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Fälschungen aus dem Netz Der Millionenbetrug mit den Möbelplagiaten

Kaum eine Produktgruppe wird so oft gefälscht wie Designer-Möbel. Hinter dem Millionen-Betrug stecken organisierte Kriminelle, so Experten. Die Kunden bewegen sich in einer Grauzone.

Zumindest einen positiven Aspekt kann Leo Lübke dem dreisten Nachbau seines Designsofas Conseta abgewinnen. "Wenn wir nicht kopiert werden, würde das bedeuten, dass wir nichts Gutes machen", sagt der Geschäftsführende Gesellschafter des ostwestfälischen Luxusmöbelherstellers Cor. Doch damit endet die Freude über den Konkurrenten Christmann aus der direkten Nachbarschaft im Kreis Gütersloh bereits.

Das Einrichtungshaus mit dem Werbeslogan "Internationales Wohnen" verkauft nämlich ein Sofa, das nicht nur genauso aussieht wie der Cor-Klassiker – Christmann bewirbt das Produkt sogar mit Fotos im selben Stil wie Cor. Der Aktion Plagiarius, die Kopisten hierzulande öffentlich anprangert, war die Nachahmung deswegen einen Preis wert. 2015 gab es für Christmann die Negativauszeichnung Plagiarius für besonders dreiste Fälscher.

"Plagiate sind ein ganz großes Thema in der Branche", sagt Ursula Geismann, Trendexpertin beim Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Zwar denken die meisten Verbraucher bei Fälschungen zuerst an Handtaschen, Uhren oder Parfüm. "Am Ende aber zählen Möbel zu den meistkopierten Produkten überhaupt", sagt Geismann. Die Globalisierung, das Internet, aber auch leichtgläubige Schnäppchenjäger würden Fälschern weltweit Umsätze und Gewinne in Milliardenhöhe ermöglichen.

Bauhaus-Klassiker im Visier der Fälscher

Modelle aus Deutschland stehen dabei ganz besonders im Fokus der Fälscher, allen voran die Klassiker. Dazu gehören zum Beispiel der Stahlrohr-Freischwinger von Thonet aus dem hessischen Frankenberg, die Kragstuhl-Serie von Tecta aus dem niedersächsischen Lauenförde, die Wagenfeld-Leuchte von Tecnolumen aus Bremen, der Bigfoot-Tisch von E15 aus Frankfurt.

Auch die Design-Ikonen von Marcel Breuer, Walter Gropius und Ludwig Mies von der Rohe werden häufig kopiert, für die der schwäbische Hersteller Walter Knoll die notwendigen Lizenzen besitzt. Beliebt bei Fälschern sind daneben zeitlos schicke Serienmöbel etwa von Markenherstellern wie Hülsta und Interlübke oder von Küchenanbietern wie Poggenpohl und Bulthaup.

Interlübke-Chef Peter Rutishauser wacht deswegen wie ein Luchs über jeden Messestand seines Unternehmens, etwa auf der weltgrößten Möbelbranchenschau IMM in Köln, die am Montag wieder beginnt. Das Personal ist angehalten, sofort einzugreifen, wenn ein Gast zum Fotografieren ansetzt. Im vergangenen Jahr hat der Chef neugierige Knipser sogar reihenweise selbst auf das Fotografierverbot in den Messehallen aufmerksam gemacht. Und das nachdrücklich.

Tecta erwirkt einstweilige Verfügungen

Zwar sind Bilder von neuen Möbeln der Ostwestfalen auch in Prospekten, Katalogen und im Internet verfügbar. "Aber nur in einer ganz bestimmten Detailtiefe", sagt der Schweizer. Dass Interlübke-Designs nachgemacht werden, kann er damit zwar nicht verhindern. "Aber ich kann diesen Prozess behindern und hinauszögern. Und das will ich."

Bei den Klassikern der Möbelwelt ist das nicht mehr möglich. Längst sind die Baupläne in den einschlägigen Kreisen bis hin zum letzten Schräubchen bekannt. Also schwingen zumindest einige Hersteller unerbittlich die juristische Keule. Tecta zum Beispiel habe Nachahmer reihenweise mit einstweiligen Verfügungen überzogen, unter Berufung auf eine sogenannte wettbewerbsrechtliche Eigenart für seine Kragstühle, berichtet Geschäftsführer Axel Bruchhäuser.

