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Terror in Brüssel "Einer trug Perücke - das waren nette Jungs"

Während die ganze Welt über die Problemviertel der belgischen Hauptstadt diskutiert, sind deren Bewohner mit Verdrängung beschäftigt. Oder sie wundern sich über ihre Nachbarn, die Terroristen.

Dem kleinen Mann platzt der Kragen. Auf Spanisch schreit er Journalisten aus Madrid an, die das Haus in der Rue Max Roos 4 in Brüssel betreten wollen. "Es gibt hier nichts zu sehen! Gehen Sie! Ich rufe die Polizei, da können Sie ganz sicher sein!" Zur Verstärkung hat er sich zwei Nachbarn organisiert, sie stehen etwas unschlüssig hinter ihm.

"Guter Mann, wo kommen Sie denn her? Beruhigen Sie sich", fordert ihn ein Journalist auf. Das macht ihn nur noch wütender. "Ich komme aus Portugal, und wie ich heiße, geht Sie einen Dreck an. Nennen Sie mich doch Zorro!" Es amüsiert ihn so sehr, dass er lachen muss.

Das Neueste zu den Brüssel-Anschlägen im Liveticker

Später stellt sich heraus, dass der Mann Alejandro Rodriguez heißt. Er ist Eigentümer jenes Hauses in Schaerbeek, in dem die Brüsseler Terroristen ihre Bomben gebaut haben, mit denen sie sich später im Flughafen Brüssel-Zaventem und der Metrostation Maelbeek in die Luft sprengten. Rodriguez sagt, er habe davon nicht gewusst. "Einer trug Perücke", erinnert er sich. "Das hat mich gewundert, aber was geht mich das an? Wissen Sie, das waren nette Jungs. Ich schäme mich, dass ich nicht gemerkt habe, was hier passiert."

Ähnlich wie Molenbeek hat auch Schaerbeek mit seinen 130.000 Einwohnern einen hohen Ausländeranteil. 30 Prozent der Bevölkerung wurden nicht in Belgien geboren, die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 25 Prozent. Aufgrund seiner multikulturellen Zusammensetzung garantiert Schaerbeek Anonymität. Ein gebürtiger Marokkaner aus dem Viertel, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, wundert sich darüber nicht.

"Egal ob in Schaerbeek oder Molenbeek – die Leute ignorieren ihre Mitmenschen." Es gebe ein tiefes Bedürfnis nach Abschottung in solchen Vierteln. Aus Misstrauen gegenüber Politik, Polizei oder den Behörden. Die Stigmatisierung von Fremden in Belgien habe dazu geführt, dass sich ganze Communitys vom gesellschaftlichen Miteinander verabschiedet hätten. "Deswegen sind Molenbeek und Schaerbeek ideale Rückzugsorte", sagt der Mann.

Rue Max Roos 4. Hier wurden die Bomben gebaut, die 31 Menschen in den Tod rissen. (Foto: P. Kuhn)

Neue Schüsse und Explosionen

Hinzu kommt offenkundiges Versagen der belgischen Behörden bei der Aufklärung in solchen Problemvierteln. Laut Informationen der Zeitung "La dernière heure" hatte ein Polizist aus der Kleinstadt Mechelen die Adresse des Molenbeeker Verstecks von Saleh Abdeslam schon am 7. Dezember an die Anti-Terror-Brigade in Brüssel weitergeleitet – also weniger als einen Monat nach den Pariser Anschlägen, an denen Abdeslam beteiligt war. Dem Beamten lagen demnach Informationen über einen Mann vor, der im Haus Abdeslams wohnte und mit diesem wiederholt im Auto gesehen wurde. Der brisante Bericht des Polizisten blieb drei Monate lang unbeachtet. Nun wurde eine interne Untersuchung eingeleitet.

Schon am Donnerstag boten Innenminister Jan Jambon und Justizminister Koen Geens ihren Rücktritt an, nachdem die Türkei die Auslieferung eines der späteren Attentäter publik gemacht hatte, der ungehindert nach Belgien zurückreisen konnte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, einer der Tatbeteiligten sei im Juni vergangenen Jahres im südtürkischen Gaziantep aufgegriffen worden und über die Niederlande nach Belgien abgeschoben worden. Es handele sich um Ibrahim El Bakraoui. Um jenen Mann also, der sich am Dienstag im Flughafen Brüssel in die Luft sprengte.

Geens räumte ein, dass die Umstände der Abschiebung noch nicht vollständig geklärt seien. Er werde sich zusammen mit dem Innen- und dem Außenminister im belgischen Parlament erklären. Innenminister Jan Jambon hatte am Donnerstag "Fehler" eingeräumt und zusammen mit Geens seinen Rücktritt angeboten. Dies wurde aber von Premier Charles Michel abgelehnt.

Und immer wieder Anti-Terror-Einsätze

Dass die Terrorgefahr in Brüssel auch am Freitag anhielt, davon zeugten Polizeieinsätze in Stadtteilen Forest, Schaerbeek und Saint-Gilles, von denen die belgische Staatsanwaltschaft berichtete.

