Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Wagenburg in Berlin-Neukölln Der Flüchtlingsstreit um den "Schwarzen Kanal"

Die Wagenburgler aus Neukölln wollen Diskriminierten eine Zuflucht bieten. Gegen Pläne der Stadt, das Gelände mit Flüchtlingen zu teilen, sperren sie sich aber. Zu Besuch am "Schwarzen Kanal".

Auch Linksradikale bestehen auf Grenzen und beschützen sie. Das Gelände der Wagenburg "Radikal Queerer Wagenplatz Kanal" im Berliner Bezirk Neukölln ist umzäunt. Besucher müssen läuten. Eine freundliche junge Frau, die sich Amina nennt, öffnet die Pforte und heißt einen willkommen.

Eine Woche hat es gedauert, bis sich die Bewohner entschieden haben, ein Interview zu geben. Danach vergehen abermals einige Tage, ehe der Termin feststeht. "Das ist kein Zoo, hier leben Menschen", sagt Amina.

Exakt 20 Leute sind es – auf 8000 Quadratmetern. Zwischen Bäumen stehen Wohn- und Gemeinschaftswagen wie die Küche, eine Bühne sowie Räume für Musiker, Kino, Fahrradwerkstatt und Info-Veranstaltungen etwa zum Thema Integration oder Alltagsrassismus. Dafür zahlen sie Amina zufolge "monatlich 800 bis 1000 Euro plus Nebenkosten" an das Land Berlin, dem das Gelände gehört.

Nun steht das Areal "Kiefholzstraße 74" auf der Liste des Senats zusammen mit knapp 70 weiteren Flächen, auf denen Unterkünfte für Flüchtlinge entstehen sollen. Die 20 "Kanal"-Bewohner sollen 500 Asylbewerbern weichen oder zumindest enger zusammenrücken, sodass alle dort Platz haben. Aber sie wollen weder das eine noch das andere. Sie rebellieren gegen die Flüchtlingsunterkunft mit dem Ziel, den Platz so zu erhalten, wie er ist.

Die Wagenburgler fürchten staatliche Kontrolle

Auf der Website der Wagenburg heißt es in typischer Sprache der linken Szene, das Gelände sei "keine Freifläche", sondern werde von "queeren, mehrheitlich geflüchteten Menschen, Migrant_innen, Schwarzen Menschen, PoC (People of Coulor – die Red.) und Rrom_nja (Sinti und Roma – die Red.) mit unterschiedlichen politischen und sozialen Hintergründen genutzt". Antrieb des Projekts sei "die politische Idee, eine Schnittstelle und einen Gestaltungsraum für verschiedene, von Rassismus betroffene und mehrfach diskriminierte Personengruppen zu schaffen und zu erhalten".

Sarah, Aminas Mitstreiterin, betont mehrfach, dass die 20 Leute nur "die Living Group" auf dem Gelände darstellten. Die Wagenburg sei "ein wichtiger kultureller und politischer Ort", der von zahlreichen integrationsfördernden Organisationen unterstützt und genutzt werde. Aber warum wollen sie nicht mit 500 Flüchtlingen zusammenleben?

Die Wagenburgler organisieren sich selbst und wollen, dass das so bleibt. Sie haben eine Gemeinschaftsküche, eine Bühne sowie Räume für Konzerte und Kino. (Foto: Thomas Schmoll)

"Das ist nicht die Frage", sagt Sarah, die wie Amina "aus Sicherheitsgründen" weder ihren richtigen Namen noch ihr Alter oder ihre Herkunft verraten will. "Nahost", sagt sie lediglich. Amina, die schwarz ist, gibt "Deutschland" als Geburtsort an. Entscheidend sei, dass "der selbst organisierte Charakter des Platzes verloren gehen würde."

Mit anderen Worten: Die Wagenburgler fürchten staatliche Kontrolle, wenn sie das Areal mit 500 Flüchtlingen teilen müssten. Dass der Staat ihnen das Projekt dank günstiger Miete und großer Geduld überhaupt erst ermöglicht, ignorieren sie scheinbar. Es ist nicht der einzige Widerspruch, mit dem die Leute vom "Kanal" leben.

