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Paris-Attentäter Salah Abdeslam Eine Festnahme mit bitterem Beigeschmack

Jeder Tag, den der mutmaßliche Paris-Attentäter Abdeslam in Freiheit verbrachte, war ein Schlag für die belgischen Sicherheitsbehörden. Jetzt gelang endlich die Festnahme – mitten im "Terrornest".

Es klingt wie eine Szene aus einem schlechten Film. Dass ausgerechnet hier, im Schatten der Al-Khalil-Moschee im Zentrum des Brüsseler Stadteils Molenbeek, die Jagd nach Salah Abdeslam enden würde, klingt zu dramatisch um wahr zu sein. Der Stadtteil gilt seit den Pariser Anschlägen als Terrornest, zahlreiche Razzien fanden statt – und man hätte geglaubt, dass ihn gerade deswegen Terroristen meiden.

Die örtliche Polizeistation ist wenige Gehminuten von der Wohnung entfernt, in der Abdeslam diesen Freitagnachmittag angeschossen und festgenommen wurde. Zur Wohnung seines Bruders, dessen Wohnung über Wochen hinweg von Journalisten belagert wurde, ist es noch kürzer. Unbemerkt, so hätte man meinen können, bliebe jemand wie Abdeslam in diesem Umfeld nicht.

Und trotzdem wurde er genau hier von der Polizei gestellt. "Wir haben ihn", schrieb der Belgische Minister Théo Francken. Nach Angaben der belgischen Polizei ist er am Knie verletzt. Er wurde beim Versuch, ihn festzunehmen, angeschossen.

Abaaouds Bekanntschaft änderte alles

Abdeslam ist der vermutlich meistgesuchte Terrorist Europas. Ermittler gehen davon aus, dass er der letzte Überlebende der Gruppe von Terroristen ist, die am 13. November Paris heimsuchten und 130 Menschen töteten. Konkret soll der 26-Jährige, in Marokko geborene Belgier, die Attentäter der Disko Bataclan vor dem Konzerthaus abgesetzt haben. 89 Menschen wurden allein dort ermordet.

Der 26-Jährige hatte sich in Molenbeek schleichend radikalisiert. Bekannte beschreiben ihn als eher gewöhnlichen Jugendlichen, der wie sein Bruder Brahim gerne Fußball spielte, abends ausging und mit Frauen anbändelte. Das änderte sich, als er Abdelhamid Abaaoud kennenlernte, der später einer der bekanntesten belgischen Dschihadisten werden sollte und als Drahtzieher der Anschläge von Paris gilt.

Herbeigesehnter, reinigender Akt für die Nation

Nun ist in Molenbeek das Geheul von Polizeisirenen zu hören. Hubschrauber donnern über dem Stadtteil. Polizeidrohnen sind im Einsatz. Die Polizisten sind schwer bewaffnet und vermummt. Es scheint, als bringe der belgische Staat alle verfügbaren Kräfte zum Einsatz. Ganz so, als wäre die Festnahme des gesuchten Terroristen ein herbeigesehnter, reinigender Akt für die Nation.

Jeder Tag, an dem Abdeslam in Freiheit verbrachte, war doch ein Schlag für die belgischen Sicherheitsbehörden. In den vergangenen Monaten waren die Belgier doch hart kritisiert worden. Hätten sie die verfügbaren Informationen besser ausgewertet, hätten sie sorgfältiger gearbeitet, dann wären die Anschläge von Paris wohl nie geschehen, so der Vorwurf.

Die Diskussion, ob die belgischen Behörden die Lage im Griff haben, wird mit der Festnahme allerdings nicht enden. Denn dass sich Abdeslam mitten in Brüssel so lange verstecken konnte, wird erneut die Frage aufwerfen, wie erfolgreich die Ermittlungsarbeit der belgischen Polizei ist. Ohne ein größeres Netzwerk an Unterstützern dürfte das Abdeslam nicht gelungen sein. Die Frage ist, warum dieses Netzwerk nicht schon früher aufflog.

In Frankreich war die belgische Polizeiarbeit bislang besonders heftig kritisiert worden. Nun ist die Erleichterung groß. Frankreichs Staatspräsident François Holland eilte sofort nach der Meldung der Festnahme aus dem EU-Ratsgebäude. Hier hatte er eigentlich an diesem Freitag über ein Abkommen mit der Türkei zur Reduzierung der Flüchtlingszahlen verhandelt. Er traf sich mit dem belgischen Ministerpräsidenten Charles Michel in dessen Amtssitz.

