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Janbu am Roten Meer Diese Stadt dürfen nur Frauen betreten

Hier sind Männer unerwünscht: Das streng konservativ-islamische Saudi-Arabien baut vier Industriestandorte. Das Besondere daran: Sie dürfen nur von Frauen betreten werden. 

Als Lubna Olayan 1983 in die Firma ihres Vaters Suliman eintrat, war sie die einzige Frau unter 4000 Angestellten. Es sollte ganze 18 Jahre dauern, bis Lubna eine Kollegin in dem multinationalen Firmenkonglomerat im Besitz ihrer Familie begrüßen konnte – die sie selbst einstellte. Heute, noch einmal 15 Jahre später, bestimmt sie als Vorstandsmitglied – neben ihren drei Geschwistern – der Olayan Financing Co. (OFC) mit Hauptsitz in Riad selbst die Spielregeln – und beschäftigt 12.000 Menschen, davon sind 400 Frauen.

Insgesamt 1000 weibliche Angestellte auf allen Ebenen im geschätzt zehn Milliarden US-Dollar schweren Mischkonzern, der so unterschiedliche Branchen wie Aluminium-, Stahl- und Plastikproduktion sowie die regionale Herstellung und den Vertrieb von Kleenex, Coca-Cola und Huggies-Windeln vereint, sollen es in diesem Jahr werden. Das hat Lubna Olayan als Ziel ausgegeben.

Ikone der Emanzipation saudischer Arbeiterinnen

Die mit dem Anwalt John Xefos verheiratete, 60 Jahre alte Unternehmerin, dreifache Mutter und inzwischen auch Großmutter, ist gewissermaßen die Galionsfigur weiblicher saudischer Arbeits-Emanzipation. 2005 schaffte sie es in die Top 100 der einflussreichsten Menschen im Ranking des "Time"-Magazins. In der 2015er "Forbes"-Liste der einflussreichsten Frauen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel anführt, rangiert sie auf Platz 67. Sie sitzt im Aufsichtsrat von Rolls-Royce und der Citigroup.

Lubna Suliman Olayan, genannt LSO, führt einen saudischen Mischkonzern der Superlative. (Foto: Fahad Shadeed/REUTERS)

Eine außergewöhnliche Karriere, ganz besonders für saudi-arabische Verhältnisse. Der Grundstein dafür wurde früh gelegt. Lubna Olayan wuchs auf im kosmopolitischen und weltoffenen Beirut und lebte neun Jahre in den USA – ein Umstand, den sie heute für ihr freiheitliches und liberales Denken verantwortlich macht. Sie studierte an der Cornell University (US-Bundesstaat New York) und an der Indiana University, wo sie mit einem MBA abschloss.

"Je mehr Herausforderungen man im Leben meistert, desto mehr Lebenserfahrung sammelt man. Diese gelebte Erfahrung gibt einem die Kraft, das Leben anderer Menschen zu beeinflussen", sagte Lubna dem Magazin "Fortune" vor ein paar Monaten. Es könnte als ihr Lebensmotto gelten.

Erlebte Erfahrung auch im Firmensitz in Riad: 300 Menschen arbeiten in der Nah- und Mittelostzentrale im engeren Umfeld der Chefin, aus 23 verschiedenen Ländern. Frauen und Männer begegnen sich dort in Besprechungen, einige Frauen tragen die landesübliche Abaya, die Ganzkörperverschleierung mit Sehschlitz, andere ein Kopftuch, wieder andere ein konservatives westliches Businesskostüm. Englisch ist Arbeitssprache, man redet sich mit den Initialen an, das spart Zeit. Lubna Olayan ist LSO – Lubna Suliman Olayan.

Sieg oder Niederlage

Frauen wie Lubna Olayan sind es, die der Emanzipation saudischer Frauen zu Erfolgen verhelfen können. Saudi-Arabiens Frauen sind sich indes noch nicht ganz einig darüber, ob sie gerade einen Sieg oder eine Niederlage davontragen: Auf einer Fläche von 500.000 Quadratmetern (etwa 70 Fußballfelder) wird in der Stadt Janbu am Roten Meer 160 Kilometer westlich von Medina ein Industriekomplex gebaut, zu dem Männer keinen Zutritt haben werden.

