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Syrischer Militärfotograf Caesar "Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen"

Seine Bilder von Folteropfern des Assad-Regimes sind nur schwer zu ertragen. Heute lebt der syrische Fotograf unter dem Decknamen Caesar im Exil – anonym, denn er ist Assads Staatsfeind Nummer eins.

Nennen wir ihn also Caesar. Sein wahrer Name lautet natürlich anders. Aber als Syriens Staatsfeind Nummer eins fürchtet Caesar noch immer um sein Leben, selbst im Exil, irgendwo in der Kälte Nordeuropas. Als Militärfotograf hat Caesar bis 2011 Unfälle fotografiert, in denen Soldaten verwickelt waren; auch Tatorte von Verbrechen, Selbstmorde, Menschen, die ertrunken waren, abgebrannte Häuser lichtete er ab. Das endete jäh, als der "arabische Frühling" begann.

Im Frühjahr 2011 werden die ersten Leichen von Zivilisten zu ihm gebracht, die fotografiert werden sollen. Die Soldaten behaupten, es handele sich um Terroristen. Doch Caesar sieht, dass es junge Demonstranten sind, teilweise unschuldige Schüler, Studenten. Er ist kein Widerstandskämpfer, sondern selbst beim Militär. Doch schnell empfindet er seine Arbeit als unerträglich, er kann sie mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Eines Tages vertraut er sich Sami an, seinem Jugendfreund.

"Ohne Sami hätte es Caesar nicht gegeben", sagt Garance Le Caisne. Die Journalistin sitzt in einem Café im Pariser Bezirk Montparnasse. In den Neunzigerjahren hat sie als Korrespondentin in Ägypten gelebt. Sie liebt die Region und kehrt, als der "arabische Frühling" ausbricht, wieder zurück. "Codename Caesar" ist, was man in der Branche einen Scoop nennt: Etwas, woran die ganze Welt dran ist, aber was niemand anderes hat. Monatelang hat Le Caisne recherchiert, mehrmals musste sie aufgeben. Doch eines Tages, als sie mit Sami über eine Computerverbindung telefonierte, schaltete sich eine fremde Stimme ins Gespräch ein: "Ich bin Caesar. Wenn Sie wollen, können wir uns treffen."

Viele Stunden Mitschnitte hat sie von mehreren Treffen nach Hause gebracht: Zum ersten Mal erzählt Caesar seine Geschichte, zum ersten Mal meldet er sich öffentlich zu Wort. Durch seine Erklärungen und Aussagen werden seine Fotos zu einmaligen Belegen für die Barbarei Assads und seiner Schergen. "Es war für mich einfach undenkbar, dass dieser Mann nicht spricht, dass er nicht aussagt und eines Tages Zeugnis ablegt", sagt Le Caisne.

Eine Studie von Assads Verbrechen

Le Caisne ist nicht der Typ von Mensch, der sich auf seine Leistung etwas einbilden würde. Sie redet schnell und ist schon bei ihrem nächsten Projekt. Es muss ihre Ernsthaftigkeit, ihre Ausdauer, vielleicht auch ihre Bescheidenheit gewesen sein, die dafür gesorgt haben, dass sich Caesar ihr anvertraut hat. Und nur ihr. Es ging eben nicht um einen schnellen Scoop, mit dem sich eine Zeitung brüsten wollte; es ging ihr um eine genaue Studie von Assads Verbrechen, die eines Tages hoffentlich als Grundlage für ein Verfahren vor einem internationalen Gerichtshof dienen werden.

Deshalb kommt in ihrem Buch nicht nur Caesar zu Wort. Sie hat etliche Zeugen interviewt, die in den Gefängnissen des syrischen Regimes gesessen haben, um Belege zu haben für Foltermethoden und Todesarten. Doch die Öffentlichkeit interessiere sich inzwischen sehr viel mehr für die Barbarei der Terrormiliz des Islamischen Staates (IS) als für die des Regimes, beklagt Le Caisne: "Daesh (IS) ist der perfekte Feind für uns: Sie tragen Bärte, sie sind Barbaren, sie brüsten sich mit ihren Taten im Internet und greifen uns inzwischen auf dem eigenen Boden an." Die Barbarei des Regimes finde stattdessen im Dunklen statt. Und doch sind die Zahlen der Opfer ungleich höher: "Es kursieren Zahlen, wonach sieben Mal mehr Menschen durch das Regime als durch den IS ermordet werden", versichert Le Caisne.

