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Politik Umjubelt, verfolgt, ermordet: «Trollmanns Kampf» geht weiter

Er war gefeierter Publikumsliebling, ein Star im Ring, doch das schützte ihn nicht vor Verfolgung und Deportation ins Konzentrationslager.

Dem Boxer Johann «Rukelie» Trollmann winkte 1933 eine große Karriere in den USA, aber die Nazis erkannten ihm nach wenigen Tagen den Titel im Halbschwergewicht wieder ab. Ihnen passte es nicht, dass der neue deutsche Meister ein Sinti war. Trollmann wurde im KZ Neuengamme ermordet. «Mich hat seine Geschichte total umgehauen», sagt der Theatermann Marc Prätsch, der durch Zufall vom Schicksal des Box-Champions erfuhr.

Der Regisseur überzeugte das Schauspiel Hannover von dem Stoff und schrieb gemeinsam mit Björn Bicker «Trollmanns Kampf». Die Uraufführung des Stückes im Ballhof und in der Kreuzkirche in Hannover wurde am Freitag mit Beifallsstürmen gefeiert.

«Trollmanns Kampf» verwebt geschickt die Lebensstationen des Boxers mit der Situation junger Sinti heute. Auf der Bühne stehen neben drei Profi-Schauspielern und Musikern acht Sinti im Alter zwischen 20 und 30 Jahren aus Hildesheim, die Prätsch nach langer Vertrauensarbeit für das Projekt gewinnen konnte. Die Laien spielen Stationen aus «Rukelies» Leben nach und lassen die Zuschauer in ihren Alltag hineinsehen. «Das ist meines Wissens nach das erste Mal, dass Sinti die Möglichkeit bekommen, sich in diesem Rahmen mitzuteilen», sagt Manuel Trollmann, der Großneffe des Boxers.

Als Rahmenhandlung fungiert eine Sendung des einzigen Sinti-Radios in Niedersachsen über Trollmann. Es ist eine Annäherung: Wer war dieser junge Boxer, war er umschwärmt wie heute Menowin von «Deutschland sucht den Superstar»? Locker-flockig beginnen die drei Moderatoren zu plaudern, doch die fröhliche Stimmung kippt schnell. Auf die Bühnen-Rückwand werden Schwarz-Weiß-Fotos der Eltern Trollmann und ihrer neun Kinder projiziert - drei Geschwister kamen im KZ ums Leben.

«Sie haben meinen Sohn abtransportiert», schreit Juljana Laubinger in der Rolle der Mutter verzweifelt. Nach der beklemmenden Rückblende wird die Darstellerin interviewt. Sie berichtet von ihren Kindern, ihren Träumen. «Ich will nicht, dass die Sinti immer als Hinterwäldler dastehen», sagt sie.

«Mer Zikrales» lautet der Untertitel des Stücks, das heißt «Wir zeigen es» in Romanes, der Sprache der Sinti. Es geht um Annäherung an das Lebensgefühl, die Musik. «Es ist eine Katastrophe, wie wenig wir über Sinti wissen», meint Prätsch. So deckt das Ensemble in einer witzigen Szene eine lange Tafel, man speist Zigeunerschnitzel und hört alte Schlager. Marcelino Kreitz erläutert: «Bei uns Sinti ist die Zeit stehengeblieben. Wir sind sehr altdeutsch.»

Der langjährige Dramaturg an den Münchner Kammerspielen Bicker hat den Text gemeinsam mit den Darstellern entwickelt. Die jungen Sinti geben sich selbstbewusst und kämpferisch. «Unser Land ist Deutschland seit 600 Jahren, das begreifen die Leute nicht», sagt Antonio Klages. «Niemand soll mit dem Finger auf uns zeigen.» Die Berliner Jazzsängerin Dotschi Reinhardt erklärt, bevor sie singt, warum sie gegen die Erforschung ihrer Sprache ist. «Wir Sinti haben kein eigenes Land. Romanes ist unser einziges Rückzugsgebiet.»

Das dramatische Finale spielt in der düsteren Atmosphäre der Kreuzkirche, nur wenige Gehminuten von dem Ort entfernt, wo Trollmann aufwuchs. Vor dem Altar ist ein Boxring aufgebaut. Als «Rukelie» nach der Titel-Aberkennung ein letztes Mal als Profi antrat, trug er eine blonde Perücke und hatte sein Gesicht weiß gepudert. Der als Gipsy-Boxer geschmähte Kämpfer ließ sich blutig schlagen. An diesen Akt des Protests erinnert eine gespenstische Szene: Alle Schauspieler sind jetzt «Rukelie» mit blutverschmiertem Gesicht.

«Ich hatte Tränen in den Augen», sagt Manuel Trollmann nach der Premiere. Die Geschichte seines Großonkels recherchiert er seit vielen Jahren, er will sie weltweit bekannt machen. «Natürlich war er ein Held der Familie. Aber aus Gründen der Angst wurde bei uns viel verschwiegen», erzählt der 47-Jährige. «Viele Nazis sind ja nach dem Krieg auf ihren Posten als Richter, Staatsanwälte oder Ärzte geblieben.»

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