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Flüchtlinge als Chance? IWF warnt Deutschland vor Naivität

Die massive Zuwanderung nach Deutschland bietet der Wirtschaft Chancen, so der Internationale Währungsfonds. Dafür müsste allerdings massiv in deren Integration investiert werden.

Bringen die mehr als eine Million nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge der Wirtschaft einen Schub? Oder werden sie zu einer großen finanziellen Belastung für eine ohnehin schon alternde Gesellschaft? Über diese Frage ist unter Politikern und Ökonomen ein heftiger Streit ausgebrochen. Nun mischt sich in die Debatte der Internationale Währungsfonds (IWF) ein und bringt gerade für Deutschland neue Fakten ans Licht.

"Es ist Zeit für eine große internationale Initiative", sagte Christine Lagarde, die geschäftsführende Direktorin des IWF am Mittwoch beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Jordanien und Libanon bräuchten finanzielle Hilfe der internationalen Gemeinschaft. In Europa selbst sei zudem "ein viel breiterer und kollektiver Ansatz" vonnöten, um die Flüchtlingskrise zu meistern.

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Erfahrungsgemäß dauere es 20 Jahre, ehe sich die Unterschiede bei der Beschäftigung von Flüchtlingen und Einheimischen ausgeglichen hätten, sagte Lagarde. "Die Integration in den Arbeitsmarkt verläuft meist langsam", erklärte die IWF-Chefin. In der Regel gelinge die Integration "dort besser, wo Arbeits- und Produktmärkte flexbiler sind".

Kurzfristig positive Effekte

In einer 50 Seiten langen Studie, die Lagarde vorstellte, haben nicht weniger als zwölf Ökonomen die Folgen des Flüchtlingsstroms auf die europäische Wirtschaft untersucht. Ergebnis: Kurzfristig werde der Flüchtlingsstrom "wahrscheinlich" einen positiven Effekt haben und "zu einem moderaten Anstieg des Wirtschaftswachstums führen", schreiben die IWF-Forscher.

Besonders Hauptankunftsländer wie Deutschland, Österreich und Schweden würden demnach profitieren. So könnte die Wirtschaftsleistung Deutschlands bis zum Jahr 2017 um 0,3 Prozent steigen. Bis zum Jahr 2020 ist sogar ein Plus von 0,53 Prozent drin – allerdings nur, wenn es gelingt, viele Flüchtlinge gut zu integrieren, teilte der IWF der "Welt" mit.

Sonst drohen Deutschland vor allem hohe Kosten. "Mittel- und langfristig hängt der Effekt von Flüchtlingen auf das Wachstum davon ab, wie die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert sind", heißt es in der Studie. Die Politik hat es also selbst in der Hand, aus der Flüchtlingskrise ein zweites deutsches Wirtschaftswunder zu machen.

(Foto: Infografik Die Welt)

Große Unterschiede bei Löhnen

In den vergangenen 40 Jahren verlief die Integration von Flüchtlingen in Deutschland eher schleppend, stellt IWF-Forscher Robert Beyer in der Studie fest. Beyer hat sich die Arbeitsmarkintegration der Flüchtlinge in Deutschland in den vergangenen 40 Jahren angeschaut. So eine Studie gab es bislang noch nicht.

Ein Ergebnis: Im Jahr 2013 war die Arbeitslosenrate unter Immigranten mehr als doppelt so hoch wie bei der heimischen Bevölkerung. Selbst bei gleicher Qualifikation haben Immigranten schlechtere Karten: Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, ist für Migranten sieben Prozentpunkte höher als für heimische Arbeitnehmer mit gleichen Fähigkeiten. Zwar verschwindet dieses Gefälle bei der Chancengleichheit mit der Zeit. Aber langfristig bleibt die Arbeitslosenquote unter Migranten drei Prozentpunkte höher als unter heimischen Beschäftigten.

Auch bei den Löhnen gibt es große Unterschiede: Wenn Immigranten ins Land kommen, verdienen sie zunächst 20 Prozent weniger als gleich qualifizierte Deutsche. Zwar machen sie dann pro Jahr einen Prozentpunkt auf ihre heimischen Kollegen gut. Aber ganz wird sich die Lohnlücke zwischen Immigranten und deutschen Arbeitskräften laut IWF nie schließen.

(Foto: Infografik Die Welt)

Schwierige Integration in den Arbeitsmarkt

Wenig überraschend haben vor allem Immigranten ohne Deutschkenntnisse große Probleme, einen gut bezahlten Job zu finden. Ohne Sprachkenntnisse liegt der Lohn für einen Immigranten im Schnitt 30 Prozent tiefer als der eines Deutschen. Lernt ein Immigrant die Sprache, schließt sich die Lücke um zwölf Prozentpunkte. Macht er in Deutschland einen Abschluss nochmals um sechs Prozentpunkte.

Gerade die Qualifikation spielt in der deutschen Wirtschaft, in der sich viele kleine Weltmarktführer tummeln, eine große Rolle. 66 Prozent aller hochqualifizierten Deutschen haben einen Job, der einen höheren Berufsabschluss erfordert. Demgegenüber gilt dies nur für 42 Prozent der Immigranten, stellt Beyer fest. Auch hier ist also noch viel zu tun.

