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Ein Vater sucht seine Söhne In der IS-Hölle

Eine Frage beim Abendessen veränderte alles: Joachim Gerhards Söhne schlossen sich der IS-Miliz an. Gerhard sucht sie unter Lebensgefahr. Er will nicht glauben, was der Verfassungsschutz sagt.

Die letzte Nachricht, die der Vater vom Handy seines ältesten Sohnes empfangen hat, ist ziemlich genau ein Jahr alt. "Hallo Joachim, bei der Verteidigung ihrer Brüder und Schwestern im Glauben wurden sie am selben Tag niedergeschossen ... Möge Allah Subhanahu wa ta'ala uns mehr Brüder mit den edlen Eigenschaften von Hassan und Arif gewähren. Allahumma amin!"

Hassan und Arif, das waren mal die Brüder Philipp und Ben (Namen geändert, d. Red.) aus Kassel – bevor sie zum Islam konvertierten und nach Syrien gingen. Die SMS stammt vom 25. März 2015 und ist das bisher letzte Zeichen von Philipp. Seither hat Joachim Gerhard sein Leben der Suche nach den beiden Söhnen verschrieben, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen hatten.

Über ein Dutzend Mal ist er seit dem Verschwinden der beiden in die Region gereist. Dass seine Kinder tot sind, mag Gerhard nicht glauben. In Syrien, inmitten der Kriegshölle des 21. Jahrhunderts. Dort, so ist der Vater überzeugt, seien Philipp, Jahrgang 1992, und Ben, 1996, in Gefangenschaft geraten. Gerhard glaubt, die SMS sei "ein Fake". Wer sie schrieb, weiß niemand.

Dass auch der Verfassungsschutz vom Tod seiner Söhne ausgeht, irritiert Gerhard nicht. Der 53-Jährige beschreibt die letzte Begegnung mit den Sicherheitsbehörden: Am 9. Februar wird er zum Gespräch mit der Staatsschutzabteilung der Kasseler Polizei gebeten, weil sie den Deutschen von einer Reise nach Kobani abhalten will, der umkämpften Stadt an der syrisch-türkischen Grenze. Eine halbe Stunde belehrt man ihn über die Gefahren.

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Dann erlebt Gerhard eine dramatische Wendung: Es gebe Erkenntnisse, wonach seine beiden Söhne seit März 2015 tot seien. Ob sie dafür Beweise hätten, will Gerhard wissen. Nein, man stütze sich auf Informationen von "da unten". Der gebürtige Darmstädter fragt nach Indizien, nach Leichenfunden, nach Totenscheinen. Nein, es gebe nur mündliche Aussagen, wonach zwei Brüder aus Kassel in der Nähe von Kobani umgekommen sein sollen.

Ein verzweifelter Vater auf der Suche nach seinen Söhnen: Joachim Gerhard aus Kassel, 53, mit Bildern seiner Söhne Ben (l.) und Philipp. Diese sagten sich von ihm los und schlossen sich der Terrormiliz Islamischer Staat an. (Foto: Florian Plettenberg)

Zudem sehen sich die Verfassungsschützer durch die Tatsache bestätigt, dass Gerhards Söhne seit einem Jahr nirgends auftauchten – noch nicht mal im Internet. Die Akte über Philipp und Ben sei nun geschlossen, sagt man ihm. "Was für ein lachhaftes Gespräch. Der Verfassungsschutz will einfach nur verhindern, dass ich meine Söhne weitersuche", glaubt der Vater. "Viele Ausreißer wurden schon für tot erklärt und waren auf einmal wieder da."

Was ihn quält, ist die unergründliche Frage nach dem Warum: Warum sind seine Söhne nach Syrien gegangen? Warum haben sie das ihren Eltern angetan? Dass der Glauben der einzige Grund sein soll, kann er nicht nachvollziehen.

Eine Frage beim Abendessen, die alles veränderte

Joachim Gerhard beschreibt das Familienleben, ungewöhnlich klingt das nicht: Er und seine Frau trennen sich im Jahr 2006; bis heute sind sie nicht geschieden. Dem guten Verhältnis zu seinen Söhnen tut die Trennung keinen Abbruch. Pingelig und eitel sei Philipp gewesen, mitunter cholerisch, wenn sich etwa ein Schrank nicht wie geplant aufbauen ließ. Ben hingegen sei hin und wieder ein Stoffel; einer, den Spinnen in der Wohnung in Angst und Schrecken versetzen könnten.