Und wieso wäre Caesar ohne Sami nicht denkbar? Weil es Sami ist, der Caesar überzeugt, weiterzumachen und der ihn mit einer Gruppe Oppositioneller der syrischen Nationalbewegung in Kontakt bringt. Von diesem Augenblick an kopiert er die Beweisstücke der Folter auf USB-Sticks und schmuggelt sie in seinem Gürtel oder Schuhabsatz aus seinem Büro raus. Nach zwei Jahren spürt Caesar, dass dies nicht mehr lange gut gehen würde. Er bittet, dass man ihn und seine Familie aus Syrien herausbringt. Erst als er in Sicherheit ist, geht die syrische Oppositionsbewegung mit den Fotos an die Öffentlichkeit.

Auf den Fotos sind gefolterte, verhungerte Körper zu sehen, übersät mit Brandwunden, jede Leiche einzeln gekennzeichnet mit Nummern, teilweise sind sie direkt auf die Haut geschrieben. Es sind Bilder, die sich im Kopf festsetzen, vergleichbar mit denen aus den Vernichtungslagern der Nazis oder der Roten Khmer in Kambodscha.

Assad behauptete daraufhin in einem Interview mit "Foreign Affairs", Caesar würde nicht existieren, die Fotos seien allesamt gefälscht. Inzwischen sind sie nicht nur von Desmond de Silva, dem ehemaligen Vorsitzenden des Sondertribunals für Sierra Leone, sondern auch vom FBI und von Human Rights Watch als authentisch identifiziert. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt, dass seit dem Beginn des Konflikts 85.000 Menschen verschwunden sind, von denen die Angehörigen nicht wissen, ob sie noch am Leben sind.

In ihrem Buch zitiert die Autorin Caesar mit einem Satz, der das ganze Ausmaß der Unmenschlichkeit zum Ausdruck bringt: "Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Vor der Revolution folterten die Mitglieder des Regimes, um an Informationen zu kommen. Heute foltern sie, um zu töten."

Es herrscht das Gefühl der völligen Straffreiheit

Wer die Fotos gesehen, wer Le Caisnes Buch gelesen hat, muss sich die Frage stellen, warum das Regime seine Verbrechen mit der bürokratischen Akribie der Nazis dokumentiert. "Warum beschreiben sie die Leichen und archivieren ihre Fotos?", fragt auch Caesar. Er erklärt es mit dem Misstrauen der verschiedenen Sicherheitsdienste innerhalb des syrischen Geheimdienstapparats. "Der eine weiß nicht, was der andere tut."

Dazu kommt das Gefühl der völligen Straffreiheit: "Dass man sie eines Tages für ihren Machtmissbrauch zur Rechenschaft ziehen könnte, kommt ihnen keinen Augenblick in den Sinn. Sie wissen, wie einflussreich die Kräfte sind, die das Regime stützen. Es wäre ihnen auch im Traum nicht eingefallen, dass diese Fotos nach außen getragen und der Welt gezeigt werden könnten."

Er ist sogar überzeugt, dass die Dokumentation der Folter nach der Veröffentlichung seiner Fotos weitergegangen ist. Le Caisne erzählt, wie enttäuscht er ist. Die internationale Gemeinschaft habe versagt. Am Anfang des Konflikts habe es schließlich nur zwei Parteien gegeben: die friedliche Opposition und das Assad-Regime. Inzwischen ist die Opposition radikalisiert, und die Interessen anderer Nationen haben sich in Syrien zu einem gordischen Knoten verbunden. Solange Assad an der Macht ist, wird Caesar nicht gegen ihn aussagen. Zu groß ist seine Angst.

Le Caisne arbeitet inzwischen an einem Dokumentarfilm, der "Beweissammler" porträtiert: "Das Buch, aber auch der Film sind der Versuch, Spuren zu sammeln aller Verbrechen, die in Syrien verübt werden." Denn die Syrer haben das Hama-Syndrom, erklärt sie, benannt nach der gleichnamigen Stadt, wo Assads Vater Hafez 1982 den Aufstand der Muslimbrüder brutal niederschlagen ließ. Bis heute weiß man nicht, wie viele Menschen bei diesem Massaker ermordet wurden.

Wie es Caesar inzwischen geht? "Er zeigt seine Gefühle nicht, er ist schließlich ein Militär", sagt Le Caisne. Einmal hat sie ihn gefragt, ob er seine Last nicht einem Psychologen anvertrauen wolle. Aussichtslos. Und einem Richter? Auch dazu ist er noch nicht bereit. Noch nicht. Und sicher nicht, solange Assad an der Macht ist. "Er hat etwas Unglaubliches geleistet und großen Mut bewiesen, aber ein Widerstandskämpfer ist Caesar nicht." Le Caisne ist davon überzeugt, dass das Regime weiß, wer er ist. Es waren schließlich nur zwölf Fotografen in seiner Einheit. Die Frage ist eher, ob es die Mittel hat, ihn im Exil zu ermorden.

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