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Flüchtlinge in Idomeni "Ich kenne solche Zustände nicht mal aus Darfur"

Ihre Vorgänger konnten durchreisen, ihre Nachfolger müssen zurück in die Türkei - was aber passiert mit den 12.000 Flüchtlingen in Idomeni? Die Lage im Camp der Ungewollten wird immer verzweifelter.

Seit drei Wochen sitzt Kin mit seiner Familie im Dreck. Wenn es regnet, dann wird der Dreck zu Schlamm und wenn die Sonne scheint, wieder eher zu Staub. Beides ist eine schlechte Grundlage, um ein Zelt daraufzustellen, mit der Familie darin zu schlafen und davor zu kochen. "Klar hatte ich mir Europa anders vorgestellt", sagt Kin, der eigentlich aus Qamischli im Norden Syriens kommt. "Aber was sollen wir machen? Ich kann ja nicht warten, bis wir zu Hause sterben." Er sagt das sehr freundlich, mit einem geduldigen Lächeln im Gesicht.

Das Zelt von Kin und seiner Familie steht in Idomeni, einem sehr kleinen griechischen Dorf an der mazedonischen Grenze. Seitdem die geschlossen und damit der Weg Richtung Nord- und Mitteleuropa versperrt ist, zelten hier Tausende Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern in der Hoffnung, dass sich die schweren Eisentore für sie doch wieder öffnen. Die griechischen Behörden haben knapp 12.000 Menschen gezählt, die hier auf der Flucht gestrandet sind.

Am Sonntag bricht gegen Mittagszeit Unruhe aus vor dem Zaun. Hunderte Migranten versammeln sich und fordern lautstark die Öffnung der Grenze für Flüchtlinge. "Wir haben gehört, die Grenze geht heute auf", sagt einer der Flüchtlinge, der aus Syrien stammt. Viele Menschen halten weiße Tücher in der Hand, um zu symbolisieren, dass sie friedlich unterwegs sind.

Unter den Gestrandeten in Idomeni wächst die Verzweiflung, sie fordern das Recht zur Weiterreise. (Foto: Dominik Butzmann)

Bereits am Vortag hatten Unbekannte Gerüchte unter den Menschen in Idomeni verbreitet, Deutschland werde Tausende Schutzsuchende aus dem Elendslager aufnehmen. Die Polizei informierte mit Lautsprechern auf Arabisch und Farsi, dass die Gerüchte nicht stimmten und die Grenze nicht geöffnet werde. Aber die Menschen hier sind verzweifelt, sie wollen glauben, was sie da gehört haben. Ob die Gerüchte auf Äußerungen des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) zurückgehen, der am Wochenende erklärt hat, sein Land könne bis zu 2000 Flüchtlinge aus Idomeni aufnehmen, ist unklar.

Geboren in der Wohnung eines Schmugglers

"Kin ist ein englischer Name," sagt Amal, seine Ehefrau. "Das passt doch zu Europa!" Auf einer Decke vor ihr liegt Schattal, ihre gemeinsame Tochter, und gluckst vor sich hin. Sie ist auf der Flucht geboren, vor vier Wochen vielleicht, so genau wissen sie das nicht mehr. In der Wohnung eines Schmugglers war das, irgendwo in der Türkei. Ob es wohl Probleme geben werde mit ihren Papieren? Kin und Amal haben Fragen, auf die hier keiner Antworten weiß. Und es scheint, als seien fehlende Ausweisdokumente das geringste Problem der Menschen.

Im Camp von Idomeni sitzen diejenigen Flüchtlinge fest, die noch vor dem Deal zwischen Brüssel und Ankara über die Ägäis nach Griechenland gekommen sind. Das Abkommen sieht vor, dass alle syrischen Flüchtlinge, die die Überfahrt wagen, in Internierungslager gesteckt und von dort zurück in die Türkei geschickt werden. Für jeden abgeschobenen Flüchtling wird die EU einen Platz in einem Kontingent für legale Einreisen freiräumen. Eine Vereinbarung, die auf scharfe Kritik von Menschenrechtsorganisationen stößt.