Beide, so Gerhard, einte einst nicht nur der Hang zur teuren und neuesten Mode. Beide liebten und spielten Fußball und Basketball. Ben übte sich in Karate. Mit väterlichem Stolz spricht Gerhard von der Neugierde, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Eigenständigkeit seiner Söhne. Auch künstlerisches Talent hätten die beiden gehabt: Philipp, der Schauspieler, Ben, der Fotograf.

Tatsächlich zieht es Philipp 2012 auf eine Schauspielschule nach Berlin, da ist er 19 Jahre alt. Ende 2013 kehrt er zurück zum Vater. In der Heimat trifft Philipp seinen besten Freund wieder: einen Eritreer, der für Philipps erste Besuche in einer Kasseler Moschee verantwortlich sein soll.

An einem Grillabend Anfang 2014 stellt Philipp seinem Vater die Frage, die das Leben der Familie verändert: "Papa, was hältst du vom Islam?" Er wisse doch, dass er mit Religion wenig zu tun habe und sich nicht dafür interessiere, entgegnet Gerhard, doch nach dem, was man so lese und höre, sei der Islam ja etwas Gesundes, Freundliches.

Heute findet Gerhard, er hätte "doch mal auf den Tisch hauen und sagen müssen: Ihr habt sie wohl nicht mehr alle. Ihr seid Deutsche, evangelisch und keine Muslime." Im Frühjahr 2014 sagt Philipp seinem Vater, dass er nach islamischem Glauben leben möchte.

Mit Joachim Gerhards Auto starteten seine Söhne die Reise nach Syrien. (Foto: Florian Plettenberg)

Philipps jüngerer Bruder Ben macht den Realschulabschluss und folgt mit nur 16 Jahren seinem Bruder nach Berlin. Dort besucht er eine Fotoschule, die er vorzeitig abbricht.

Mitte 2014 zieht er zurück nach Kassel. Ben ahmt Philipp erneut nach und konvertiert ebenfalls zum Islam. Philipp sei stets das Idol seines Bruders gewesen, obwohl dieser älter und kräftiger wirke, sagt Gerhard. Im Immobilienbüro des Vaters beginnen die beiden eine Ausbildung zum Bürokaufmann.

Schweinefleisch, Musik, Kleidung mit Logos, Zigaretten und Alkohol sind im Leben der Söhne fortan tabu. Fünfmal am Tag beten sie, ziehen im Büro ihres Vaters die Gebetsgewänder an, ehe sie zur Moschee gehen. "Ich hätte es merken und durchgreifen müssen", sagt Gerhard. "Aber sie versprühten in dieser Zeit so eine innerliche Ruhe und Zufriedenheit."

Die Söhne nehmen ihren Vater sogar mehrmals mit in die Moschee, um ihn zu bekehren. "Dort waren diese ganzen jungen Menschen, viele Deutsche." So freundet sich Gerhard zumindest mit dem Gedanken an, dass der Islam gut für seine Söhne sei. "Heute würde ich sie sofort da rausholen."

Der Ältere heiratete ohne Wissen der Eltern eine Muslimin

Im Oktober 2014 kommt der Tag, an dem Gerhard seine beiden Söhne zum letzten Mal sieht – aber das wird er erst später wissen. Sie wollen nach Wien zu einem von Philipps Freunden, so erzählen sie es dem Vater.

Frisch rasiert, ein bisschen hektisch, gut gekleidet, eine Tasse Kaffee in der Hand. Philipp ist 22 Jahre alt, Ben 18. Es scheint alles so, als wollten beide in den Urlaub fahren – der Vater gibt ihnen sogar seinen Wagen.

Dass etwas nicht stimmt, wird Gerhard am nächsten Tag klar. Seine Ex-Frau ruft an, unter Tränen. "Die Kinder sind weg. Sie wollen nach Syrien." Gerhard erreicht Philipp auf dem Handy. Sie seien in Wien und würden alles aufklären, wenn sie am Dienstag wieder zurück seien, versucht ihn der Sohn zu beruhigen. Doch da ist er mit seinem Bruder schon in Syrien.

Das Auto haben sie in einem Parkhaus abgestellt, wie Gerhard Wochen später erfährt. Allerdings im türkischen Gaziantep an der Grenze zu Syrien, von wo aus sie in das Gebiet des Islamischen Staates gelangen. Mit dabei ist eine Frau, die Philipp kurz zuvor ohne das Wissen seiner Eltern nach islamischem Glauben geheiratet hatte.

