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Brillen für die Ärmsten Wie ein Dollar die Sicht auf die Welt verändert

Es ist eine Marktlücke im globalen Geschäft mit Wohltätigkeit: günstige Brillen für jeden. Mit der Idee revolutionierte ein deutscher Lehrer das Leben anderer Menschen – und sein eigenes.

Manchmal kann Martin Aufmuth selbst kaum glauben, dass eine simple Idee sein Leben dermaßen auf den Kopf gestellt hat. Es war vor fünf Jahren, da verspürte der damals 36-Jährige nach der Lektüre eines Buches über Entwicklungshilfe den Wunsch, selbst auch zu helfen. Die Mehrzahl der Menschen zückt in diesem Fall einfach das Portemonnaie oder die TAN-Liste des eigenen Online-Kontos und spendet. Aufmuth aber wollte mehr. "Dann tu halt was, hat meine Frau irgendwann gesagt. Und die Idee hat mich nicht mehr losgelassen."

Gut 150 Millionen Menschen gebe es weltweit, die wegen ihrer Kurzsichtigkeit keine Chancen auf Bildung und Arbeit haben. "Für uns sind Brillen etwas Selbstverständliches", erklärt Aufmuth. Wir würden sie in Ein-Euro-Shops hinterhergeworfen bekommen – "und in vielen anderen Ländern wissen Menschen nicht einmal, dass es so etwas wie Sehhilfen überhaupt gibt." Er fand das ungerecht: "Also habe ich mich in unserem Keller an die Werkbank gesetzt und getüftelt", erzählt Aufmuth.

Konzept funktioniert bisher in acht Ländern

Das Ergebnis dieser Basteleien ist ein mittlerweile mehrfach preisgekröntes Entwicklungshilfeprojekt namens "EinDollarBrille", das es sich zum Ziel gemacht hat, die ärmsten Länder der Welt mit kostengünstigen Sehhilfen zu versorgen, die vor Ort gefertigt werden und in der Produktion nicht mehr als einen Dollar kosten.

Das Konzept ist mittlerweile in acht Ländern Afrikas und Südamerikas etabliert. Seitdem hat Deutschlands wohl fleißigster Weltverbesserer alle Hände voll damit zu tun, von seinem Reihenhäuschen im fränkischen Erlangen aus die Folgen seines Einfalls zu koordinieren.

Mit wachsendem Erfolg: Vor Kurzem ist die Else-Kröner-Stiftung, eine der größten Privatstiftungen Deutschlands, eingestiegen, um Aufmuth und seinen von ihm gegründeten Verein im Rahmen eines Pilotprojekts dabei zu unterstützen, die Menschen im bitterarmen afrikanischen Malawi mit Brillen zu versorgen.

In den USA ist der Tüftler zudem Ende 2015 als einziger Deutscher für seine Idee mit dem renommierten Tech Award ausgezeichnet worden. Zwei Jahre zuvor hatte das Projekt bereits einen Wohltätigkeitspreis der Siemens Stiftung eingeheimst. Prämiert werden in beiden Fällen nur solche Innovationen, die das Potenzial haben, weltweit besonders vielen Menschen zu helfen.

Stellte das Projekt auf die Beine: Erfinder Martin Aufmuth. (Foto: Onedollarbrille)

Marktlücke im globalen Wohltätigkeitsgeschäft

Zwar gibt es schon seit Jahren Hilfsorganisationen, die Altbrillen aus dem Westen in Entwicklungsländern verteilen. Doch diese Aktionen sind meist zeitlich befristet und längst nicht so nachhaltig wie das Konzept, eben nicht nur die Sehhilfe, sondern gleich auch die Brillenfabrik und den eigens dafür geschulten Optiker zu etablieren.

Denn in den meisten Entwicklungsländern gibt es genau diese Gesundheitslogistik überhaupt nicht. Aufmuths Idee ist damit eine Art Marktlücke im globalen Wohltätigkeitsgeschäft – entsprechend groß ist der Zuspruch.