"Wir sind links, aber keine linken Extremisten und lehnen Gewalt ab", sagt Sarah. Hinter ihr hängt ein Plakat zu einem Demo-Aufruf, auf dem ein Vermummter einen Blumenstrauß wirft, aus dem – stilisiert – schwarzer Rauch aufsteigt. Gemeint ist ein Molotowcocktail. Sie bittet mehrfach darum, ausreden zu dürfen, fällt aber Amina selbst permanent ins Wort.

Verweis auf leer stehende Gebäude in Berlin

Das Gelände ist eigentlich als Industriegebiet ausgewiesen. Der Vermieter spricht von "Duldung". Der Vertrag lief Ende 2013 aus. Das Anschlussabkommen wollen die Bewohner nicht unterzeichnen – bis heute nicht. Als Grund nennen sie eine "rassistische Klausel", die ihnen die Aufnahme von Flüchtlingen verbiete. "Wir werden nicht Leute rassifizieren." Und von Duldung könne nicht die Rede sein, wie ihr rechtlicher Beistand erklärt habe. "Bis jetzt bezahlen wir regelmäßig und brav die Miete", meint Sarah.

Fragt man die zwei Frauen nach Alternativen für die 500 Flüchtlinge, verweisen sie auf den tatsächlich hohen Leerstand in Berlin. Es gibt Gebäude in der Stadt, die mitunter jahrelang ungenutzt und teilweise Spekulationsobjekte sind. Ein Blick auf Leerstandsmelder.de genüge, das ganze Ausmaß zu zeigen, sagt Amina. Doch auf die Wohnungen werde nicht zurückgegriffen, "weil Flüchtlinge keinen Profit bringen".

So gut wie alle Gebäude bei Leerstandsmelder.de sind in privater Hand. Also enteignen? "Wir haben eine ganz andere Vorstellung vom Leben", erklärt Sarah. Wozu auch "Selbstverwaltung" gehöre. Und tatsächlich schlagen sie vor, die Wohnungen "in Selbstverwaltung" zu verteilen. "Wir lehnen die staatlich organisierte Massenverwaltung ab und setzen uns dafür ein, uns gemeinsam selbst verwaltete Räume schaffen zu können." Wie soll das funktionieren, ohne dass Flüchtlinge Deutsch sprechen? "Die können Englisch", antwortet Sarah. "Menschen in Lager zu stecken nimmt ihnen die Würde. Wir wollen keine Gettos."

"Den Begriff Lager finde ich unerhört"

Die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey hat Verständnis für die Position der Wagenburgler, kann aber derlei Gerede nicht mehr hören. "Den Begriff Lager zu verwenden, finde ich unerhört, wenn man sich vor Augen führt, wie Flüchtlingslager in anderen Teilen der Welt aussehen oder wenn man gar die deutsche Geschichte betrachtet. Es sollen in der Kiefholzstraße kein Lager und kein Getto entstehen, sondern Wohnhäuser."

Allerdings hätten die Leute vom "Kanal" ein Recht darauf zu wissen, wie es für sie weitergehe. "Wir können nicht einfach sagen, dass es uns nicht interessiert, was aus ihnen wird."

Die 20 Bewohner beklagen, nicht vorab informiert worden zu sein, sondern aus den Medien erfahren zu haben, dass ein Flüchtlingsheim auf ihrem Gelände gebaut werden soll. "Keine Kommunikation, keine Transparenz", meint Sarah. Das Sich-übergangen-Fühlen kennt man auch aus Heidenau und Clausnitz.

Es gibt Wohn- und Gemeinschaftswagen. (Foto: Thomas Schmoll)

Gerrit Kringel, der Vorsitzende der CDU-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln, hält die Argumentation für verlogen. "Flüchtlinge willkommen heißen und ihnen den roten Teppich auskehren, aber protestieren, wenn es vor der eigenen Haustür geschieht, ist mehr als bedenklich." Im Übrigen sei der Verein "bisher nicht ansatzweise durch soziale Tätigkeit aufgefallen". Daraus folge: "Entweder sie gehen freiwillig, oder sie werden geräumt."