Die Söhne lassen ihren Eltern schließlich Abschiedsbriefe zukommen. Er müsse Deutschland verlassen, so rechtfertigt sich Philipp darin, denn dort würde man ihn wegen seines Glaubens unterdrücken. Es tue ihm leid, sie seien jedoch die besten Eltern. Den Vater bezeichnet er als "besten Papa".

Für die Eltern vergehen eineinhalb Monate voller Sorge um die Söhne. Mitte Dezember 2014 meldet sich Philipp. Es tue ihnen leid, dass sie bei ihrer Abreise hätten lügen müssen, sagt er auch im Namen seines Bruders. Beide würden aber nicht mehr zurückkommen. Sie wollten in Syrien nach ihrem Glauben leben und dort eine Familie gründen.

Nach diesem Gespräch bleiben Vater und Söhne in Kontakt. Wo sie sind, sagen die Brüder jedoch nie. Dafür schicken sie Bilder. Auf einem steht Philipp mit schwarzer Kopfbedeckung vor der Kulisse eines Sees. Den linken Zeigefinger streckt er gen Himmel, das Zeichen der IS-Fanatiker. Um den Oberkörper trägt er ein Gewehr. Auch von Ben gibt es ein ähnliches Bild.

Im Februar 2015 fliegt Gerhard mit zwei Freunden zum ersten Mal nach Gaziantep. Sogar auf der syrischen Seite im umkämpften Kobani seien sie für eine Stunde gewesen, erinnert sich der Vater. Bei der Reise hätten ihm zwei einheimische Schmuggler geholfen. "Blauäugig" sei das gewesen, gesteht Gerhard ein; Todesangst habe er verspürt, aber "ich wollte doch nur meine Kinder finden".

Seine Söhne wissen von der geplanten Einreise ihres Vaters und bieten ihm an, sie für zehn Tage zu besuchen. Ihm werde nichts passieren. IS-Leute sollen den beiden zugesagt haben, dass ihr Vater offiziell ein- und ausreisen könne.

Als Joachim Gerhard in Gaziantep angekommen war, habe Philipp angerufen und ihn gefragt, ob er bereits in der Türkei sei. Ja, antwortete Gerhard, er habe mit seinen Begleitern gerade das Auto geholt. "Papa, du kannst uns nicht besuchen. Die haben die Grenze zugemacht, und wir wissen nicht, warum. Bitte komm nicht, es ist zu gefährlich" – "Bist du gefangen?" – "Nein, aber wir dürfen nicht an die Grenze kommen." Ohne seine Söhne muss er wieder abreisen.

Söhne sagen sich mit IS-Propaganda vom Vater los

Zurück in Deutschland beginnt Gerhard damit, sich über den Islamischen Staat und das Gebiet der Terroristen zu informieren. Dabei stößt er auf den ebenso umstrittenen wie bekannten IS-Experten Jürgen Todenhöfer, der das gefährliche Gebiet einst nur bereisen konnte, weil er ein offizielles Schreiben des IS-Anführers mit der Zusage besessen habe, dass ihn niemand umbringen werde.

Todenhöfer rät Gerhard von weiteren Reisen nach Syrien ab. Als Geisel sei er Millionen wert, seine Einreise sei lebensgefährlich, erinnert er sich an ein Gespräch mit Todenhöfer.

Aber Gerhard lässt sich nicht stoppen. Bei weiteren Reisen baut er sich ein dubioses Netzwerk mit Mittelsmännern und Informanten auf: Türken, Kurden, Syrer, gar IS-Leute zählten zu seinem Helferkreis, sagt er. Auch in Kassel heuert er "so was wie Privatdetektive" an und gibt seine Erkenntnisse an den Verfassungsschutz weiter. Er habe sogar mutmaßliche Schleuser und IS-Sympathisanten aus Kassel ermittelt. "Immer in der Hoffnung, dass ich meine Kinder finde."

Vorbereitung auf den Dschihad: Packliste der Gerhard-Söhne. (Foto: Florian Plettenberg)

Am 6. März 2015 um 4.18 Uhr leuchtet sein Handy auf. Gerhard hofft auf ein Lebenszeichen seiner Söhne und öffnet ein Video, das ihm Philipp per WhatsApp geschickt hat. Das Intro des etwa vierminütigen Videos besteht aus deutschem Sprechgesang, die IS-Flagge weht vor schwarzem Hintergrund.