In Idomeni ist alles improvisiert, auch das Essen. Aber immerhin gibt es etwas. (Foto: Dominik Butzmann)

Im System nicht vorgesehen

Unter anderem wegen der Lage in Idomeni. Hier warten Flüchtlinge, die noch vor Inkrafttreten des Deals nach Griechenland gekommen sind. Sie sind durch das System gefallen, wie Kin und seine Familie. Die Menschen im Camp ahnen das.

Viel war in den vergangenen Tagen von Protesten zu lesen, von besetzten Gleisen und von Hungerstreiks. Zwei Flüchtlinge haben sich selbst angezündet, um ein Zeichen ihrer Verzweiflung zu setzen. "Hier versinkt Europa im Schlamm", sagt Frank Franke, der Gründer von "Luftfahrt ohne Grenzen", und schaut besorgt auf die einzige Straße, die durch das Lager führt. Sie endet an den Bahngleisen, wo Hunderte Menschen sich zum Protest niedergelassen haben, ein Sitzstreik, überwacht von bewaffneten Polizisten. Über der Demonstration fliegt ein Hubschrauber, ein griechischer Landwirt versucht, auf seinem Traktor zu seinem Acker zu gelangen. Doch durch die Menschenmassen ist an ein Durchkommen nicht zu denken.

Mit seiner Hilfsorganisation und in Kooperation mit Human Help Network e.V. hat Franke gerade drei Lastwagen voller Hilfsgüter nach Idomeni gebracht, 100 Tonnen, zusammengestellt binnen zwei Tagen: Babynahrung, Windeln, Decken. "Die Menschen haben hier sonst nichts", sagt er. "Wir wollen ihnen zeigen: Ihr seid nicht vergessen." Er will wiederkommen, so schnell es geht. "Idomeni ist kein Platz für politische Spiele, sondern ein Ort, der dringend Hilfe braucht."

Trinkbares Wasser ist ein kostbares Gut in Idomeni, wo zuletzt rund 12.000 Flüchtlinge ausharrten. (Foto: Dominik Butzmann)

Zum Beispiel Trinkwasser. Am Tag, als Franke mit seinen Lastwagen im Camp einfährt, klingelt sein Telefon. In einem neuen Lager, nur wenige Kilometer entfernt, werden die Flaschen dringend gebraucht. Franke mietet sofort einen Transporter und liefert die Flaschen persönlich aus. "Eine Punktlandung", freut er sich.

Nicht nur Franke wundert sich, dass es so weit kommen konnte. "Ich kenne solche Zustände nicht mal aus Darfur", sagt eine Mitarbeiterin einer internationalen Hilfsorganisationen hinter vorgehaltener Hand. "Da sind 2,7 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Es gibt Flüchtlingslager, da wohnen 160.000 Menschen unter besseren Bedingungen als hier." Offensichtlich fehle es am politischen Willen, anders könne sie sich die Lage in Idomeni nicht erklären. "Ich verstehe einfach nicht, warum man das UN-Flüchtlingshilfswerk keine Lager managen lässt. Europa muss endlich aufwachen", sagt sie. Viele Hilfsorganisationen haben sich deswegen aus Protest zurückgezogen.

Der griechische Staat versucht, das Elendslager mit vorsichtigem Druck aufzulösen. Im Landesinneren stehen organisierte Lager bereit – die Menschen aus Idomeni müssen nur einen Bus besteigen. Athen setzt dabei auf Freiwilligkeit, "Gewalt wird nicht angewendet", heißt es wiederholt aus Kreisen des Flüchtlingskrisenstabes in der Hauptstadt. Die griechischen Behörden haben angekündigt, dass die Bemühungen zur Räumung des Lagers ab Montag verstärkt werden sollen. 30.000 neue Plätze sollen binnen 20 Tagen in Aufnahmezentren andernorts geschaffen werden. Jetzt müssen nur noch die Flüchtlinge mitmachen.

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