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Düstere Aussichten Deutschlands goldene Ära läuft ab

Deutschland ist Europas Wachstumslokomotive, die Wirtschaft brummt. Doch weit am Horizont ziehen dunkle Wolken auf. Es droht eine düstere Zukunft.

Die deutsche Volkswirtschaft steht vor einer glänzenden Zukunft – einerseits. In der kurzen Frist scheint vieles rosig: Wachstum, Beschäftigung, Löhne und viele weitere Indikatoren zeigen an, wie erfolgreich Deutschland sich in einer globalisierten Weltwirtschaft behaupten konnte und kann.

Andererseits stehen wir aber auch vor trüben Jahrzehnten: Denn blicken wir weiter in die Zukunft, erkennen wir eine deutsche Volkswirtschaft, die vieles von ihrem einstigen Glanz verloren hat. Gleich in mehreren Punkten hakt es kräftig, darunter Beschäftigung, Investitionen und Produktivität.

Einige dieser Entwicklungen lassen sich in den nächsten Jahrzehnten nur marginal ändern, wie etwa die Demografie. Sie hat ein langes Gedächtnis – die Folgen von Fehlentwicklungen sind hier erst nach Jahrzehnten zu spüren. Andere Entwicklungen können durch vorausschauendes Handeln von Politik und Wirtschaft gestaltet werden – darunter auch der Umgang mit den Folgen ebenjener demografischen Entwicklung.

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Wo die Baustellen liegen, zeigt ein Blick auf die Entwicklung Deutschlands bis ins Jahr 2040. In der jüngsten Vergangenheit waren wir die Wachstumslokomotive Europas und auch für die Jahre 2016 und 2017 können wir mit im EU-Vergleich überdurchschnittlichen Wachstumsraten von 1,5 Prozent und mehr rechnen.

(Foto: Infografik Die Welt)

Weiterhin auf den Weltmärkten erfolgreich

Heute sind in Deutschland mehr als 43 Millionen Menschen beschäftigt, so viele wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Wesentlich getrieben wurde dieser Anstieg von einer Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, er geht also keinesfalls allein auf das Konto sogenannte prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Zudem sind die Löhne kräftig gewachsen und Arbeitslosigkeit spielt in zahlreichen Regionen heute kaum noch eine Rolle. Entsprechend dynamisch zeigt sich der private Konsum, der auch in diesem und dem kommenden Jahr kräftig zulegen dürfte.

Zwei wesentliche Erfolgsfaktoren haben dazu beigetragen: Wir sind weiterhin auf den Weltmärkten sehr erfolgreich. Als einzigem großem Industrieland ist es Deutschland in den vergangenen 20 Jahren gelungen, seine Weltmarktanteile annähernd zu halten.

Trotz der dynamischen Entwicklung Chinas, das Mitte der 1990er Jahre praktisch noch nicht auf den Weltmärkten präsent war, ging der Anteil Deutschlands an den globalen Warenexporten nur um gut zwei Prozentpunkte auf heute knapp elf Prozent zurück. Möglich machte dies nicht zuletzt die starke und sehr wettbewerbsfähige industrielle Basis in Deutschland, die 23 Prozent an der gesamten Bruttowertschöpfung ausmacht.

Dieser Industrieanteil liegt zum Teil mehr als zehn Prozentpunkte höher als etwa in den Vereinigten Staaten oder Frankreich. Da die Industrie zudem ein wichtiger Vorleistungsbezieher von heimischen Dienstleistungen ist, stellt sie somit unmittelbar und mittelbar einen wesentlichen gesamtwirtschaftlichen Wachstumstreiber dar.

Deutschland droht Überalterung

Doch mittel- und langfristig sind die Aussichten für die deutsche Volkswirtschaft trübe. Kein Land – abgesehen von Japan und Südkorea – sieht sich derart großen demografischen Herausforderungen ausgesetzt wie Deutschland. Während heute auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren etwa 35 Personen im Rentenalter kommen, werden es im Jahr 2040 fast 56 sein – weltweit ein "Spitzenwert".

Die dahinter stehende rückläufige Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter – fast 15 Prozent gegenüber heute – führt dazu, dass das Beschäftigungsvolumen dauerhaft zurückgehen wird – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum.

Mehr zum Thema: Steigende Arbeitslosigkeit - UN-Organisation warnt vor sozialen Unruhen

Gravierender noch: Verstärkt durch sich ändernde Anforderungen in der Arbeitswelt droht Deutschland, falls wir nicht rechtzeitig gegensteuern, eine Fachkräftelücke von fast vier Millionen Menschen im Jahr 2040. Und auch die Aussichten für Investitionen und Produktivitätsfortschritte stellen sich nicht rosig dar: Der Staat kann oder will den immensen öffentlichen Investitionsrückstand nicht wettmachen und die Unternehmen, die immerhin solide investieren, werden in den kommenden Jahren vor dem Hintergrund der langfristigen Aussichten keinen Investitionsboom auslösen.

Für die Produktivität schließlich gilt: Zwar werden der Digitalisierung hier enorme Potenziale zugeschrieben (die sie allerdings noch unter Beweis stellen muss), sie muss aber frühere Produktivitätsfortschritte erst einmal ersetzen können. Das wird schwierig genug.