Vor allem bei jenen Flüchtlingen, die jetzt nach Europa und Deutschland strömen, gestaltet sich die Arbeitsmarktintegration schwierig. "Immigranten aus Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, Somalia, Eritrea und dem früheren Jugoslawien sind im Schnitt weniger gut qualifiziert als die heimische Bevölkerung oder andere Immigranten", schreiben die Studienautoren. Es gibt aber auch Mutmacher: 21 Prozent der zwischen 2013 und 2014 nach Deutschland gekommenen Syrer haben eine Hochschulausbildung, und damit fast genauso viele wie Deutsche.

Trotz aller Schwierigkeiten sind die Effekte von Flüchtlingen auf den aktiven Arbeitsmarkt zunächst einmal aber gering, heißt es in der Studie. Immigranten drücken die Löhne von heimischen Arbeitskräften wenn überhaupt nur in geringem Umfang, schreibt der IWF.

IWF warnt vor Naivität

Fast keinen Einfluss hat der Flüchtlingsstrom auf die Arbeitslosenquote. Sie könnte bis 2020 in Deutschland wegen der Flüchtlingskrise um gerade mal 0,16 Prozent steigen. Der Flüchtlingsstrom hat häufig sogar positive Effekte: Heimische Arbeitskräfte rutschten in der Vergangenheit bei hoher Zuwanderung häufig in besser bezahlte Jobs, weil die Neuankömmlinge aus dem Ausland zunächst einfachere Tätigkeiten verrichten.

Allerdings warnt der IWF vor zu viel Euphorie. Wer glaubt, die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt laufe wegen des Fachkräftemangels in Deutschland fast wie von allein, sei "naiv", sagt IWF-Forscherin Enrica Detragiache. "Es wird einige Zeit dauern, um die Immigranten fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen."

Ob der Staat finanziell von Flüchtlingen profitiert oder wie von vielen Ökonomen befürchtet zweistellige Milliardenkosten zu tragen hat, lässt sich laut IWF daher kaum sagen. So gibt es etwa in Australien einen großen Unterschied zwischen "Wirtschaftsflüchtlingen" und humanitären Flüchtlingen. Flüchtlinge, die wegen politischer Repression oder Verfolgung fliehen, "haben während der ersten zehn bis 15 Jahre netto einen negativen finanziellen Einfluss auf ein Land, während Wirtschaftsflüchtlinge einen positiven Beitrag leisten", heißt es in der Studie.

Für Deutschland waren die finanziellen Folgen in der Vergangenheit ernüchternd. So war für den Zeitraum zwischen 2007 und 2009 der Finanzeffekt von Flüchtlingen mit einem Minus von über einem Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt in keinem Land der Industrieländerorganisation OECD so groß wie in Deutschland.

Für die nächsten Jahre erwartet der IWF eine ähnliche Entwicklung: So werde die Verschuldung Deutschlands im Jahr 2020 wegen der Flüchtlingskrise rund 0,77 Prozentpunkte höher ausfallen. Allerdings ist das eine Größenordnung, die sich das finanziell solide dastehende Deutschland locker leisten kann. Im vergangenen Jahr machte Deutschland zwölf Milliarden Euro Überschuss. Dieses Geld steht für Flüchtlingsausgaben bereit.

(Foto: Infografik Die Welt)

Absage an feste Verteilung von Flüchtlingen

Viele Nachbarländer profitieren dagegen finanziell von Flüchtlingen, wie die Erfahrungen von 2007 bis 2009 zeigen: Luxemburg etwa um über zwei Prozent gemessen an der Jahreswirtschaftsleistung. Über alle OECD-Länder hinweg betrug der positive Effekt rund 0,4 Prozent. "Der Netto-Finanzeffekt von Immigranten für den Staat hängt im Wesentlichen von ihrem Erfolg im Arbeitsmarkt ab", schreiben die Forscher. Sie schlagen deshalb einige Maßnahmen vor, um Flüchtlingen schneller einen Job zu beschaffen.

So sollten die Hürden, eine Arbeit schon während des Asylverfahrens aufnehmen zu können, möglichst niedrig sein. Lohnsubventionen für Arbeitgeber könnten ebenfalls helfen. In Dänemark fanden Flüchtlinge in solch einem Programm zwischen 14 und 24 Wochen schneller einen Job. Ebenso sollten Regierungen über Ausnahmen vom Mindestlohn und neue Förderinstrumente für den Sprung in die Selbstständigkeit nachdenken.

Wichtig sei vor allem, dass Flüchtlinge mobil sind und dorthin gehen können, wo die Arbeitsplätze sind, heißt es in der Studie. Dies ist vor allem eine Absage an eine feste Verteilung von Flüchtlingen, wie sie in Deutschland auch schon angedacht wurde. Der IWF räumt ein, dass der Flüchtlingsstrom die Preise für "bezahlbaren Wohnraum erhöhen wird". Auch für dieses Problem schlägt der IWF eine Lösung vor: Die betroffenen Staaten wie Deutschland sollten mit Wohnungsbauprogrammen reagieren.

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