahre durch die eigene Stimme zu entscheiden. Diese mickrige Wahrscheinlichkeit bedeutet in der einfachen Kosten-Nutzen-Analyse der Ökonomen, dass es sich für den einzelnen Wähler gar nicht lohnt, sich auf den Weg zum Wahllokal zu machen oder die Briefwahlunterlagen anzufordern.

Selbst auf dem Wahlbogen einen Kandidaten auszuwählen übersteigt aus dieser Perspektive den möglichen Nutzen. "Bleib zu Hause und profitiere davon, dass andere wählen", das würden Ökonomen dem einzelnen Wähler zurufen.

Der Brunch besiegelt nicht das Ende der Demokratie

Dass trotzdem Millionen von Menschen wählen gehen, dafür haben Ökonomen in der Vergangenheit mehr oder weniger einleuchtende Erklärungen gefunden. Einige Wissenschaftler sind überzeugt davon, dass Bürger sich auf den Weg ins Wahllokal machen, um die Demokratie an sich zu schützen.

Demnach ist ihnen die Demokratie so viel wert, dass sie die Kosten des Wahlgangs auf sich nehmen, um ein klares Signal dafür zu setzen, dass sie diese Form der Meinungsbildung unterstützen. Allerdings müssen selbst Vertreter dieser Erklärung zugeben, dass ein Einzelner, der am Sonntag lieber brunchen geht, anstatt sein Kreuzchen zu machen, wohl kaum das Ende der Demokratie hierzulande besiegelt.

Verhaltensökonomen ihrerseits verweisen gerne darauf, dass Wähler sich gut fühlen, nachdem sie ihrer Bürgerpflicht nachgekommen sind und den ausgefüllten Wahlzettel in die Urne gesteckt haben.

Abstinenz ist nicht gleich Demokratieverdrossenheit

Andere Forscher gehen davon aus, dass die allermeisten Wähler einfach absolute Nieten in Sachen Wahrscheinlichkeitsrechnung sind und ihren Einfluss auf das Wahlergebnis gnadenlos überschätzen.

Verhaltensökonom Sutter glaubt auf jeden Fall nicht daran, dass der vergangene Sonntag automatisch eine nachhaltige Phase hoher Wahlbeteiligungen eingeleitet hat. Entscheidend sei, wie sich die politische Debatte hierzulande entwickele. "Wenn die politische Situation so polarisiert bleibt wie im Moment, wird auch bei den nächsten Wahlen die Beteiligung hoch sein", prognostiziert der Ökonom.

Wenn die Flüchtlingskrise sich aber entspanne, dann würden wohl auch wieder weniger Bürger wählen gehen. "Das ist ein ganz normales Verhalten", sagt Sutter. "Die Menschen reagieren auf Anreize, und wenn sie keinen Anreiz haben, zu wählen, dann gehen sie eben nicht hin. Das ist aber auf gar keinen Fall ein Indikator dafür, dass das Demokratiebewusstsein stark zurückgegangen ist."

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