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Islamischer Staat ist fast geschlagen Die Terrormiliz schwört sich auf die letzte Schlacht ein

Der Islamische Staat gerät immer mehr in die Defensive. Die Terrormiliz ist fast geschlagen. Die wichtigsten Städte sind vom Nachschub abgeschnitten. Putin hat dafür jedoch am wenigsten getan.

In einem Punkt hat der russische Präsident Wladimir Putin nicht ganz unrecht: Die Terrormiliz Islamischer Staat, deren Bekämpfung der offizielle Anlass für Russlands Intervention in Syrien war, ist militärisch in eine fast aussichtslose Defensive geraten. Noch vor wenigen Monaten bestimmte die Maxime "Halten und Erobern" die Strategie der Terrororganisation. Nun herrscht ein anderer Tonfall.

Der IS scheint sich auf die letzte Schlacht einzuschwören: "Wie der Islam nach dem Tod des Propheten weiter existierte, wird auch das Kalifat weiter gehen, egal welches Unglück kommen und wer auch immer getötet werden mag", so predigten die Imame in den Moscheen der IS-Hochburg Rakka und der umliegenden Orte dieser Tage, nachdem der Militärchef der Organisation, der Georgier Omar al-Schischani getötet worden war.

Von der großen Anfangseuphorie und dem Glauben an einen schnellen Sieg ist nichts mehr zu spüren. Der IS steht existenziell unter Druck und steckt tief in der Krise. Doch das liegt kaum an Russlands Bombardements. Sondern vor allem an den Angriffen der USA und am System IS selbst.

Sein Tod war der jüngste Rückschlag für den IS: Omar al-Schischani war der Militärchef des IS. Er starb durch einen amerikanischen Luftschlag – so wie zahlreiche IS-Kommandeure in den letzten Wochen. (Foto: AP)

Als die Terrormiliz im Sommer 2014 von Syrien aus in den Irak voranstürmte, errichtete sie zugleich ihren Staat als Beuteökonomie. Neue Gebiete wurden eingenommen, gesichert und einer Verwaltung unterstellt. Dann ging es weiter auf Raubzüge in andere Städte und Regionen.

Die ständige Expansion machte den IS immer reicher. Es gab neue Plünderungen, Rohstoffe und Einnahmen aus Steuern, die man den neu hinzugekommenen Bewohnern des Kalifats aufoktroyierte. Nach diesem Prinzip wollte man – ganz ernsthaft – die gesamte Welt erobern. Aber heute wird das Herrschaftsgebiet des IS statt größer immer kleiner und kleiner. Die Realität hat die Utopie längst abgewickelt.

Ob im Irak oder in Syrien: Die Terrorgruppe ist in der Defensive und wirkt von Tag zu Tag schwächer. Sie hat nicht einmal mehr die Kraft, strategisch wichtige Orte ausreichend zu verteidigen. Im Norden Syriens wurde der IS innerhalb von zwei Monaten aus der gesamten Provinz Hasakah vertrieben, die an der Grenze zum Irak liegt und damit zum Rest des IS-Gebietes. Die Gegner der Extremisten, die Syrischen Demokratischen Einheiten (SDF), stehen 35 Kilometer vor der IS-Hauptstadt Rakka. Und der Vormarsch der Militärallianz aus Kurden, Christen und Arabern geht mithilfe amerikanischer Luftangriffe unaufhörlich weiter. Selbst das syrische Regime erzielt Erfolge gegen den IS und drängt ihn in den Regionen von Palmyra und Aleppo zurück.

