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EU-Türkei-Abkommen schreckt Flüchtlinge nicht ab "Nichts wird sich ändern"

Ab sofort werden Flüchtlinge, die über die Türkei nach Griechenland fliehen, zurückgebracht: Das schreckt Schutzsuchende nicht ab. Sie kommen weiter an. Die Menschen auf Lesbos wundern sich nicht.

Auf der griechischen Insel Lesbos sind am Sonntagmorgen die ersten Flüchtlinge aus der Türkei angekommen, die nach dem EU-Abkommen wieder in das Land zurückgeschickt werden. Augenzeugen beobachteten, wie am frühen Morgen binnen einer Stunde drei Boote ankamen. Nach Angaben der Polizei machten zwölf Boote in der Nähe des Inselflughafens fest. Aus einem Boot wurden zwei bewusstlose Männer gehoben, die später von den Behörden für tot erklärt wurden.

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Einer der Neuankömmlinge, der Syrer Hussein Ali Muhammad, sagt, er wisse um die seit Sonntag geltende Regelung, dass alle Neuankömmlinge in die Türkei zurückgebracht werden sollten. Dennoch hoffe er, in sein Wunschland Dänemark zu gelangen. Dort wolle er sein Studium zu Ende führen. "Ich will kein Geld, ich will nur mein Studium abschließen. Das ist meine Botschaft", sagt er. Auch andere Flüchtlingen sagen, ihnen sei die Neuregelung bekannt.

Im Vergleich zum Herbst kamen in den vergangenen Tagen nur wenige Flüchtlinge von der türkischen Küste an. Im Herbst erreichten jeden Tag durchschnittlich 5000 Syrer, Iraker, Pakistaner und Afghanen in überladenen Schlauchbooten die Insel. Die Küste war rot von den vielen Rettungswesten, deren sie sich als Erstes entledigten. Trotzdem kann auch das EU-Abkommen den Flüchtlingsstrom aus der Türkei nicht ganz stoppen.

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Damit haben die Menschen auf Lesbos auch nicht gerechnet. "Ich traue den Türken nicht", sagt Anna Taxeidi. Wie die meisten Inselbewohner verdient sie ihr Geld mit Touristen. Und sie teilt das Misstrauen gegenüber dem Nachbarland, das vielen Griechen weiterhin als Feind gilt. Ausnahmsweise waren die Hotelzimmer auf Lesbos wegen der vielen Soldaten, Polizisten und Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen auch im Winter fast immer ausgebucht. Die Hotelangestellte kann sich nicht vorstellen, dass die Türkei tatsächlich Flüchtlinge zurücknimmt. Nur wenn Ankara den Schleusern das Handwerk lege, werde sich wirklich etwas ändern, sagt sie.

Ein Mädchen auf Lesbos. Wie viele andere Syrer auch ist dieses Kind aus der Heimat geflohen. (Foto: Getty Images)

Ein härteres Vorgehen gegen die Schlepper seitens der Türkei ist jedoch nicht vorgesehen in der Brüsseler Übereinkunft. Stattdessen soll die Rückführung von Flüchtlingen dorthin dem Geschäft der Schleuser den Boden entziehen. Diese Hoffnung werde sich jedoch nur erfüllen, wenn weniger Menschen über die Ägais nach Europa drängten, warnte der griechische Ministerpräsident. In Siegerpose stellt Alexis Tsipras die Übereinkunft zwischen der EU und der Türkei als griechischen Verhandlungserfolg dar. Man habe verhindert, dass "unvernünftige Forderungen" der Türkei auf Kosten des griechischsprachigen Zypern akzeptiert würden. Nicht fünf – wie von Ankara gewünscht –, sondern nur ein weiteres Kapitel soll denn auch in den EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei eröffnet werden.

Dass die eigenen Leute sich an den Rückführungen von Flüchtlingen an die türkische Küste beteiligen könnten, glaubt derweil auf Lesbos niemand. Wenn überhaupt, dann schickten Schiffe der Nato und der Grenzschutzagentur Frontex die Insassen der Boote zurück, meint Anna Taxeidi. "Die Griechen machen sich die Hände nicht schmutzig", sagt sie mit einem bitteren Lächeln. "Man sollte die Grenzen öffnen und die Leute über Europa verteilen, nicht in Gettos, sondern dort, wo sie Arbeit finden."

