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Milliardenschwere Start-ups Auf der Jagd nach Deutschlands "Einhörnern"

Als "Unicorns" – Einhörner – bezeichnet die Finanzwelt Start-ups, die mindestens eine Milliarde Dollar wert sind. Weltweit gibt es knapp 150 dieser Unternehmen. Nur vier kommen aus Deutschland.

Ein altes Backsteingebäude in Islington, im Osten Londons. Der Boden ist mit Holzdielen bedeckt. Am Herd in der Küche liegen Auberginen, Tomaten und einige große Messer bereit. Hier, im ersten Stock des Restaurants "Fifteen", hat Jamie Oliver schon oft gekocht, seine Fernsehsendung "Jamie's Kitchen" wurde hier aufgezeichnet.

Der Brite rückt seine Schürze zurecht. Mit kräftigen Schnitten zerlegt er die Auberginen in große Stücke, "so grob wie möglich", sagt er. Er brät das Gemüse in Öl an, gibt Tomaten und Kapern hinzu. In der Pfanne rechts vom Kochtopf liegen ein paar Mandeln. "Leicht anrösten, nicht verbrennen", erklärt Oliver und lächelt.

Es ist ein sizilianisches Gericht, das er mit seinen Gästen kocht, nichts Kompliziertes. "Das ist wirklich ganz einfach", sagt der Mann. Ihm vertrauen weltweit Millionen; sie schauen seine Sendungen, kaufen seine Kochbücher. Oliver liegt viel daran, die Briten wieder zum Kochen zu bringen.

Der britische Starkoch Jamie Oliver. Jetzt bringt das Berliner Start-up HelloFresh dessen Rezepte und die zum Kochen benötigten Zutaten in Deutschlands Küchen. (Foto: obs)

HelloFresh – in sieben Ländern tätig

Aus dem Grund kocht er an diesem Abend nicht allein. Neben ihm steht Dominic Richter, ein kleiner Mann mit großer blonder Haartolle und brauner Schürze. Der 30-Jährige rührt in einer Schüssel mit Couscous. "Nice scooping", sagt Oliver und schaut ihm für ein paar Sekunden zu, bevor er sich wieder den Auberginen zuwendet.

Richter ist Mitgründer und CEO von HelloFresh, einem Lieferdienst für gesunde Gerichte, bei dem die Kunden selber kochen. Das im Herbst 2011 gegründete Unternehmen aus Berlin ist inzwischen in sieben Ländern, darunter in Großbritannien, tätig und verschickt pro Monat mehrere Millionen Essen an Kunden, die zwar Geld, aber wenig Zeit haben.

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"Wieder und wieder Take-away ist nicht wirklich spannend", sagt Richter. Er will seine Kunden ans Kochen heranführen und liefert ihnen in einer Pappbox alle Zutaten, die sie für ein Gericht brauchen – in der richtigen Dosierung, direkt nach Hause.

20 bis 30 Minuten soll die Zubereitung im Schnitt dauern, jeder Schritt wird einzeln erklärt. "In Großbritannien haben wir drei Generationen von Leuten, die nicht gelernt haben, wie Kochen geht", sagt Jamie Oliver und rührt den Topf mit einem großen Plastiklöffel um.

Zalando und Rocket Internet waren einst auch "Unicorns"

HelloFresh ist eines der wenigen Vorzeige-Unternehmen aus der Start-up-Schmiede von Rocket Internet, das durch extremes Wachstum überzeugt: In den ersten neun Monaten des Jahres 2015 ist der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um rund 384 Prozent auf 198 Millionen Euro gestiegen. Die Bewertung lag bereits im September 2013 bei 2,6 Milliarden Euro.

Damit gehört HelloFresh zu den wenigen "Unicorns", Einhörnern, in Deutschland. So wurden einst Tech-Start-ups getauft, die sich noch vor dem Börsengang zu einem Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar entwickelten. Der Name spielte auf ihre Seltenheit an – doch von selten kann zumindest in den USA nicht mehr die Rede sein.

Der Versandhändler Zalando gehört zu den erfolgreichsten Start-ups der deutschen Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet. (Foto: dpa)

Richter und seine rund 800 Mitarbeiter folgen dabei der Rocket-Strategie, erst auf Wachstum und dann auf Profite zu setzen. Wann denn der Break-even komme, wird der Unternehmer gefragt, als er die Couscous-Schüssel abstellt. "Wir können steuern, wann wir profitabel sind", sagt er, ohne zu zögern, "wir setzen zurzeit auf Wachstum." Zum Börsengang, der zuletzt überraschend verschoben wurde, will er nichts sagen.