Auch im Irak steht es schlecht um den IS. Dort musste er im Dezember die Provinzhauptstadt Ramadi aufgeben. Einen Monat zuvor waren die Dschihadisten bereits nahezu kampflos aus der jesidischen Stadt Sindschar im Nordirak geflohen, als dort die Offensive der kurdischen Peschmerga begann. "Sie können sich das gar nicht vorstellen, wie viele Bomben fielen", erzählt ein verzweifelter IS-Kämpfer der "Welt". "Da kann man gar nichts mehr machen." Feige sei das alles, die Kurden trauten sich nicht von Mann zu Mann zu kämpfen. Dem IS-Mann und seinen Mitstreitern blieb nichts anderes übrig, als sich in Tunneln zu verstecken.

Setzt der IS großflächig Giftgas ein?

Die Bombardierungen der von den USA geführten Koalition waren der entscheidende Faktor im Kampf gegen den IS – nicht Russlands Eingreifen. Entgegen der Rhetorik des Kreml haben die russischen Flugzeuge vor allem Stellungen der gemäßigten syrischen Opposition bombardiert und nur in wenigen symbolischen Ausnahmefällen den IS.

Erst in den letzten Wochen wurden die russischen Angriffe auf den IS intensiver – doch erst, nachdem sie die Stellungen der syrischen Regierungsarmee gesichert hatten. Moskau ging es vorrangig nicht um die Vernichtung der Terrormiliz, sondern um die Rettung seines Verbündeten, des syrischen Diktators Baschar al-Assad.

Die nachhaltige Schwächung des IS leisteten hingegen größten Teils die Bombardements der US-Airforce und ihrer Verbündeten. Sie zerstören militärische Stellungen, töten Tausende von IS-Kämpfern und zermürben damit auch die Moral der überlebenden Dschihadisten. Jederzeit und überall können sie aus der Luft beschossen werden. Es gibt für sie keinen sicheren Ort mehr.

Einsatzkräfte des Zivilschutzes reinigen Häusern in der irakischen Stadt Taza, wo der IS am 13. März Giftgas eingesetzt hat. Ein Kind starb dabei, etwa 600 Menschen wurden schwer geschädigt. (Foto: AFP)

Führende Kommandeure leben beständig in der Gefahr, von einer US-Spezialeinheit der "Delta Force" gefasst zu werden. Das musste erst kürzlich Sleiman Daoud al-Afari erleben, der Leiter der Chemiewaffenabteilung des IS. Zudem ist die Befreiung der IS-Hauptorte in Syrien und dem Irak, Rakka und Mossul, nur eine Frage der Zeit. Beide sind bereits von allen Nachschubrouten abgeschnitten.

Da ist es kein Wunder, wenn es zu Streitigkeiten unter IS-Kämpfern kommt. Aus Rakka gab es in den letzten Wochen vermehrt Berichte von bewaffneten Auseinandersetzungen. Die Zahl der Männer, die desertieren wollen, steigt. Wer bei einem Fluchtversuch erwischt wird, dem ist das Todesurteil sicher. Einige entkommen mithilfe rivalisierender Rebellengruppen.

Doch der militärische Sieg über den IS wäre noch kein Grund aufzuatmen. Die Krise der Terrororganisation erhöht nämlich das Risiko von Anschlägen weltweit. Wie schon in der Vergangenheit wird der IS versuchen, seine Niederlagen durch perfide Selbstmordattentate in Frankreich, Tunesien oder in der Türkei zu kaschieren.

Auch auf dem Schlachtfeld könnte die Terrormiliz zum letzten, radikalen Mittel greifen: Der IS besitzt chemische Waffen und hat sie bereits mehrfach eingesetzt. Eine Ahnung davon, wie verheerend die Folgen wären, gab es erst am Wochenende in Taza, einer Stadt im Norden des Irak, ganz in der Nähe der kurdischen Erdölmetropole Kirkuk. Dort wurden bei zwei Chemiewaffenangriffen ein dreijähriger Junge getötet und 600 Menschen schwer verletzt. Für den IS mag das ein Test seines Chemiewaffenprogramms gewesen sein.

Wenn die Extremisten glauben, ihr letztes Gefecht sei angebrochen, könnten sie versuchen, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen.

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