. (Foto: Infografik Die Welt)

Die einen sagen, in dem neu entstehenden Teil der 180.000 Einwohner zählenden Stadt mit einem wichtigen Ölhafen können sich die Frauen in der durch und durch patriarchalischen saudischen Alltagswelt endlich beruflich ausleben, ihre Gedanken und Fähigkeiten zur Geltung bringen. Moderate Kritiker meinen, es sei nur ein weiterer Auswuchs fast schon paranoider Geschlechtertrennung in der sunnitischen Monarchie, in der die äußerst konservative wahhabitische Interpretation des Islam Staatsreligion ist. Scharfe Kritiker sprechen von Apartheid.

Die Zeitung "Arab News" berichtete, dass die Frauen in "ihrem" Industrieviertel Schmuck, Spielsachen und medizinische Güter produzieren werden. Zunächst soll eine Fabrik für 50 Arbeiterinnen entstehen. Später kommen hinzu: ein medizinisches Zentrum, ein Sport- und Erholungspark, Gebäude kommunaler Verwaltung, ein Einkaufszentrum und eine Tankstelle. Letztere ist eigentlich unsinnig, denn Frauen dürfen in Saudi-Arabien ja nicht Auto fahren im Gegensatz zu ihren Geschlechtsgenossinnen im Rest der Welt. Ein fragwürdiges saudisches Alleinstellungsmerkmal.

Der saudische Staat ist unermesslich reich, doch sein Reichtum ist endlich: Mit dem Versiegen der Ölquellen könnte auch der kometenhafte Aufstieg der vormals armen Wüstenmonarchie jäh gestoppt werden und sich ins Gegenteil verkehren. In dem riesigen Land leben knapp 30 Millionen Menschen, ein Drittel davon sind Gastarbeiter.

Fast zwei Drittel der saudischen Staatsbürger sind 25 Jahre oder jünger. Die meisten von ihnen müssen nicht arbeiten und zahlen kaum Steuern – noch nicht. Sie können sich auf großzügige Zuwendungen des Königshauses verlassen. Und die, die dennoch einer täglichen Arbeit nachgehen, sind oft unmotiviert.

Saudi-Arabien hat sich lange auf den Import gut ausgebildeter Ausländer verlassen: Ingenieure und Facharbeiter kamen aus Ägypten, Syrien, dem Libanon, Indien oder Pakistan, gelockt von Petrodollars. Europäisches oder amerikanisches Know-how wurde mitsamt Fachpersonal eingekauft.

Seit vergangenem Dezember dürfen saudische Frauen auf kommunaler Ebene sowohl wählen als auch gewählt werden. Diese Frau in Dschidda machte von ihrem Wahlrecht Gebrauch. (Foto: Getty Images)

Der im Januar 2015 verstorbene König Abdallah versuchte, diesen Trend zu stoppen und vom Erdöl unabhängige Industrien zu schaffen. Diversifizierung ist das Zauberwort aller ölreichen Golfstaaten, die Ausdehnung der Produktion auf unterschiedliche Bereiche – für ein Leben nach dem Öl. Riad schafft Elite-Universitäten und setzt auf Ausbildung und gute berufliche Perspektiven der Jugend im eigenen Land.

König Salman führt diese politische Linie seines Amtsvorgängers und Halbbruders fort. Janbu ist Teil dieser Initiative und genießt in jeder Hinsicht königliche Unterstützung: Prinz Faisal, Gouverneur der Provinz Dschidda und 45 Jahre alter fünfter Sohn des Königs, zeichnet höchstpersönlich für das "Frauenprojekt" in seiner Provinz verantwortlich.

