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"Jeder in Harvard dachte, ich würde scheitern" Wie ein Brite mit Matschrennen Millionen scheffelt

Menschen quälen sich über einen matschigen Hindernisparcours und bezahlen auch noch Geld dafür. Dieses Geschäftsmodell geht tatsächlich auf. Einen jungen Briten machte es sogar steinreich.

Es geht martialisch zu. Hunderte Männer und Frauen schreien, sie strecken die Arme nach oben. Viele von ihnen haben einen entschlossenen, wilden Ausdruck im Gesicht. Viele haben sich verkleidet oder die Haare bunt gefärbt. Minuten später klettern diese Menschen hölzerne Wände hoch. Sie kriechen durch Gräben voller Matsch, knirschen mit den Zähnen. Die Kamera hält voll drauf, sie zeichnet Freudentränen, aber auch Schmerzensmomente auf.

Flatsch! Wieder ist jemand bei dem Versuch, ein Hindernis zu überwinden, in den Schlamm gefallen. Am Ende des Filmchens, nach etwa drei Minuten, laufen die Teilnehmer erschöpft, aber glücklich durch einen schwarzen Bogen, das Ziel. Bei YouTube sind Tausende dieser Videos zu finden, viele wurden millionenfach angeschaut.

Tough Mudder veranstaltet 70 Rennen pro Jahr

Dreck, Schweiß und Schmerz: Will Dean hat offensichtlich eine Formel gefunden, die bei seinen Kunden ankommt. Dabei sieht der Unternehmer selbst gar nicht besonders brutal aus. Auf den ersten Blick ein netter Typ; einer, mit dem man abends auf ein Bier in den Pub geht. Doch das täuscht. Der Brite steht für ein extrem schmutziges Geschäft.

Der britische Unternehmer und Mitgründer von "Tough Mudder", Will Dean. (Foto: YouTube / Tough Mudder)

Dean bringt rund eine Million Menschen im Jahr dazu, freiwillig durch den Schlamm zu kriechen, durch Tränengas zu laufen und Elektroschocks auszuhalten. Er ist Gründer und Chef von Tough Mudder, einem New Yorker Extremsport-Unternehmen, das in Nordamerika, Europa und Australien Hindernisläufe veranstaltet, bei denen die Teilnehmer weitaus mehr meistern müssen als ein paar Bocksprünge und kaltes Wasser.

Tough Mudder profitiert dabei vom wachsenden Zulauf für Extremsportarten. Das Unternehmen veranstaltet inzwischen rund 70 Hindernisrennen pro Jahr und macht umgerechnet rund 92 Millionen Euro Umsatz. Das reicht Dean jedoch nicht: Der 35-Jährige will in diesem Jahr nach Asien, in Korea, Japan und China, expandieren und eine Reality-TV-Show auf den Markt bringen.

Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass Dean den Professoren an der renommierten Harvard-Universität seinen Geschäftsplan vorstellte. "Wissen Sie, jeder in Harvard dachte, ich würde scheitern", sagt er. Die Kritik der Professoren hielt ihn jedoch nicht davon ab, seine Idee zu verwirklichen – wie auch die Behauptung, er habe die Idee von Billy Wilson, dem Gründer von Tough Guy, geklaut.

Mark Zuckerberg des Extremsports

"Ich höre das jetzt seit sechs Jahren", sagt Dean und klingt etwas genervt, "ich habe nie behauptet, dass ich das Konzept des Hindernislaufes erfunden habe." Tough Guy wurde bereits 1987 in Großbritannien gegründet. Wilson verklagte Dean, als er von Tough Mudder hörte; der Harvard-Student aus Sheffield soll sich vorher Zugang zu internen Informationen über Tough Guy verschafft haben – alles unter dem Vorwand, eine Studie über das Geschäftsmodell erstellen zu wollen. Die beiden haben sich geeinigt, ohne jedoch, dass die Details des Deals publik wurden.

