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Wie misst man Wohlstand? Auf der Suche nach der Glücksformel

Im kleinen Königreich Bhutan zählt das BIP nicht viel. Dort misst das Ministerium für Glück den Wohlstand auf Basis des "Bruttoinlandsglücks". Könnte das Konzept auch in Deutschland funktionieren?

Wie kann man Wohlstand und Lebensqualität messen? Auf jeden Fall nicht mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Indikator. Davon war der König des Zwergstaats Bhutan überzeugt. "Das Bruttoinlandsprodukt interessiert mich nicht. Mich interessiert das Bruttoinlandsglück" sagte Jigme Singye Wangchuck 1979 in einem Interview. Wohlstand war für den Herrscher mehr als die Summe aller in einer Volkswirtschaft erzeugten Güter und Dienstleistungen. Um den Wohlstand zu erfassen, ist Bhutan das einzige Land in der Welt, das als Indikator das "Bruttonationalglück" dafür verwendet.

Wie ein Dach, ruht auch das menschliche Leben auf mehreren Säulen, sagt man in der kleinen konstitutionellen Monarchie, die eingeklemmt zwischen China und Indien liegt. Alle Säulen sollten gleich lang sein, sonst gerät das Dach in Schieflage. Und alle Lebenspfeiler müssen vermessen werden, um die Wohlfahrt eines Landes zu bestimmen: Der materielle Wohlstand, die emotionalen, spirituellen und kulturellen Bedürfnisse der Menschen. Auch die Säule Umweltschutz spielt im "Bruttonationalglück" eine gewichtige Rolle. Denn, was nützt schon Wachstum, wenn es auf Kosten der Umwelt geschieht? Die beiden rasant wachsenden Nachbarländer gelten im buddhistischen Bhutan als abschreckendes Beispiel dafür.

„Das Bruttoinlandsprodukt interessiert mich nicht. Mich interessiert das Bruttoinlandsglück“
Jigme Singye Wangchuck

Um das Glück der Bürger zu messen, gibt es in Bhutan ein eigenes Ministerium – das Ministerium für Glück. Es sitzt in der bhutanischen Hauptstadt Thimphu und ließ in den vergangenen Jahren seine Glücksbeamten mit dicken Fragebögen ausgestattet ausschwärmen, um die Bürger nach ihrem ganz persönlichen Wohlbefinden zu befragen. 7000 Fragebögen mit jeweils rund 1000 Fragen waren im Umlauf. Die Beantwortung eines Bogens nahm im Durchschnitt drei Stunden in Anspruch – ein immenses sozialwissenschaftliches Unterfangen.

Der Filmemacher Harald Friedl begleitete einen Glücksbeamten auf seinem Weg durch das Königreich. Sein Dokumentarfilm "What Happiness Is" ist ein einmaliges Zeugnis dieser besondern Form der Glücksermittlung. Am Ende der Mammutaufgabe verfügte das Ministerium für Glück über viele kleine Mosaiksteinchen, die in ihrer Gesamtheit ein sehr differenziertes Bild vom Wohlstand und Glücksempfinden der Bürger ergaben.

Die ungewöhnlichen Bemühungen der bhutanischen Regierung blieben dem Rest der Welt nicht verborgen. Googelt man Bhutan, erscheint als erster Vervollständigungsvorschlag das Wort "Glück". Reiseveranstalter preisen das kleine Königreich im Himalaya als Land des Glücks und die internationale Politik interessiert sich für das ungewöhnliche Konzept.

Lässt sich das Konzept auch auf Deutschland übertragen? Wirtschaftswissenschaftler Tobias Pfaff ist skeptisch. Die Strukturen beider Länder ließen sich nur schwer vergleichen. In Bhutan "ist die Gesellschaft gleichförmiger" sagt Pfaff. Die Erhebung und Auswertung von Daten gehe dort schneller vonstatten. Der Wissenschaftler arbeitete sechs Monate am "Center for Bhutan Studies" in Thimphu, um das "Bruttonationalglück" zu erforschen.