Doppelte Infrastruktur in den Fabriken

König Salman versucht, das Potenzial zu heben, das in seinem Reich bisher nahezu brachliegt. Nur 15 bis 20 Prozent der teils bestens ausgebildeten Frauen arbeiten. Seit Anfang 2012 dürfen sie in Lingerie- und Kosmetikgeschäften arbeiten. Doch das ist ihnen bei Weitem nicht genug. Heute studieren an den saudischen Universitäten fast genauso viele junge Frauen wie Männer, aber noch immer sind ihnen viele Berufszweige verwehrt. Auch weil es die dafür erforderlichen doppelten Strukturen in vielen Betrieben nicht gibt: Extra-Arbeitsräume für Frauen, Shuttleservice, eigene sanitäre Anlagen und Kantinen, Gebetsräume nur für Frauen.

Viele Unternehmen stellt es vor unlösbare und unbezahlbare infrastrukturelle Herausforderungen, dass Frauen und Männer nicht zusammenarbeiten dürfen. Zwar wird auch dieses Axiom saudischer Sittenwächter langsam aufgebrochen, aber vielen Reformern, allen voran dem König, dauert das zu lange.

Janbu oder Einrichtungen wie die Prinzessin-Nora-Universität bei Riad ausschließlich für Frauen sollen die Integration der Saudi-Araberinnen in die Arbeitswelt befördern. Die für die Entwicklung von Industriestädten zuständige saudi-arabische Behörde Mudun (Plural von Madina, Stadt) hat sich die Entwicklung und Förderung von "Frauenstädten" auf die Fahnen geschrieben. Weitere entstehen: in Dschidda oder in Qassim. In der 700.000 Einwohner zählenden Stadt Hofuf im Osten des Königreichs steht der Oasen-Industriekomplex al-Ahsa bereits unter der Herrschaft der Frauen: "80 Fabriken produzieren dort unter der Leitung und in der Organisation von Frauen", sagt Mudun-Direktor Saleh al-Raschid.

Die passionierte Köchin Umm Abdullah (r.) wird von jungen saudischen Frauen in Dschidda dabei unterstützt, ihr Geschäft bekannter zu machen und ihre Kochkunst zu bewerben. (Foto: Getty Images)

Nawal Hadi, Chefin der Handelskammer von Janbu, hat noch ambitioniertere Ziele. 94 Wirtschaftsunternehmen seien im Namen von Frauen bei ihr registriert. "Das sind etwa zwei Prozent aller in der Region registrierten Firmen und Betriebe", sagt Hadi, spiegele aber eben den Landesdurchschnitt wider: Nur 2,9 Prozent aller Unternehmer seien Frauen. Hadfi will das in ihrem Einflussbereich ändern und optimale Bedingungen für Frauen in Janbu schaffen: gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, Schulen und Kindergärten in fußläufiger Entfernung, Shuttleservice in die Wohnbereiche.

Viele Jungunternehmerinnen nehmen diese Angebote an, sie drängen in den privaten Sektor. Ihre Vorbilder heißen Sarah al-Suhaimi, die die Investitionsbank NCB Capital mit einem verwalteten Vermögen von rund zwölf Milliarden Dollar (8,7 Milliarden Euro) führt. Oder Somayya Dschabarti, 45 Jahre alte Chefredakteurin der Zeitung "Saudi Gazette" und erste saudische Frau in dieser Position, deren Mutter übrigens als erste Frau Saudi-Arabiens in Mathematik promovierte. Oder eben – Lubna Olayan.

"Ich bin weder eine radikale Feministin noch befürworte ich es, Frauen künstlich in Positionen zu heben", sagte Lubna Obayan 2004 bei einer Rede vor dem arabischen Bankenverband Nordamerikas in New York. "Ich befürworte allerdings ein System, in dem die persönlichen Möglichkeiten ,geschlechtsneutral' eröffnet werden und einer wahren Meritokratie entsprechen, bei der die richtige Person die richtige Position aus den richtigen Beweggründen heraus einnimmt – ungeachtet des Geschlechts."

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