Dean macht es nichts aus, als Mark Zuckerberg des Extremsports zu gelten. Der Facebook-Gründer muss sich ebenfalls den Vorwurf gefallen lassen, er habe die Idee des sozialen Netzwerkes geklaut. "Es gibt einen Grund, warum wir der größte Anbieter weltweit in diesem Sektor sind", sagt er, "wir sind das erfolgreichste Unternehmen überhaupt." Er sei störrisch, verrät der Firmengründer. Die Zweifel seiner Professoren haben ihn offensichtlich weiter angetrieben. "Je schwerer es die Leute mir machen, desto erfolgreicher werde ich", sagt er.

Die Zahlen scheinen ihm recht zu geben. Tough Mudder hat innerhalb weniger Jahre stark expandiert, inzwischen gibt es die Läufe nicht nur in den USA, Großbritannien und Australien, sondern auch in Mexiko oder Deutschland. "Wir beobachten eine deutliche Zunahme bei Massen-Veranstaltungen", sagt Angus Buchanan, Geschäftsführer der Sports Consultancy, einer Unternehmensberatung in London. "Die Leute wollen neue Sachen ausprobieren und nachher das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben", erklärt er. Von diesem Trend profitiere auch Tough Mudder: "Es ist eine körperliche Herausforderung, mit der man nachher angeben kann", sagt Buchanan. Wer den Tough Mudder schafft, der bekommt ein orangefarbenes Stirnband geschenkt.

Teilnehmer des Tough-Mudder-Wettkampfes in Hermannsburg (Niedersachsen) klettern über ein Hindernis. (Foto: picture alliance / dpa)

Sieht gefährlicher aus, als es ist

Will Dean hat einige Neuerungen eingeführt, zum Beispiel Mudderella, einen Hindernislauf nur für Frauen, und den Half Mudder, der statt über rund 20 Kilometer nur etwa über zehn Kilometer geht. Trainingsklassen wie Mudder Maker bereiten in den Studios der Fitnesskette Virgin auf das Event vor.

Tough Mudder ist im Vergleich zu anderen Extremsportwettbewerben jedoch nicht leistungsorientiert, es gibt keinen ersten Platz für den, der die Hindernisse am schnellsten hinter sich lässt. Bis zu sechs Leute absolvieren den Lauf zusammen, es ist vor allem Teamarbeit. "Ich wollte etwas schaffen, das die Kameradschaft fördert", sagt Dean. "Unsere Teilnehmer bringen ihre Freunde mit, sie sind draußen, in der Natur, ohne ihr Smartphone." Nur 20 Prozent derer, die beim Tough Mudder mitmachen, sind professionelle Athleten, alle anderen sind Hobbysportler.

Das hält auch Andy Macnae, Chef der Sportberatung Venture Xtreme, für einen Vorteil von Tough Mudder. "Die Leute lernen neue Sachen, sie verlassen ihre Komfortzone", sagt der Branchenexperte. Der Sport übe einen starken Reiz aus, da es sich um Übungen handele, die zunächst gefährlich aussehen, eigentlich aber nicht besonders risikoreich sind. "Die Unfallrate ist recht niedrig, das Risiko kontrollierbar", sagt Macnae. Das erkläre auch den Boom der Kletterhallen und Mountainbike-Parks.

Angus Buchanan dagegen glaubt, dass der Mangel an Konkurrenzdenken dem Unternehmen langfristig zum Nachteil gereichen könnte. "Wenn es keine Wertung gibt, sind die Leute nicht auf Dauer gefesselt", meint er. Der Wettbewerber Spartan aus dem amerikanischen Vermont zum Beispiel sei in dieser Hinsicht deutlich attraktiver: "Spartan hat globale Rankings, es gibt internationale Wettkämpfe", sagt Buchanan. Die Spartan-Rennen sind im Vergleich zu Tough Mudder deutlich schwieriger, da sie mehr Hindernisse enthalten.

Raus aus der Komfortzone, hinein in den Matsch. (Foto: picture alliance / AP Photo)

Ist noch härter noch erfolgreicher?