Das "Wall Street Journal" zählt aktuell 147 Tech-Unternehmen aus der ganzen Welt zu dem "Billion Dollar Start-up Club". Die wertvollsten davon kann man – trotz fehlendem Börsengang – nur noch schwerlich als Start-up bezeichnen. Das wertvollste Unternehmen ist Uber mit einer Bewertung von zuletzt 51 Milliarden Dollar, gefolgt vom chinesischen Smartphone-Hersteller Xiaomi mit 46 Milliarden Dollar und der Online-Wohnungsvermittlung Airbnb.

Aus Europa kommen nur 16 der "Unicorns" – aus Deutschland nach dieser Zählung nur vier. Zalando und Rocket Internet gehörten einst dazu, bis ihnen mit dem Börsengang der sogenannte Exit gelang – die Ablösung der Risikokapitalgeber, die irgendwann eine große Rendite für ihr risikoreiches Investment einstreichen wollen.

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Eine andere Exit-Möglichkeit ist ein Verkauf: Der Fernwartungs-Software-Anbieter Teamviewer wurde im Mai 2014 für 1,1 Milliarden Dollar vom Private-Equity-Unternehmen Permira in London übernommen. Und auch in Deutschland gibt es weitere erfolgreiche Start-ups:

Delivery Hero – Fressen oder gefressen werden

Virtual Reality, 3-D-Drucker, Künstliche Intelligenz? Weit gefehlt: Auf nichts anderes waren Tech-Investoren 2015 so heiß wie auf schnödes Essen. Oder besser: die Online-Plattformen, über die Bestellessen zunehmend ausgeliefert wird.

Aus Berlin kommt dabei Delivery Hero, an dem Rocket Internet mit rund 40 Prozent beteiligt ist. Das Unternehmen ist in Deutschland mit den Plattformen Lieferheld, Pizza.de und Foodora präsent.

Mit einer Bewertung von zuletzt 3,1 Milliarden ist Delivery Hero hinter der schwedischen Musik-Streaming-Plattform Spotify und der in Luxemburg ansässigen Global Fashoon Group, in der Rocket Internet und der schwedische Investor Kinnevik ihre Mode-Start-ups zusammengefasst haben, das drittwertvollste "Unicorn" in Europa.

Delivery Hero ist mit seinen Bestellplattformen in insgesamt 34 Ländern aktiv – darunter selbst China – und nach eigener Einschätzung in 29 davon Marktführer. Die Premium-Tochter Foodora ist in zwölf Ländern aktiv und schreibt überall noch große Verluste. Die größten Umsätze fährt Delivery Hero in Märkten wie Deutschland, der Türkei, Südkorea, Großbritannien und dem Nahen Osten ein. Großbritannien ist dabei der Heimatmarkt von Just Eat – neben der US-Firma GrubHub der größte globale Konkurrent von Delivery Hero.

Auf dem deutschen Markt bleibt nach der Übernahme von Pizza.de durch Delivery Hero im August 2014 nur noch eine echte Konkurrenz übrig: Der niederländische Anbieter Takeaway.com, der in Deutschland mit der Marke Lieferando aktiv ist. Im vom harten Wettbewerb ohne klaren Marktführer geprägten Markt schreiben beide Unternehmen bisher Verluste – vor allem weil beide hohe Werbe- und Marketingkosten haben.

Das Geschäft mit der Vermittlung von Lieferdiensten lohnt sich vor allem an Position eins, in größeren Märkten wie Großbritannien auch noch an zweiter oder dritter Stelle. Es ist ein Massengeschäft. Investoren schätzen die Tatsache, dass das Geschäftsmodell sich leicht skalieren, also auf eine enorme Größe bringen lässt, ohne dass dadurch die Kosten steigen. Das führt andererseits aber in zahlreichen Märkten zu einem harten Verdrängungswettbewerb um die lukrative erste Position.

Sowohl Just Eat als auch GrubHub sind bereits seit 2014 an der Börse gelistet. Während der Aktienkurs von Just Eat seitdem über 60 Prozent zugelegt hat, ist der GrubHub-Kurs nach einem vorübergehenden Höhenflug eingebrochen und pendelt heute mehr als 32 Prozent unter dem Ausgabekurs.

