Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Neue Studie Warum die Deutschen kaum "bio" kaufen

Beim Konsum von Bioprodukten klafft zwischen Anspruch und tatsächlichem Kaufverhalten eine große Lücke. Viele finden "bio" gut, aber wenige kaufen es. Eine Studie des IW-Instituts enthüllt warum.

Die Deutschen sind ein Volk von Umweltfreunden. Theoretisch. Drei von vier sagen in Umfragen – wie zuletzt im Oktober in einer Befragung im Auftrag der Europäischen Kommission – dass sie zum Schutz der Natur umweltfreundlich und regional hergestellte Waren kaufen. Genau 74 Prozent bestätigen das, weit mehr als im EU-Durchschnitt. Auf den Weihnachtsmärkten wird Bio-Glühwein offeriert und bei McDonald's Bio-Burger.

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) ermittelte gerade einen Marktanteil von 3,7 Prozent für Bio-Produkte am Gesamtmarkt. Ähnlich sieht es in anderen Bereichen aus. Fast alle Bundesbürger sind für fairen Handel, aber der Marktanteil des erfolgreichsten Fairtrade-Produkts Kaffee liegt bei gerade einmal drei Prozent. Also alles nur Lippenbekenntnisse?

So einfach ist es nicht, wie eine Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, deren Ergebnisse der "Welt" exklusiv vorliegen. Für die Lücke, die zwischen dem selbst gesetzten ethischen Anspruch und dem tatsächlichen Kaufverhalten klafft, macht Autorin Teresa Eyerund mehrere Ursachen aus. Die auffälligste: Die Menschen glauben den Herstellern nicht, dass ihre Produkte die Umwelt-Versprechen halten.

Misstrauen der Bevölkerung

Fast 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland geben laut IW in Umfragen an, den Angaben der Unternehmen in Sachen Umweltverträglichkeit "eher nicht" oder "gar nicht" zu trauen. Nur 43 Prozent gehen davon aus, dass Produkte, die als besonders umweltfreundlich angepriesen werden, auch wirklich einen positiveren Einfluss auf die Natur und Umwelt habe als konventionell erzeugte Ware.

Die Deutschen seien damit "die europaweit skeptischste Nation", so das arbeitgebernahe Institut. "Wenn aber das Vertrauen in die tatsächliche Umweltfreundlichkeit der ausgewiesenen Produkte fehlt, weigern sich viele, höhere Preise zu zahlen", sagte Eyerund.

Der Befund stimmt mit anderen Erhebungen überein. Nach dem "Global Trust Report" der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat das Vertrauen der Deutschen in die soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftssystem trotz Aufschwung immer noch nicht das Vorkrisenniveau erreicht. Am Ende der Liste stehen mit weniger als 50 Prozent Zustimmung unter anderem die Lebensmittelhersteller. "Die tendenziell eher negative Berichterstattung, verbunden mit zurückgezogenen Gesundheitsversprechen nagen am Vertrauen", lautet das Ergebnis der Ursachenforschung von Raimund Wildner, Geschäftsführer des GfK Vereins.

Mangel an Zeit und Geld

Der Trend zeigt weiter abwärts. Ein anderes Vertrauensbarometer, der Edelman Trust Index, sackte gegenüber dem vergangenen Jahr um sieben Prozentpunkte auf 50 Prozent ein. Am stärksten betroffen von der Skepsiswelle waren Unternehmen (minus zwölf Prozentpunkte), aber auch Nichtregierungsorgan

(Foto: Infografik Die Welt)

isationen (minus zehn Prozentpunkte) und Medien (minus neun Prozentpunkte) büßten danach an Vertrauenskapital ein.

Hinter der Skepsis stecken aktuelle Ereignisse wie Lebensmittelskandale oder Verunsicherung durch Entwicklungen wie die Euro-, Ukraine- oder Flüchtlingskrise, mutmaßen die IW-Forscher. Doch das Misstrauen geht tiefer. "Es hat auch historische Wurzeln", meint Eyerund. Traditionell sei das Vertrauen der Deutschen in Staat und Regulierung größer als in die Wirtschaft.

Die fehlende Zutraulichkeit erklärt die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim Einkauf allerdings nur zum Teil, so die Kurzstudie des IW. Auch der Mangel an Zeit, Geld oder Informationen hindere viele Konsumenten am Kauf ökologisch wertvoller Erzeugnisse. So empfinden 88 Prozent der Deutschen die Informationen auf dem Produkt als unverständlich oder nicht ausreichend.

Frauen zahlen eher für Öko-Produkte als Männer

Inwieweit der eigene Umweltanspruch im Konsumverhalten eingelöst wird, hängt nach Angaben des Kölner Instituts nicht zuletzt vom Geldbeutel ab. Unter denjenigen, die sich selbst zur oberen Gesellschaftsschicht zählen, kaufen nach eigenen Angaben 78 Prozent ökologisch nachhaltig ein, während dieser Anteil bei Verbrauchern, die sich als Arbeiter definieren, nur 64 Prozent beträgt. Generell seien Frauen eher bereit, etwas mehr für Öko-Ware zu zahlen als Männer.

Ganz überwinden lässt sich der Graben zwischen guter Konsumabsicht und mittelmäßiger Kaufpraxis wohl nie. Auch allzumenschliche Schwächen spielen dabei eine Rolle, "zum Beispiel, dass Menschen zu faul sind, sich mit den Informationen auseinanderzusetzen, oder schlichtweg kein Interesse haben", wie Eyerund schreibt. Schließlich stehe umweltverträglicher Konsum häufig im Konflikt mit anderen Zielen, "zum Beispiel sparen zu wollen, geschmackliche Präferenzen oder bestimmte Marken kaufen zu wollen". Kurz gesagt: Manchen sind Öko-Produkte einfach zu teuer oder nicht cool genug.