Hinter Spartan steht Joe De Sena, ein Extremsportler, der es zu seinen Höchstzeiten schaffte, einen Ironman, ein 100-Meilen- und ein 135-Meilen-Rennen innerhalb einer einzigen Woche zu absolvieren. Er ging mit einem sogenannten "Death Race", dem 24 Stunden dauernden Todesrennen, an den Start, bevor er 2010 Spartan gründete. Von Anfang an stand der Wettbewerbsgedanke im Vordergrund, De Sena veranstaltet seine Rennen deshalb unter anderem auch in Stadien. Wer gewinnt, bekommt ein Preisgeld. Bei Tough Mudder ist das undenkbar.

Der Hindernislauf wird dem Branchenexperten Buchanan zufolge in drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden angeboten, was viele Teilnehmer dazu bringe, mindestens drei Mal einen Spartan zu laufen. "Wettbewerbe wie dieser werden auf Dauer erfolgreicher sein als Tough Mudder", erwartet Buchanan. Total Warrior, ein Konkurrenzprodukt aus Großbritannien, das in diesem Jahr rund 20.000 Teilnehmer erwartet, bietet aus diesem Grund ebenfalls eine Vergleichsmöglichkeit an – die Veranstalter des in Lake District, Leeds und Edinburgh stattfindenden Rennens ermöglichen es den Teilnehmern, ihre Zeit zu messen, sodass sie ihre persönliche Bestmarke messen oder aber schneller sein können als ihre Wettbewerber.

Will Dean kennt diese Argumente. "Unsere Wiederholungsrate liegt bei 42 Prozent", entgegnet er, "das ist wirklich gut." Bei Marathons würden im Schnitt nur neun Prozent der Teilnehmer ein zweites Mal antreten. "Wir wissen natürlich, dass wir immer wieder neue Sachen anbieten müssen", sagt der Gründer. Jedes Jahr stellt das Unternehmen deshalb einige neue Hindernisse vor. 2015 kam unter anderem der "King of the Swingers" hinzu, bei dem sich die Teilnehmer von einer erhöhten Plattform aus durch die Luft schwingen und versuchen, über einen Pool mit grünem Wasser zu springen.

Auch Wettbewerber wie Rat Race, ein Extremsportanbieter aus Großbritannien, haben deshalb ihre Produktpalette erweitert: Rat Race bietet inzwischen nicht nur Hindernisläufe, sondern auch Ausdauerrennen an, die einen Tag und länger dauern.

650 Millionen Dollar für den Ironman

Hindernisrennen haben Will Dean zufolge im Vergleich zu anderen Wettkämpfen einen großen Vorteil. Anders als zum Beispiel beim Triathlon sei für Tough Mudder keine teure Ausrüstung erforderlich, abgesehen von der Teilnahmegebühr, die zwischen 90 und 140 Euro kostet. Vor allem in Deutschland werde der Slogan "Probably the Toughest Event on the Planet" – übersetzt in "vielleicht das härteste Event auf dem Planeten" – sehr ernst genommen. "Die Teilnehmer in Deutschland sind meist extrem fit", sagt Dean.

Der Firmenboss ist selber kein Sportfanatiker mehr. "Einige Jahre lang war ich sehr auf Sport fokussiert, jetzt habe ich anderes zu tun", sagt Dean. Zwar mache er noch immer fast jeden Tag Sport, aber er versuche, die richtige Balance zu finden. Das wiederum, so glaubt er, sei einer der Gründe für den Erfolg: Auch wenn sich die Aufgaben schwierig anhören, so ist der Hürdenlauf doch für jemanden, der regelmäßig Sport treibt, durchaus zu schaffen.

Auch die Großkonzerne interessieren sich zunehmend für Extremsportarten. Erst vor einigen Monaten hatte die chinesische Wanda-Gruppe die Rechte am Triathlon-Klassiker Ironman gekauft. Knapp vier Kilometer schwimmen, 180 Kilometer mit dem Rad fahren und dann noch einen Marathon laufen – diese Extreme sind Wanda-Chef Wang Jianlin 650 Millionen Dollar wert. Eine Summe, die zeigt, dass Will Dean auf dem richtigen Weg ist.

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