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Anschlag in Istanbul Weshalb viele Türken #DankeSchönDeutschland twittern

Nach dem Selbstmordanschlag in Istanbul twittern plötzlich viele Türken einen Dank an Deutschland. Einige kritisieren damit die Regierung in Ankara. Andere befeuern eine Verschwörungstherorie.

Nach dem Terroranschlag am Samstagvormittag in Istanbul, bei dem ein Selbstmordattentäter mindestens vier Menschen mit sich in den Tod riss, macht in der Türkei ein Hashtag auf Twitter die Runde: #DankeSchönDeutschland. Dank der Warnung der deutschen Botschaft hätten sie in den vergangenen Tagen die Istiklal-Straße und den benachbarten Taksim-Platz gemieden, schreiben viele Bürger in dem Kurznachrichtendienst, der in der Türkei sehr viel verbreiteter ist als in Deutschland.

Die Istiklal ist das Zentrum des modernen Istanbuls. Auf der für den Autorverkehr gesperrten Straße liegen hunderte Geschäfte, die Seitenstraßen sind voller Bars, Restaurants und Kinos. An einem durchschnittlichen Tag sollen eine Million Menschen dort unterwegs sein.

Mehr zum Thema: Auswärtiges Amt meldet keine deutschen Verletzten

"#DankeSchönDeutschland. Wenn Sie uns nicht gewarnt hätten, hätte es heute in Istanbul ein Massaker gegeben. Sie haben getan, was unsere Regierung versäumt hat", schreibt beispielsweise eine Userin namens Ayse Sarp.

Geheimdienste alarmierten den BND

Die Deutschen Botschaft in Ankara war nach einer Terrorwarnung am Donnerstag geschlossen worden, ebenso das deutsche Konsulat und die deutsche Schule in Istanbul, die beide in der Nähe der Istiklal-Straße liegen. Nach Informationen der "Welt" hatte der Bundesnachricht von ausländischen Geheimdiensten konkrete Hinweise erhalten. Zugleich bekam die Deutsche Botschaft eine konkrete Warnung aus türkischen Behörden. Übermittelt wurde der Name, Foto, Geburtsdatum und sogar eine Telefonnummer eines mutmaßlichen Dschihadisten, der aus Syrien in die Türkei gereist sein soll, um dort einen Anschlag auf deutsche Einrichtungen zu verüben. Es soll sich um ein Mitglied des IS handeln.

Am Nachmittag verdichteten sich Hinweise, dass eher der IS hinter dem Anschlag in Istanbul steckt – und nicht die "Freiheitsfalken Kurdistans", eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen PKK, die sich zu dem Anschlag am vergangen Sonntag im Zentrum von Ankara bekannt hatte.

Eine Zeitung titelte gar: "Terror nach deutscher Art"

Im Hashtag #DankeSchönDeutschland drückt sich ein tiefes Misstrauen von Teilen der Bevölkerung in die Regierung aus. Und das kommt nicht von ungefähr. Mit Nachrichtensperren, die inzwischen routinemäßig verhängt werden, mit Sperrungen sozialer Medien und fehlerhaften und haltlosen Erklärungen hat die Regierung selber für dieses Misstrauen gesorgt, ebenso mit dem Umstand, dass man den IS lange Zeit ungehindert gewähren ließ. Bei keinem der Terroranschläge seit dem Juni wurden die Hintergründe aufgeklärt, kein Politiker oder Leiter von Sicherheitsbehörden ist deswegen zurückgetreten. Dafür versucht Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, Chaos und Terror für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Doch nicht alle bedanken sich mit diesem Hashtag auch wirklich. Vor allem Anhänger der regierenden AKP und Nationalisten verwenden ihn ironisch, also nach dem Motto: Wenn die Deutschen ihre Einrichtungen geschlossen haben, dann stecken sie mit den Attentätern unter einer Decke. Am Freitag hatten die von der AKP-Regierung gesteuerten Medien noch die von Außenminister Frank-Walter Steinmeier getroffene Entscheidung kritisiert. Deutschland würde damit Panik verbreiten, hieß es. Das AKP-Blatt "Aksam" titelte gar: "Terror nach deutscher Art". 

Verschwörung gegen die Türkei?

Eine in der Türkei gängige und auch aus der Staatsführung immer wieder geäußerte Verschwörungstheorie lautet nämlich, die PKK wie der IS würden von ausländischen Staaten gesteuert – Großbritannien, Deutschland, Russland, den USA und, fast unvermeidlich, Israel. Sie alle würden mit Terrororganisationen gemeinsame Sache machen, um den Aufstieg der Türkei zur führenden islamischen Nation und Weltmacht zu sabotieren.

Der Verdacht einer heimlichen Komplizenschaft war schon nach dem Anschlag in Ankara geäußert worden, weil die dortige US-Botschaft zwei Tage zuvor eine – allerdings unspezifische – Terrorwarnung veröffentlicht hatte. Doch die Amerikaner hatten die Warnung von türkischen Behörden erhalten. "Wenn man etwas hinterfragen muss, dann nicht, warum wir vor einem Anschlag gewarnt haben, sondern warum die türkische Behörden ihre eigenen Hinweise nicht veröffentlicht haben", heißt es aus der US-Botschaft in Ankara.

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