"Wasser kann man nicht aufhalten"

Unbeeindruckt von der Brüsseler Einigung geht der Alltag auf Lesbos weiter. Statt vom Tourismus der Sommermonate lebt die Insel nun von der Versorgung der Flüchtlinge. "Wir haben einen Plan B für den Fall, dass wieder mehr Menschen kommen", sagt Stavros Mirogiannis. Der Leiter des Flüchtlingslagers von Kara Tepe außerhalb von Mytilene, in dem Syrer und Iraker untergebracht sind, schimpft auf Mazedonien und die anderen Länder des Westbalkans, die Migranten nicht mehr durchlassen. Bei gutem Wetter werden wieder mehr Menschen die gefährliche Überfahrt versuchen, glauben hier viele. Das Flüchtlingslager auf einem steinigen Hügel mit Blick aufs Meer hat Platz für 1700 Menschen.

"Willkommen auf Lesbos, willkommen in Europa, wir sind gastfreundlich, als Griechen und als Europäer", sagt Mirogiannis stolz. Wer von der Türkei aus im Boot nach Lesbos kommt, möchte weiter nach Norden, weiß der stämmige Mittfünfziger, der sich auf der Hauptstraße des Flüchtlingslagers mit dunkler Sonnenbrille breit aufbaut. Den Strom der Migranten vergleicht er mit einem Fluss:. "Wasser kann man nicht aufhalten", sagt der Grieche. Dass die Einigung zwischen der EU und der Türkei den Strom spürbar verringern wird, glaubt auch er nicht.

Viele Syrer und Iraker, die in Kara Tepe untergebracht sind, wissen nicht, wie sie weiter nach Norden gelangen. "Ich werde in Athen warten, bis die mazedonische Grenze wieder geöffnet wird", sagt ein Familienvater. Seine kleine Tochter trägt er auf den Schultern. Sie wirkt trotz ihrer leuchtend roten Blumenspange im Haar traurig.

Die Türkei haben hier alle vor Augen, doch kaum einer der Migranten will dorthin zurück. Ein junger Mann mit gegeltem Haar, Dreitagebart, rotem Pullover und weißen Kopfhörerkabeln sagt, es sei ihm egal, in welches europäische Land er gehen werde. "Hauptsache, ich kann studieren und arbeiten." Seine Familie hat er im Irak zurückgelassen. In seiner Heimat herrsche Krieg, dort könne man sich keine Zukunft aufbauen, meint Noar Kamal. "In unserem Land geht gar nichts", meint er und zuckt traurig die Achseln.

Über die Hälfte sind Pakistaner und Afghanen

In dem anderen großen Flüchtlingslager von Moria außerhalb von Mytilene sind vor allem Pakistaner und Afghanen untergebracht. Sie werden seit dem vergangenen Herbst von Syrern und Irakern getrennt, weil es immer wieder zu Konflikten kam. Wenn es regnet, läuft das Wasser in notdürftig in die Erde gegrabenen Kanälen ab. An einem Feuer in einer Tonne wärmen sich junge Männer die Hände. Da Pakistaner und Afghanen mehr als 60 Prozent der Migranten stellen, rechnet auf Lesbos niemand damit, dass sich der Zustrom verringern wird. Denn im Gegensatz zu den Syrern haben sie von der Türkei aus keine Hoffnung auf eine legale Weiterreise nach Europa.

"Nichts wird sich ändern", befürchtet auch Gastwirt Thomas Vitos. Die Türkei habe sich mit ihren Forderungen bei den Verhandlungen durchgesetzt, sagt er bitter. Seine holzgetäfelte Taverne liegt in einer kleinen Seitenstraße am Hafen von Mytilene. Europa und Amerika nährten den Krieg in Syrien weiterhin mit Waffen, deshalb werde der Flüchtlingsstrom nicht aufhören, sagt der Familienvater. In die dunklen Ecken seines Lokals hat er Fenster mit Ausblicken auf die Buchten von Lesbos malen lassen, die für ein fröhliches Ambiente sorgen sollen.

Die Busse des Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) stehen derweil am Hafen bereit. Sie bringen die Menschen, die in Booten ankommen oder von der Küstenwache gerettet wurden, zum Hotspot außerhalb von Mytilene. In diesen Tagen transportieren die Busse jedoch nur noch wenige Flüchtlinge. Leer werden sie allerdings auch trotz des EU-Abkommens in diesen Tagen nicht sein.

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