Auch Tonet zeigt sich unerbittlich. "Wir verfolgen jeden uns bekannten Fall", sagt Geschäftsführer Thorsten Muck. Die noch unbekannten sucht der auf Marken- und Urheberrecht spezialisierte Anwalt Stephan von Petersdorff aus der Düsseldorfer Kanzlei Rospatt Osten Pross für das Familienunternehmen aus der hessischen Provinz.

Chinesen sperren Thonet-Anwalt ein

Auf der Kölner Möbelmesse streift der Jurist Jahr für Jahr durch die Hallen und fahndet nach Plagiaten. 2015 wurde er dabei an einem chinesischen Stand fündig – und von den Asiaten kurzerhand in einem Standbüro eingeschlossen. Die herbeigerufene Polizei hat von Petersdorff dann aber schnell wieder befreit.

Den beanstandeten Stuhl ließ Thonet anschließend vom China-Stand entfernen. Denn in Deutschland greift die Justiz im Plagiatsfall hart durch. Im Ausland ist das dagegen nicht selbstverständlich. "Leider gibt es je nach Land unterschiedliche Ausprägungen der Schutzrechte, selbst innerhalb der Europäischen Union", klagt Thonet-Chef Muck. Großbritannien und Italien zum Beispiel hätten beim Urheberrecht ganz andere Regeln – und zwar wesentlich laxere.

Etliche Online-Händler, die Nachahmungen berühmter Designermöbel verkaufen, haben deswegen ihren Firmensitz in Großbritannien und Italien. "Wer solche Möbel online kaufen will, sollte daher stets ins Impressum der Versender schauen", rät Steffen Schmidt, Geschäftsführer des Verbands Creative Inneneinrichter, einem Zusammenschluss von 40 designorientierten Einrichtungshäusern in Deutschland, Luxemburg und der Schweiz.

Bundesgerichtshof verurteilt Wagenfeld-Fälscher

Und auf den Preis sollten die Käufer achten. "Klar gibt es immer mal wieder kleine Rabatte. Aber ein wirkliches Schnäppchen kann man beim Kauf von beispielsweise Bauhaus-Möbeln nicht machen", sagt Schmidt. "Wenn Händler also mit hohen Nachlässen auf Klassiker werben, ist das sehr verdächtig."

Illegal ist es auch, selbst wenn es gar nicht zum Kaufvertrag kommt. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) erst kürzlich entschieden. "Schon die Werbung für den Erwerb eines Werkes greift in das Urheberrecht ein", stellte der BHG in gleich drei Urteilen fest. In zwei Fällen ging es dabei um ein Unternehmen in Italien, das europaweit Designmöbel im Direktvertrieb vermarktet und dafür auf einer deutschen Homepage wie auch in Tageszeitungen, Zeitschriften und Prospekten wirbt, etwa für Nachbildungen der Wagenfeld-Leuchte oder für Möbelmodelle von Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe.

Das ist verboten, urteilten die Richter und sicherten dem Kläger Schadenersatzansprüche zu. "In dieser Deutlichkeit gab es das bislang noch nicht", sagt Constantin Rehaag von der Kanzlei Dentons. Der Experte begrüßt die Urteile. Denn aus Sicht von Rehaag ist der Handel mit gefälschten Möbeln längst Teil der organisierten Kriminalität. Branchenvertreterin Geismann spricht sogar von einem "großen rechtsfreien Raum", den es noch immer gebe.

Käufer sollten Lieferbedingungen prüfen

Gefertigt werden die nachgemachten Möbel vorwiegend in China und Osteuropa, aber auch in Italien und der Türkei, sagen Experten. Die Verkäufer schließlich sitzen in Europa. Vertriebsweg Nummer eins ist mit weitem Abstand das Internet. "Das ist einfach und weitgehend anonym", begründet Rehaag. Und zwar für Verkäufer und Käufer. "Es gibt sicherlich einen Anteil an Kunden, die gezielt nach Imitaten suchen", glaubt der Anwalt.

Oftmals dürften die Käufer aber gar nicht wissen, dass sie sich eine Fälschung ins Haus geholt haben. Zumal die Webseiten immer professioneller werden und die Plagiateure ihre Ware mittlerweile preislich nah am Original platziert haben, um nicht sofort aufzufallen. Thonet bietet daher auf seiner Homepage eine "Echtheitsbestimmung" an. "Die Kunden können uns Fotos schicken, und wir sagen ihnen, ob das entsprechende Thonet-Möbel echt ist oder nicht", sagt Geschäftsführer Muck. Genutzt werde dieser Service häufig. "Und eine hohe Zahl der vermeintlichen Originale ist falsch."