(Foto: Infografik Die Welt)

Schon die Klassiker des Forschungszweigs haben erkannt, dass sie ein schwieriges Feld betraten. Die Frage, was umweltfreundliches Verhalten präge, sei derart komplex, dass sie nicht in einem einzigen Modell einzufangen sei, schrieben die Ökonomen Anja Kollmuss und Julian Agyeman schon kurz nach der Jahrtausendwende. Ihr desillusioniertes Fazit: "Obwohl viele Hundert Studien durchgeführt worden sind, hat man keine definitive Erklärung gefunden." Dabei ist es bis heute geblieben.

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

 
Artikel kommentieren

Bitte loggen Sie sich ein, um Kommentare zu schreiben.

Login

Artikel als "Nickname" kommentieren:

Noch 800 Zeichen

Leserkommentare ()
Weitere Kommentare anzeigen ()
 
 
 
Mehr Artikel aus dem Ressort Wirtschaft
Der Deutsche Aktienindex (DAX) zeigt die Wertentwicklung der größten deutschen Unternehmen. Foto: Frank Rumpenhorst/Illustration
Börse in Frankfurt
DAX: Schlusskurse im Späthandel am 29.09.2016 um 20:31 Uhr
Fußgänger in München. Die bayerische Landeshauptstadt hat im IW-Städteranking die Nase vorn.
"München ist außergewöhnlich"
Deutschlands beste und teuerste Großstadt
Der Deutsche Aktienindex (DAX) zeigt die Wertentwicklung der größten deutschen Unternehmen. Foto: Frank Rumpenhorst/Illustration
Börse in Frankfurt
DAX: Schlusskurse im XETRA-Handel am 29.09.2016 um 17:56 Uhr
Seit Jahrzehnten streitet Donald Trump mit «Forbes» um die Höhe seines Vermögens. Foto: Michael Reynolds
800 Millionen Dollar Schwund
Trump rutscht in "Forbes"-Reichenliste ab
Gegenüber August stiegen die Verbraucherpreise insgesamt um 0,1 Prozent. Foto: Marius Becker
Teuerungsrate bei 0,7 Prozent
Inflation zieht auf niedrigem Niveau an
Ein Mitarbeiter eines Pressenherstellers prüft Exzenterräder. Foto: Marijan Murat/Illustration
Wieder in Schwung
Maschinenbauer machen im August wieder bessere Geschäfte
Der Deutsche Aktienindex (DAX) zeigt die Wertentwicklung der größten deutschen Unternehmen. Foto: Frank Rumpenhorst/Illustration
Börse in Frankfurt
DAX: Kurse im XETRA-Handel am 29.09.2016 um 13:05 Uhr
Ein Lieferroboter im Einsatz. Foto: Rolf Vennenbernd/Illustration
15 Euro für Expresszustellung
Media-Markt testet Roboter zur Warenlieferung
Der Offshore-Windpark Butendiek liegt etwa 30 Kilometer vor der Insel Sylt. Foto: Daniel Reinhardt
Netzausbau muss Schritt halten
Mehr als doppelt so viel Windstrom aus der Nordsee
Nun will auch die Commerzbank massiv Personal kürzen.
Commerzbank streicht 9600 Jobs
Jede fünfte Vollzeitstelle fällt weg
Der private Konsum stützt die deutsche Konjunktur. (Themenbild)
Deutsche kaufen ein
Konjunkturprognose für 2016 deutlich angehoben
Die Commerzbank plant angesichts der schweren Branchenkrise den Wegfall von rund 7300 Vollzeitstellen. Foto: Frank Rumpenhorst
Reaktion auf Zinstief
Commerzbank will Tausende Stellen streichen
Lässt sich der türkische Präsident überzeugen? Der Zeitpunkt sei günstig, um in die Geschäfte der Deutschen Bank einzusteigen.
Türkei erwägt Deutsche-Bank-Einstieg
"Würde es Sie nicht glücklich machen?"
Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 5,9 Prozent in Deutschland.
Bundesagentur für Arbeit
Arbeitslosigkeit fällt auf tiefsten Stand seit 25 Jahren
Credit Suisse - auch diese Bank war wegen des Verkaufs fauler Hypothekenpapiere ins Visier der US-Behörden geraten.
Schweizer Großbank will außergerichtliche Einigung
Credit Suisse verhandelt über Deal im US-Hypothekenstreit
Verbrennungsmotoren sind ein Auslaufmodell, finden die Grünen.
Vorstoß der Grünen
Ab 2030 sollen nur noch E-Autos zugelassen werden
Elektro-Volkswagen an einer Stromtankstelle. Foto: Sebastian Gollnow/Archiv
Reichweite soll steigen
Autohersteller feilen an nächster Elektroauto-Generation
Die Mitgliedstaaten der Opec liefern weltweit etwa ein Drittel des Rohöls und besitzen rund drei Viertel der bekannten Reserven.
Teure Richtungsänderung
Opec-Staaten beschließen die Öl-Drosselung
Ein Mitarbeiter einer Firma für Zeitarbeit wirbt um Fachkräfte. Foto: Christian Charisius/Archiv
Keine Trendwende in Sicht
Herbstaufschwung drückt Arbeitslosigkeit im September
Geldfach einer Ladenkasse: Das Wirtschaftswachstum in Deutschland könnte noch stärker ausfallen als bisher erwartet. Foto: Jens Büttner/Archiv
Konsum stützt die Wirtschaft
Institute: Moderates Wirtschaftswachstum und mehr Jobs