Linke: Randgruppen werden gegeneinander ausgespielt

"Wir werden uns nicht an die Wagen ketten, aber für unsere Idee kämpfen", sagt Amina. Thomas Licher, der Fraktionschef der Linken, die wie die Piraten und die Grünen die Wagenburgler unterstützen, glaubt, dass die SPD-CDU-Landesregierung "die Chance" nutzen wolle, "unliebsame Bewohner zu vertreiben. Da werden zwei Gruppen, die nicht im Zentrum der Gesellschaft stehen, gegeneinander ausgespielt."

"Wenn es so wäre, würde es sowieso nicht funktionieren. Die Leute sind ja dann nicht einfach weg", sagt Giffey. Die Sozialdemokratin will jede Eskalation vermeiden: "Das Gelände einfach zu räumen geht nicht." Aufseiten des Senats sei genügend Sensibilität vorhanden. Ein Kompromiss müsse her. "Das Problem ist, dass Neukölln mit seiner dichten Besiedlung und Bebauung keine Alternativfläche zu bieten hat. Das Land sollte eine Lösung finden." Sprich: den Menschen vom "Kanal" ein anderes Areal anbieten, irgendwo in der Stadt.

Bisher bewegen sich die "Kanal"-Bewohner kein Stück

Dass Giffey sich durchsetzen kann, hat sie im Gerangel um den Zirkus "Mondeo" bewiesen, dessen Gelände ebenfalls auf der Senatsliste geplanter Flüchtlingsunterkünfte stand. Die Einrichtung, die vor allem Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien anspricht, ist in der Vergangenheit als "integrationspolitisches Leuchtturmprojekt Neuköllns" gefeiert worden. Giffey lehnte es ab, den Zirkus zu verlegen.

"Die andere Seite muss sich bewegen", sagt die Sozialdemokratin und fordert konstruktive Gegenvorschläge von der Wagenburg, die sich vor wenigen Monaten "Schwarzer Kanal" nannte. "Doppelmoral hilft hier nicht. Für eine gute Flüchtlingsunterbringung einzutreten, heißt auch, klar zu sagen, wo das geschehen soll. Alle wollen die Unterkünfte in den Tempelhofer Hangars und in den Turnhallen beenden, aber für jede Alternative finden sich immer Leute, die dagegen sind", meint die Bürgermeisterin.

Die Wagenburgler könnten doch "wenigstens einmal darüber nachdenken, wie ein Kompromiss auf einem 8000 Quadratmeter großen landeseigenen Grundstück, das von 20 Personen bewohnt wird, gelingen kann."

Doch bisher bewegen sich die "Kanal"-Bewohner kein Stück: Entweder alles oder nichts, lautet ihre Devise. Amina meint: "Die Idee unseres Projekts wäre dahin. Auf 3000 Quadratmetern würde das alles nicht mehr funktionieren. Wir wollen nicht unter uns bleiben, weil wir Bock darauf haben, sondern weil wir einen Raum brauchen ohne täglichen Rassismus und Sexismus."

Steffen Burger, der Fraktionschef der Piraten, stimmt ihr zu: "Gerade queere und transsexuelle Geflüchtete sind in Massenunterkünften oft massiven Übergriffen und Anfeindungen ausgesetzt." Als Kompromiss schlägt er den "möglichst weitgehenden" Erhalt des Wagenplatzes durch "gezielte Unterbringung queerer Geflüchteter auf dem Gelände in geringerem Umfang" vor.

Giffey: "Pauschal zu sagen, dass alle anderen Flüchtlinge eine Gefahr für queere Menschen darstellen, finde ich auch nicht richtig. Aber vielleicht lässt sich ja eine Unterkunft für besonders schutzbedürftige Personen realisieren."

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

 
Für diese Seite sind keine Kommentare vorgesehen.