Home24 – das Online-Ikea

Auch Home24 entstammt der Start-up-Schmiede von Rocket Internet – der Berliner Online-Shop für Möbel, Lampen und Wohnaccessoires bezeichnet sich selbst als Deutschlands größtes Online-Möbelhaus. In der jüngsten Finanzierungsrunde von Dezember 2014 hat Home24 knapp die Milliardenbewertung geknackt. Das Unternehmen ist in Deutschland, Frankreich, Österreich, Niederlande, Schweiz, Belgien, Italien und Brasilien aktiv. Der deutschsprachige Raum ist für Home24 der wichtigste Markt.

Das Model Eva Padberg posiert in ihrer Möbel- und Dekorationskollektion, die exklusiv beim Möbel-Versandhändler Home24 erhältlich ist. (Foto: dpa)

Immer wieder machten Börsengerüchte die Runde, wohl auch angesichts des schwierigen Marktumfeldes gibt es aber bis heute keine offizielle Ankündigung. Das Wachstum ist weniger steil als bei HelloFresh, aber immer noch ordentlich: Der Umsatz stieg in den ersten neun Monaten des Jahres 2015 gegenüber dem Vorjahr um 63,4 Prozent auf über 172 Millionen Euro. Darin nicht enthalten ist das traditionell besonders starke Weihnachtsquartal.

Das Wachstum ist allerdings zum Teil teuer durch Übernahmen und stark steigende Investitionen erkauft – insgesamt zwölf Millionen Euro gab Home24 dafür im selben Zeitraum aus. Im Vorjahr waren es nur 3,1 Millionen Euro gewesen. Erst vor Kurzem übernahm das Unternehmen das Online-Möbelkaufhaus Fashion For Home, das sich auf Designermöbel spezialisiert hat.

Und nicht immer erfolgt das Wachstum ohne Rückschläge: Im Dezember vergangenen Jahres entließ Home24 im Rahmen einer Umstrukturierung 35 der rund 1200 Mitarbeiter, um die Profitabilität zu erhöhen. Größter Konkurrent von Home24 ist kein anderer reiner Online-Möbelhändler, sondern Platzhirsch Ikea.

SoundCloud – der DJ-Liebling

Das Berliner Musikstreaming-Start-up SoundCloud hat wesentlich dazu beigetragen, internationalen Glanz in die Hauptstadt zu bringen. Offene und großzügige Räume mit viel Glas und Designermöbeln, auf den Fluren ist die Geschäftssprache Englisch. Zu den Investoren gehört der Silicon-Valley-Wagniskapitalgeber Kleiner Perkins Caufield & Byers, früher Investor in klingende Namen wie Google und Amazon.

Ob SoundCloud die Milliardenbewertung wirklich geknackt hat, ist indes nicht ganz klar: Im Januar 2014 wurde das Unternehmen von Investoren mit 700 Millionen Dollar bewertet, im Dezember 2014 berichtet das "Wall Street Journal", dass die kommende Finanzierungsrunde die Bewertung von 1,2 Milliarden Dollar erreichen könnte. Aktuell zählt die US-Wirtschaftszeitung SoundCloud aber nicht zum "Billion Dollar Club". Eine SoundCloud-Sprecherin wollte sich zu der vermuteten Bewertung nicht äußern.

Zuletzt standen die Berliner außerdem ein wenig im Schatten des erfolgreichen schwedischen Streaming-Anbieters Spotify – und auch die Tech-Riesen von Apple über Google bis Amazon mischen im Musikstreaming mit. SoundCloud richtet sich aber in erster Linie an Musiker und DJs. Diese können ihre Musik oder Remixe online stellen. Musikfans wiederum können beispielsweise ihren Lieblings-DJs ähnlich wie auf einem sozialen Netzwerk folgen.

Alexander Ljung, Gründer des Musikdienstes SoundCloud, beim Spaziergang in Berlin. (Foto: Amin Akhtar)

Im Juli vergangenen Jahres hatte SoundCloud laut "Bloomberg" 150 Millionen registrierter Nutzer – aber mit dem Geldverdienen hat sich das Unternehmen, das seine Wurzeln in Stockholm hat, lange Zeit gelassen. Für dieses Jahr hat das bereits 2007 gegründete Unternehmen nun angekündigt, endlich in größerem Umfang Umsätze erwirtschaften zu wollen.