Bilder zeigen sie im Amtszimmer. Sie unterhalten sich mit Mitarbeitern. Beide haben einen angespannten Gesichtsausdruck. Ganz so, als würden sie sich noch nicht trauen, hier einen Triumph zu vermelden. Als hätten sie noch Zweifel, dass die Jagd nach dem letzten noch lebenden Paris-Attentäter erfolgreich gewesen sein könnte.

Bei der anschließenden Pressekonferenz erklärte Michel, es habe am Freitag insgesamt drei Festnahmen gegeben. Außer dem Hauptverdächtigen der Pariser Attentate vom November, Salah Abdeslam, seien noch zwei weitere Verdächtige festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft erhöhte etwas später die Angaben auf insgesamt fünf Festnahmen.

Hollande sagte, er erwarte eine rasche Auslieferung von Abdeslam nach Frankreich. Für Samstag kündigte er eine Sitzung des Sicherheitsrats des Landes an.

Erleichterung mit "bitterem Beigeschmack"

In Frankreich kamen erste Reaktionen von der Opfervereinigung "13. November": "Wir sind erleichtert und froh, dass er lebend verhaftet wurde, weil er sich vor Gericht wird verantworten müssen", sagte Georges Salines, Präsidenten der Opfervereinigung im französischen Fernsehen.

Die Anwältin der Opfervereinigung fordert die "schnellstmögliche Auslieferung" des mutmaßlichen Terroristen. "Die Familien wissen noch immer nicht, wie ihre Angehörigen und Kinder gestorben sind", sagte Samia Maktouf auf i-Télé. Die Familien seien deshalb erleichtert, auch wenn diese Erleichterung einen "bitteren Beigeschmack" habe, weil anderer Terroristen noch in Freiheit seien und eine potentielle Bedrohung darstellten.

Der ehemalige Terrorrichter Jean-Louis Bruguière sprach von "großer Erleichterung für alle". Die Verhaftung sei ein Beleg für eine mittlerweile "enge Zusammenarbeit" zwischen Belgien und Frankreich. "Das ist zweifellos eine Niederlage für den Islamischen Staat, weil damit die gesamte Struktur der Terrorzelle ausgehoben ist", ergänzte Bruguère.

Die Schockwellen der Attentate vom 13. November sind in Frankreich noch immer zu spüren. Im Land herrscht ein umstrittener Ausnahmezustand, der bereits zweimal verlängert wurde. Eine Ausweitung auf die Zeit der Fußball-Europameisterschaft im Juni und Juli gilt als wahrscheinlich. Die französische Polizei übt bereits für mögliche Anschläge etwa auf Fanzonen in den zehn Spielorten.

Militärpatrouillen gehören in Paris zum Alltagsbild

In den Straßen von Paris gehören schwer bewaffnete Militärpatrouillen zum Alltagsbild. Öffentliche Gebäude sind ohne Kontrolle genauso wenig zugänglich wie Theatervorstellungen oder Konzertabende. Noch immer werden beim Weg in den Supermarkt Taschen von privaten Sicherheitsleuten geprüft.

Und so blickt man besonders in Frankreich mit Verwunderung auf die belgischen Polizei. Die Jagd nach dem Terroristen war doch von erheblichen Pannen begleitet. Einmal, so eine Theorie, waren die Ermittler dem Attentäter bereits auf der Spur. Allerdings mussten die Polizisten bis zum Morgen warten, weil in Belgien Razzien zu den Nachtstunden verboten waren. Man vermutet, der Attentäter habe die Zeit genutzt, um in einem Möbelwagen zu verschwinden.

Die Spur zu seinem Versteck war wohl vor wenigen Tagen gelegt worden – mehr oder weniger durch Zufall. Am Dienstag lieferte sich die Polizei in einer Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest einen Schusswechsel, bei dem ein Mann von einem Scharfschützen getötet wurde. In der Wohnung, in der sie gar keine Menschen vermuteten, fanden die Ermittler Fingerabdrücke und DNA-Spuren von Abdeslam.

Der belgische Fernsehsender RTBF berichtet, dass es "mehr als wahrscheinlich" sei, dass Abdeslam einer der beiden Männer gewesen war, denen bei der Razzia die Flucht über die Dächer gelang. Seither war die Wohnung in der Rue des Quatre-Vents, in der Abdeslam nun aufgefunden wurde, überwacht worden. Nach Informationen der belgischen Zeitung "Le Soir" soll es sich um die Wohnung der Mutter eines Freunds von Abdeslam gehandelt haben.

Eines ist sicher: Abdeslam zog keine weiten Kreise, um sich den Ermittlern zu entziehen.

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