Dann erscheinen seine Söhne, sitzend an einem Berghang, beide mit einem Gewehr am Körper, Ben mit einem Munitionsgürtel und beide mit Ansätzen eines IS-typischen Vollbartes. Ben spricht: "Du denkst, du bist ein Held, aber du bist das Gegenteil. Das Video ist für mich und für ihn (Ben zeigt auf Philipp) eine Lossagung von dir ... Weil du gegen den Islam und gegen uns arbeitest, weil wir Muslime sind."

Und weiter: "Wir bezeugen, dass es nur einen anbetungswürdigen Gott gibt, und zwischen uns wird so lange Feindschaft herrschen, bis du das auch bezeugst ... Jeder Bruder hier im Islamischen Staat, jeder Muslim ist mir lieber als du selbst, obwohl du mein eigener Vater bist. Warum? Weil du gegen den Islamischen Staat arbeitest." Danach bricht der Kontakt zu seinen Söhnen ab.

Joachim Gerhard will nicht glauben, was er hört. Die Wunschvorstellung, dass seine Söhne einer "Gehirnwäsche unterzogen wurden und leben", übersteigt bei Gerhard jeden rationalen Gedanken: "Das sind doch keine Radikalen."

Noch immer geht er davon aus, dass seine Söhne so sind, wie er sie vor ihrer Abreise erlebt hatte. "Wenn sie aber da unten kämpfen oder was anderes anstellen müssen, dann sind es zwar nicht mehr meine Kinder, aber ich würde trotzdem versuchen, sie da rauszuholen", sagt Gerhard.

Er versucht, mit simplen Erklärungen irgendeinen Sinn in den Handlungen seiner Söhne zu finden: "Man muss sich das vorstellen wie Zehnjährige, die Cowboy und Indianer spielen. Die rennen und tanzen da am Lagerfeuer herum. Für mich sind das auch keine Waffen, für mich sind das Luftdruckpistolen."

Gerhards Appell an andere betroffene Eltern

Vor zwei Monaten ist Gerhard das letzte Mal in die Türkei geflogen. Auch Todenhöfer bestärke ihn darin, dass seine Kinder leben könnten, sagt der Vater.

Aufgeben will Gerhard die Suche nach seinen Söhnen nicht: "Ich werde auch weiterhin mit eigener Kraft und eigenem Geld einreisen. Wenn ich in Gefangenschaft komme, ist das mein Problem." Inzwischen gebe es auch etwas Handfestes, sagt Gerhard; daran knüpft er seine Hoffnung. Seit einiger Zeit arbeite er mit einer Journalistin zusammen, die ein Schreiben mit IS-Stempel gesehen habe. In diesem stehe, dass 17 Europäer in Kobani in Gefangenschaft seien, sagt er. Auf dieser Liste befänden sich auch die islamischen Namen von Philipp und Ben. Die Quelle sei ein Syrer, der in einer Verwaltung für den IS arbeite.

An ein Gespräch von früher erinnert Gerhard sich noch genau. An einem Sonntag hätten er und Philipp über den Islam gestritten. Unter Tränen habe Gerhard seinem Sohn gesagt: "Wenn ihr euch umbringen wollt, dann lasst euch umbringen, aber wenn, dann sagt uns vorher Bescheid. Ihr wisst gar nicht, wie weh ihr uns allen tut."

An Eltern mit einem ähnlichen Schicksal appelliert Gerhard, mutig an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wenn der Verfassungsschutz schon meine Söhne ausreisen lässt, dann sollen sie es zumindest bei anderen verhindern."

Gerhard fordert mehr Macht für die Sicherheitskräfte, "um auch mal jemanden festzunehmen". Es könne nicht sein, dass man die Menschen sinnlos beobachten und ausreisen lasse, "um dann Angst zu haben, dass sie zurückkämen, um uns zu bebomben".

Angst, dass seine Söhne eines Tages radikalisiert und mit bösen Absichten nach Deutschland zurückkehren könnten, habe er nicht. "Das wird hundertprozentig nicht passieren", glaubt Gerhard trotz allem. Inneren Frieden schließen kann er nicht. Es sei denn, er hätte den Beweis, dass seine Kinder tot sind, "aber den gibt es nicht".

Demnächst wird Joachim Gerhard wieder im Flieger sitzen. Sein Ziel: Kobani.

 

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