Die Bodenhaftung hat der gebürtige Allgäuer dennoch nicht verloren: "Mein Ziel ist es nicht, berühmt zu werden oder Preise einzuheimsen, sondern unser Projekt bekannt zu machen", sagt er. "Dass etwas so Einfaches wie eine Brille das Leben von Millionen Menschen zum Besseren verändern kann, das treibt mich an

Man könnte in dem schmalen 41-Jährigen, der sein graues Haar zu einem Zopf zusammengebunden trägt und solche Sätze mit sanfter Stimme spricht, einfach einen hoffnungslosen Sozialromantiker sehen. Aber Aufmuth ist kein verträumter Idealist, der angesichts des Elends in der Welt die Gesetze des Marktes ausblendet.

Stattdessen hat der gelernte Fernsehtechniker, der anschließend Mathematik und Physik auf Lehramt studierte, die Chancen und Risiken seines Unterfangens sehr genau im Blick. "Einfach nur Gutes zu tun, das reicht nicht", sagt er nüchtern. "Ein Projekt, das langfristig funktionieren soll, muss sich selbst tragen und möglichst viele Menschen erreichen. Sonst lohnt sich der Aufwand nicht."

Und Aufmuths Aufwand ist immens. Die Brille aus Federstahldraht und Kunststoffgläsern, die nun weltweit Furore macht, hat er über Jahre hinweg selbst ertüftelt. Über 1000 Patente hat er dafür neben seiner Arbeit als Lehrer analysiert und sich immer wieder mit Optikern und Augenärzten beraten.

"Mir war wichtig, dass die Brille leicht herzustellen und trotzdem stabil ist", sagt er. Das jetzige Modell, ein filigranes Gestell, kann binnen einer knappen halben Stunde individuell gefertigt und mit bunten Perlen verziert werden.

Brillenmaschine kommt ohne Strom aus

Verkauft wird die Brille in den Entwicklungsländern für zwei bis vier Tageslöhne, denn sie soll nicht nur Kurzsichtigen zu mehr Durchblick verhelfen, sondern auch den am Ort geschulten Brillenexperten eine Lebensgrundlage bieten. Die dafür notwendige Produktionstechnik hat der Hobbybastler gleich miterfunden: Die Biegevorrichtung für den Brillendraht passt in eine Box von 30 Zentimeter Kantenlänge und kommt vollkommen ohne Strom aus.

Auf diese Weise können selbst entlegene Gegenden versorgt werden. Momentan arbeitet Aufmuth an einer neuen Version dieser Brillenmaschine, die sogar blind bedient werden kann. "Damit könnten Blinde, die in Entwicklungsländern normalerweise keine Perspektive haben, künftig Fehlsichtigen beim Sehen helfen. Ich finde, das ist ein schöner Gedanke", sagt Aufmuth.

Nicht das einzige Mal, dass sich Aufmuth engagierte

Es ist nicht sein erster Ausflug in die Welt der Mildtätigkeit. Vor acht Jahren hatte der Realschullehrer mit einer Luftballonaktion in Erlangen bereits erfolgreich Spenden für die Organisation Das Hunger Projekt e.V. eingesammelt. Die Sache lief, es gab sogar Grußworte von Angela Merkel und Richard von Weizsäcker, am Ende kam eine gute halbe Million Euro zusammen. "Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie viel man als Einzelner bewirken kann", sagt er.

Ein Zufall war der Erfolg schon damals nicht: Aufmuth hatte zuvor 180 Hilfsprojekte akribisch geprüft, bevor er sich schließlich dafür entschied, eine lokale Initiative in seiner Freizeit zu unterstützen. Von dem Zuspruch beflügelt, initiierte er wenig später auf eigene Faust ein bundesweites Klimaschutzprojekt, um Schüler und deren Eltern zum Stromsparen zu animieren.

Doch dann kam dem heute 41-Jährigen die Idee mit den Brillen dazwischen. Und weil auch die freie Zeit eines Lehrers entgegen dem gängigen Klischee keineswegs unbegrenzt ist, musste sich der verheiratete Vater eines Sohnes für eine Sache entscheiden – auch der Familie wegen.