In Forest und Schaerbeek seien zwei Männer mit Namen "Tawfik A." und "Salah A." festgenommen worden, hieß es in der Mitteilung. Der Name des dritten Festgenommenen wurde nicht genannt. Die französische Polizei hatte am Donnerstag den 34-jährigen Reda Kriket festgenommen, der Verbindungen zu dem mutmaßlichen Drahtzieher der Pariser Anschläge vom November, Abdelhamid Abaaoud, gehabt haben soll. Nach Angaben von Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve wurde durch die Festnahme ein "im fortgeschrittenen Stadium geplantes Attentat in Frankreich vereitelt".

"Belgiens politische Klasse besteht aus Versagern"

Für Hassan Rahali sind vor allem Staat und Politik schuld am hausgemachten Terrorismus. Der 52-Jährige ist Gemeinderatsmitglied in Molenbeek, verbreitet auf YouTube regelmäßig politische Botschaften und verbringt seine Freizeit im Teehaus "Averoes" in Molenbeek. Dort möchte der gebürtige Marokkaner laut eigener Aussage Brücken bauen. Vor allem aber will er seinen Glauben, seine Gemeinschaft verteidigen. "Belgiens politische Klasse besteht aus Versagern. Bevor sich hier irgendetwas ändert, müsste man die komplett austauschen." Und er sagt das, was viele Muslime in Brüssel dieser Tage mit großer Selbstverständlichkeit äußern: "Mit dem Islam haben diese Anschläge überhaupt nichts zu tun." Dabei schaut er durchdringend. Ob man verstanden habe, was er meint?

"Das sind Kleinkriminelle, Schurken, verstehen Sie. Die Leute haben die Schnauze voll, dass sie mit Terroristen in einen Topf geworfen werden", sagt Rahali. Er kennt die Fragen der Journalisten, und er hat eine Botschaft: Die Menschen in Molenbeek sind Opfer, keine Täter. "Ich musste mich mein ganzes Leben dafür rechtfertigen, dass ich braun bin. Jeder Tag war ein Kampf. Mir reicht's." Terrorismus entstehe aus mangelnden Chancen, aus Marginalisierung und Stigmatisierung. "Die Mehrheitsgesellschaft muss uns gleichbehandeln, dann ist auch dieses Problem gelöst."

Ein Gast unterbricht Rahali mit ruhiger Stimme. "Es stimmt nicht, was du sagst. Es gibt andere Gruppen in Belgien, die noch stärker als die Marokkaner ausgegrenzt werden. Schwarze zum Beispiel. Und trotzdem sprengen die sich nicht in die Luft." Der Mann heißt Samir Bel El Caid. Er ist ein alter Freund von Rahani, ebenfalls Marokkaner. Beide sind seit Jahrzehnten befreundet und gemeinsam in Molenbeek aufgewachsen. Rahali schweigt. Sie starren einen Moment aus dem Fenster in den dunkelgrauen Brüsseler Tag. Draußen läuft ein Mann mit Kaftan, Häkelmütze und langem Bart vorbei.

Seine Tochter will gegen den Terror demonstrieren

"Brüssel ist voll von diesen Typen. Die gab es früher nicht", sagt Rahali. Er klingt jetzt anders, nachdenklich. In seiner Stimme schwingt Sorge mit. "Ich bin genauso paranoid wie Sie. Ich sehe diesen Menschen mit Bart und habe Angst. Könnte sein, dass er eine Bombe hat." Auf seinem Smartphone ploppt eine Nachricht auf. Sie kommt von seiner 14-jährigen Tochter. Rahanis Miene hellt sich auf. Am Sonntag soll es einen großen Marsch in Brüssel gegen den Terror geben. Die Tochter bittet Rahali, die Demo anzuführen und sich mit einer Rede von den Islamisten zu distanzieren. "Klar mache ich das", sagt Rahali. "Ich bin sehr stolz auf das Engagement meiner Tochter."

Am anderen Ende der Stadt sitzt Francisco Perez in einem Auto und fährt durch das Brüsseler Europaviertel. Es ist eine andere Gegend, ein anderes Leben als in Molenbeek. Es ist das Leben, das die Terroristen mit ihren Bomben vernichten wollten. Der 40-jährige Sohn spanischer Immigranten erkennt an einer Tramhaltestelle eine frühere Arbeitskollegin. "Saleim Aleikum", brüllt er aus dem Auto, sodass es alle hören. "Aleikum Salam", antwortet die Frau lachend. Sie trägt Kopftuch.

"Ich mache das immer, ich grüße Muslime gern so", sagt Perez stolz. "Ich denke, nicht nur die Fremden, sondern auch wir müssen uns anpassen." Er findet, dass nicht noch mehr Muslime zu Terroristen werden dürfen. Dass man sie in der Mitte der Gesellschaft halten muss. "Das ist die Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft."

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