Kunden von Betrügern begeben sich in eine rechtliche Grauzone. So verlangen die einschlägigen Versender in ihren Lieferbedingungen oft, dass die Käufer selbst Vertragsnehmer der Spedition werden. Dabei betonen die Fälscher auf ihren Webseiten, dass die Auslieferung ihrer im Ausland produzierten Möbel nach Deutschland legal sei, begründet mit dem Gesetz zur Warenverkehrsfreiheit in der EU.

Creative Inneneinrichter unterstützen Prozesse

Tatsächlich aber gibt es längst ein dieses Gesetz überstimmendes Urteil. Das Landgericht München hat 2012 einen Spediteur, der Möbelplagiate nach Deutschland geliefert hat, wegen Beihilfe zur gewerbsmäßigen unerlaubten Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke verurteilt. Und sowohl der Bundesgerichtshof (BGH) als auch der Europäische Gerichtshof (EuGH) haben dieses Urteil bestätigt.

Zu solchen Verfahren kommt es allerdings selten. Allein schon aus Kostengründen. Thonet zum Beispiel zahlt jährlich einen sechsstelligen Betrag, um seine Rechte juristisch durchzusetzen. Das kann oder will sich nicht jede Firma leisten, obwohl es in der Branche einen Prozesskostenfonds gibt, den unter anderem die kreativen Inneneinrichter unterstützen.

Einige sprechen ohnehin von Pyrrhussiegen. "Viele Unternehmen scheuen sich, gegen die Fälscher vorzugehen", sagt Kay Spreckelsen, Urheberrechtsanwalt der Hamburger Kanzlei Rasch. Denn auch wenn es einen gerichtlichen Titel gebe, sei längst nicht immer gesagt, dass die Ansprüche am Ende auch durchgesetzt werden können – zum Beispiel weil die Fälscher ständig ihre Adresse ändern und damit kaum greifbar sind. "Die grenzüberschreitenden Rechtsverletzungen sind zunehmend ein Problem."

Christmann verkauft Conseta-Klon weiter

Im Fall Cor/Christmann ist keine Grenze im Spiel. Dafür aber viel gegenseitiges Unverständnis. "Die Aktion war für das Unternehmen peinlich, das Sofa wird aber trotzdem noch verkauft", berichtet der geschädigte Leo Lübke. Offenbar ist das Geschäft mit dem Conseta-Klon äußerst lukrativ. Noch dazu steht Christmann auf dem Standpunkt, nichts Unrechtes getan zu haben.

Die angebotenen Sofas seien nicht identisch mit dem Modell Conseta, schließlich würden sie in diversen Details voneinander abweichen, etwa bei der Sitztiefe, der Sitzhöhe oder dem Rückenkissen, heißt es in einer Stellungnahme. Eine gewisse Ähnlichkeit der inkriminierten Sofas ergebe sich zudem zwangsläufig aus der Formgebung für derartige Sitzmöbel. Und im Übrigen werde diese Form von einer Vielzahl von Herstellern angeboten und vertrieben.

Solche Argumente hören Experten immer wieder. "Gerade bei Möbeln muss das Original sehr genau übernommen worden sein, damit eindeutig von einem Plagiat gesprochen werden kann", sagt Urheberrechtsexperte Spreckelsen. Dass eine veränderte Sitzhöhe und -tiefe ausreichen, glaubt aber auch er nicht.

Im Fall Christmann hat es Lübke bislang bei der öffentlichen Bloßstellung und mahnenden Worten belassen. Auch weil die bisherigen Schutzrechte von Conseta abgelaufen sind und Cor ein langfristig wirkendes Urheberrecht noch nicht erwirkt hat. "Trittbrettfahrer stehen auf unsicherem Boden", sagt der Unternehmer trotzdem. Er hofft auf die Selbstreinigungskräfte des Marktes – und den Anspruch der Kunden, das Original besitzen zu wollen.

Aufklärung hat sich der Meisterkreis auf die Fahne geschrieben – und die Internetseite www.plagiate-shop.de ins Leben gerufen. Beworben werden dort mit einem Augenzwinkern "beinahe perfekt nachgemachte Klassiker und aktuelle Ikonen": "Nicht innovativ, dafür aber billig. Schließlich müssen wir nichts aufwendig erfinden, keine Sicherheitsauflagen erfüllen oder Garantien übernehmen und keine gut ausgebildeten Mitarbeiter bezahlen. Und einen kleinen Teil dieses Vorteils geben wir natürlich gern an Sie weiter."

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