Mittelständler mit Standorten auf drei Kontinenten

Denn die Arbeit, die frühmorgens beginnt und oft erst spät in der Nacht endet, geht auch bei ihm an die Substanz. Zwar hat sich Aufmuth gerade für ein weiteres Jahr von seiner Lehrerstelle beurlauben lassen, um sich voll und ganz seinem wohltätigen Verein für die zu widmen.

Doch mit insgesamt 160 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die von Deutschland und der Schweiz aus das Projekt vorantreiben, und weiteren rund 100 Mitarbeitern in den Projektländern ist aus dem einstigen Kellerprojekt mittlerweile so etwas wie ein gemeinnütziger Mittelständler mit Standorten auf drei Kontinenten geworden.

Rund 20.000 Brillen hat die Wohltätigkeitsorganisation seit ihrem Start vor drei Jahren bereits verkauft, mithilfe der Brillen verdienen sich etwa 80 Brillenproduzenten und vom Verein eigens geschulte Optiker vor Ort ihren Lebensunterhalt.

Einfaches Design und leichte Herstellung ermöglichen den niedrigen Preis der Brille. (Foto: Onedollarbrille)

In Nicaragua musste Aufmuth schließen

Eine Pause gönnt Aufmuth sich trotz des Erfolges nicht. In seinem Quadratmeter großen Arbeitszimmer in Erlangen stapeln sich bereits Prototypen für neue Brillen, diverse Skizzen, Kunststoffgläser in verschiedenen Stärken und dicke Ordner mit umfangreichen Excel-Tabellen. Darin halten die Kooperationspartner von Malawi bis Mexiko unter anderem fest, wie viele Brillen sie wann an wen verkauft haben, welches Feedback es gab und ob neues Material benötigt wird.

Den Kontakt halten Aufmuth und seine Helfer vor allem über Mails und regelmäßige Telefonate: Es gibt eine wöchentliche Telefonrunde für die Helfer in Deutschland, eine globale Konferenz über Skype und Telefon, wöchentliche Länderrunden, regelmäßige Schulungen für die Helfer in Deutschland sowie Ortsbesuche und Kontrollen per Stichprobe an den acht Standorten weltweit.

Der enge Kontakt zahlt sich aus, selbst wenn das Projekt vor Rückschlägen nicht gefeit ist. Vor Kurzem musste das Team einen Außenposten in Nicaragua wieder dichtmachen – die Motivation der Partner vor Ort ließ zu wünschen übrig, das teure Material lag ungenutzt herum. "Solche Entscheidungen müssen wir treffen, selbst wenn sie schwerfallen: Dazu ist das Gesamtprojekt zu wichtig", sagt Aufmuth.

Das Projekt soll weiter wachsen

Tatsächlich wissen er und sein Team mittlerweile, wie aufwendig es sein kann, die staatliche Zulassung für ein solches Hilfsprojekt zu erhalten. Sie haben gelernt, wo es Schwierigkeiten mit dem Zoll geben kann – und wie man überhaupt ein Projekt koordiniert, das den halben Erdball und mehrere Zeitzonen umspannt.

"Ohne die Hilfe der vielen Ehrenamtlichen und Spender würde das alles nicht funktionieren", sagt Aufmuth. Die Kunststoffgläser für die Brillen bezieht er mittlerweile über einen befreundeten Fabrikanten, der sich dem Verein ebenfalls angeschlossen hat, und anders als früher müssen die gut 50.000 Brillengläser – insgesamt gut 300 Kilo – auch nicht mehr in seinem kleinen Keller lagern, sondern sind in einem Hochregallager in Pappenheim untergebracht.

Für das kommende Jahr hat sich der Tüftler mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn erneut viel vorgenommen. Unter anderem soll der jüngste Ableger in Mexiko ausgebaut und das Projekt noch bekannter werden.

"Meine Familie und mich bringt dieses Projekt oft an unsere Grenzen, weil es sehr viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt", sagt er. "Aber nachdem ich damit angefangen habe, kann ich auch nicht mehr aufhören, bis das Ziel erreicht ist: den Ärmsten der Welt mit kostengünstigen Brillen eine neue Perspektive zu bieten."

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