Enquete-Kommission prüfte neue Wohlstandsformel

Auch in Deutschland wurde die Kritik an der eindimensionalen Wohlstandsberechung auf Basis des BIP im Zuge der Wirtschaftskrise immer lauter. Das Kredo "nur mit Wachstum geht es uns gut", geriet ins Wanken. So heftig, dass sich der Bundestag im Dezember 2010 dazu entschied, eine Enquete-Kommission zu beauftragen, das Wohlstandsverständnis neu zu denken. An der Spitze der Kommission stand die junge SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe.

Kolbe spricht von der Kommission - sie bestand aus 17 Bundestagsmitgliedern jeglicher Couleur und zahlreichen Sachverständigen - wie von einem Kind. Ihr "Baby" war eine schwere Geburt und nach zwei Jahren intensiver Diskussionen ein dicker Brocken. Rund 1000 Seiten umfasst der Abschlussbericht der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität". Im April 2013, Hunderten Diskussionsstunden in Projektgruppen, war er endlich fertig.

Der Versuch, tatsächlich eine neue Wohlstandsformel in Deutschland zu etablieren, schlug fehl. Das lag zum Einen an der schwarz-gelben Koalition. Vor allem die FDP stellte sich quer, wollte nicht vom Wachstums-Denken abkehren. Philipp Rösler & Co. riefen Wachstum zum zentralen Begriff im Wahlkampf aus – genau denselben Begriff, den Kolbes Kommission hinterfragt hatte. Und die Liberalen verlangten vom damaligen Koalitionspartner ihre Forderung mitzutragen. Parteipolitik und Wahlkampf hatten gesiegt.

Zum anderen galt die "Formel", die die Enquete entwickelt hatte, als zu sperrig. Der "W³ Indikator" sollte das BIP ersetzen: "Der 'Materielle Wohlstand' und dessen Nachhaltigkeit wird im W³ Indikator durch das BIP pro Kopf, die Einkommensverteilung und die Staatsschulden abgebildet. Der Bereich 'Soziales/Teilhabe' soll durch die Indikatoren Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und Freiheit gemessen werden und der Bereich Ökologie durch die Variablen Treibhausgase, Stickstoff und Artenvielfalt."

Zusätzlich zu den Variablen des W³-Indikators sollten "Warnlampen" als zusätzliche Indikatoren fungieren. "Diese Indikatoren stehen fu?r zusa?tzliche wichtige Informationen in den jeweiligen Wohlstandsbereichen. Sie erga?nzen die Leitindikatoren und werden nur dann sichtbar und analysiert, wenn sie sich negativ entwickeln beziehungsweise gewisse Grenzwerte u?berschreiten", heißt es in dem Bericht. Alles in allem eine komplizierte Konstruktion, die weitaus weniger leicht zu vermitteln ist, als das BIP.

Neue Koalition, neue Chance?

Jetzt, bald ein Jahr nach Verabschiedung des Abschlussberichts, stehen die Chancen wieder besser. Die FDP mischt in der Bundespolitik nicht mehr mit. Im Koalitionsvertrag finden sich sogar einige der Enquete-Vorschläge wieder. Die schwarz-rote Koalition verspricht, ein "Indikatoren- und Berichtssystem zur Lebensqualita?t in Deutschland zu entwickeln". Es soll auch immaterielle Werte umfassen. Die Arbeit in den Fraktionen geht also weiter.

Daniela Kolbe ist zuversichtlich, dass am Ende doch noch etwas Zählbares herauskommt. Zumal sie aus eigener Erfahrung weiß, dass das Thema die Menschen in Deutschland beschäftigt. Die Menschen wollen weg von "schneller, höher, weiter", sagte die SPD-Politikerin im Gespräch mit N24. "Egal mit wem ich gesprochen habe, sei es mit Menschen aus dem Kirchenumfeld oder Managern – überall war das Thema präsent."

Ob die Vermessung des Glücks die Menschen am Ende glücklicher macht, konnte übrigens auch Tobias Pfaff nach sechs Monaten in Bhutan nicht sagen. Die Auswertung des Ministerium für Glück ergab allerdings, dass 41 Prozent der Menschen im Königreich zwischen China und Indien glücklich sind. 

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