Ein wichtige Voraussetzung dafür fehlt allerdings noch: eine Einigung mit Sony Music Entertainment. Mit den anderen beiden großen Musiklabels Universal Music und Warner Music hat SoundCloud bereits Vereinbarungen geschlossen – mit Universal nach langen und zählen Verhandlungen erst vor rund zwei Wochen. Auch mit der Performing Rights Society for Music (PRS), dem britischen Äquivalent zur deutschen Rechteverwertungsgesellschaft Gema, ist eine Vereinbarung gelungen.

Im vergangenen Dezember räumte das Unternehmen ein, dass 15 bis 20 der 200 Mitarbeiter in Berlin gehen müssten, um "das Geschäftsmodell anzupassen". Im Januar wurde bekannt, dass sich SoundCloud im vergangenen Jahr nicht mehr über neue Investoren, sondern über Kredite Geld besorgt hatte. Anfang 2015 hatte eine US-Investmentfirma SoundCloud einen Kredit über 32 Millionen Euro gewährt. Die Finanzierungsrunde, die SoundCloud auf eine Bewertung von 1,2 Milliarden Dollar bringen sollte, hat also vermutlich nie stattgefunden.

Auto1 Group – Gebrauchtwagen digital

Unter den deutschen "Unicorns" blieb die Berliner Auto1 Group lange unter dem Radar – dabei handelt es sich bei dem 2012 gegründeten Online-Gebrauchtwagen-Marktplatz um eines der wertvollsten Start-ups Europas. In der jüngsten Finanzierungsrunde im April 2015 wurde es mit 1,2 Milliarden Dollar bewertet.

Die Auto1 Group hilft dabei, den Gebrauchten innerhalb von zehn Tagen zu verkaufen. (Foto: picture alliance / dpa Themendie)

Das Prinzip von Auto1: Der Marktplatz bewertet und kauft Gebrauchtwagen und verkauft sie zu einem höheren Preis an Autohändler. Vorteil für den Verkäufer des Autos ist die Geschwindigkeit. Innerhalb von zehn Tagen ist er sein Auto los, versprechen die Gründer.

Keimzelle des Start-ups waren laut "Bloomberg" die Schwierigkeiten, auf die einer der Gründer bei dem Versuch stieß, das Auto seiner Großmutter zu verkaufen. Die jüngste Erfolgsmeldung kommt aus Frankreich: 18 Monate nach der Expansion konnte Auto1 15.000 Gebrauchtwagen verkaufen, 2016 rechnet das Unternehmen mit 50.000 Einheiten, berichtet das französische Branchenmagazin "L'Argus".

CureVac – Impfen gegen Krebs

Sicher das unbekannteste Unternehmen unter den deutschen Einhörnern ist das Tübinger Biotech-Unternehmen CureVac mit rund 250 Mitarbeitern, das im November mit in der jüngsten Finanzierungsrunde mit rund 1,5 Milliarden Dollar bewertet wurde. Als Start-up kann man CureVac allerdings auch kaum noch bezeichnen – es wurde bereits im Jahr 2000 aus Arbeitskreisen an der Universität Tübingen heraus gegründet.

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CureVac hat sich nach eigenen Angaben weltweit als bisher einziges Unternehmen auf die Erforschung und Entwicklung von individuell maßgeschneiderten Arzneimitteln auf Grundlage sogenannter Messenger- oder Boten-RNA spezialisiert. So werden Moleküle bezeichnet, die für die Produktion von Proteinen nötig sind. Der Botenstoff wird dazu genutzt, Proteine zu erzeugen, die eine Vielzahl von Krankheiten bekämpfen könnten.

Die von CureVac entwickelten Therapien sollen unter anderem zur Behandlung von Tumoren und zur Entwicklung von Impfstoffen genutzt werden, die Entzündungen oder sogar Krebs vorbeugen. Das Verfahren wird derzeit an rund 200 an Prostatakrebs erkrankten Patienten erprobt.

Das Unternehmen erwartet noch dieses Jahr die Ergebnisse. Bis die Therapie zugelassen ist, wird es noch dauern. "In den frühen bis mittleren 20er Jahren dieses Jahrhunderts könnte es so weit sein" sagte eine Unternehmenssprecherin. CureVac erziele allerdings bereits Umsätze im Rahmen der Partnerschaft mit dem Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim.

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