(Foto: Infografik Die Welt)

Arbeitszeit wird steigen

Die Folgen des demografischen Wandels kann Deutschland nur abmildern, wenn mehr Menschen länger arbeiten. Wir erwarten deutlich steigende Erwerbsquoten von Frauen sowie von älteren Menschen. Das bedeutet auch, dass die "Rente mit 67" gelebt werden wird. Zudem dürfte die durchschnittliche Jahresarbeitszeit ansteigen – Ausdruck dessen, dass Teilzeittätigkeiten im Durchschnitt mehr Stunden umfassen werden als heute.

Zudem spielt Zuwanderung eine wichtige Rolle. Ohne Zuwanderung würden wir noch schneller altern als ohnehin. Modellrechnungen zeigen, dass bei einer sehr hohen Wanderungsannahme von netto 650.000 Personen, die pro Jahr nach Deutschland kämen, der Altenquotient bis zum Jahr 2040 nicht auf 55, sondern "nur" auf einen Wert von 48 steigen würde. Diese Rechnungen machen aber auch deutlich, dass Zuwanderung die Alterung bremsen, keinesfalls jedoch aufhalten kann. Entscheidend ist dabei die Kontinuität der Zuwanderung und dass ihr eine Integration in den Arbeitsmarkt folgt.

Nur so können wir durch Migration den drei Herausforderungen Demografie, Fachkräftelücke und rückläufiges Wachstumspotenzial überhaupt wirksam begegnen. Eine einmalige Zuwanderung auch von einer Millionen Menschen oder mehr hilft uns hingegen demografisch kaum. Denn Zuwanderer werden jedes Jahr um ein Jahr älter, genauso wie die übrige Bevölkerung. Das Problem verschiebt sich somit nur in die Zukunft.

Deshalb gilt: Raus aus dem Krisenmodus, rein ins Strategiedenken, und zwar so schnell wie möglich. Deutschland als Einwanderungsland braucht heute neben Flexibilität auch langfristige Konzepte, die unbedingt auch die Anwerbung qualifizierter Fachkräfte umfassen müssen. Beides ist wichtig, parallel.

Gleiche Chancen für Migranten

Die nächsten Jahrzehnte wird Deutschland Arbeitskräfte sowohl mit beruflicher Bildung als auch mit akademischer Bildung zunehmend dringend benötigen, am stärksten betroffen sind die Gesundheits- und Pflegeberufe, in denen die Gefahr besteht, dass bis zu zehn Prozent der Stellen nicht besetzt werden können. Schon heute liegt der Anteil der Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund an allen Erwerbstätigen in nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen bei 14 Prozent, Tendenz in den letzten Jahren steigend.

Die zu erwartende höhere Erwerbstätigkeit von Frauen sowie die Alterung der Gesellschaft führen weiterhin zu einem höheren Bedarf an haushaltsnahen und personenbezogenen Dienstleistungen. Alle, die arbeiten können – Flüchtling oder nicht – müssen daher Qualifikations- und Beschäftigungschancen erhalten, die Möglichkeit also, ein wirtschaftlich eigenverantwortliches Leben ohne Transferleistungen zu führen, mit diskriminierungsfreiem Zugang zum Arbeitsmarkt.

Dass die deutsche Wirtschaft, insbesondere kleinere und mittlere Betriebe, hier noch Hausaufgaben zu erledigen haben, ist belegt. Immer noch werden angehende Azubis mit einem türkischen Namen bei ansonsten gleichen Bewerbungspapieren deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als Bewerber mit deutschem Namen.

Auch bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse gibt es noch Verbesserungsbedarf, daneben auf vielen weiteren Handlungsfeldern. Eine starke Organisation wie ein Migrationsministerium, das alle Aufgaben bündelt – solche, die Flexibilität und schnellen Einsatz verlangen und solche, die vorausschauender Strategien und Konzepte bedürfen – könnte dies besser leisten als ein Flickenteppich der Zuständigkeiten.

(Foto: Infografik Die Welt)

Demografische Alterung lässt sich nicht aufhalten

Doch unabhängig von der Frage, ob es dazu kommt oder nicht, sei aus der Perspektive des Prognostikers davor gewarnt, die für Deutschland ungewöhnlich hohen Zuwanderungszahlen des Jahres 2015 linear für mehrere Jahre in die Zukunft fortzuschreiben. Das ist nicht plausibel. Politisch erscheint es kaum vorstellbar, dass Deutschland im Falle einer auf dem gegenwärtigen Niveau anhaltenden Zuwanderung seine Migrationspolitik des vergangenen Jahres völlig unverändert ließe.

Wichtiger aber: Entscheidend für die Demografie und alles Weitere ist nicht die Bruttozuwanderung, sondern die Nettozuwanderung. Von den gut ein Millionen Asylsuchenden, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, wird nach groben Schätzungen etwa 40 Prozent eine Bleibeperspektive eingeräumt.

Unterstellt man eine konsequente Rückführung von abgelehnten Asylbewerbern, könnten in den kommenden Jahren von den genannten Personen rund 600.000 das Land wieder verlassen. In einem Szenario mit gar rückläufigem Zuwanderungsdruck ist somit nicht einmal ausgeschlossen, dass Deutschland perspektivisch auch wieder einmal per Saldo Auswanderungen verzeichnen wird.

Hält man sich also vor Augen, dass die demografische Alterung in Deutschland nur mit großen Anstrengungen abzumildern, in keinem Fall jedoch aufzuhalten ist, und dass auch andere Wachstumstreiber hier kaum in die Bresche springen werden, ist eines klar: So günstig sich die wirtschaftliche Lage heute darzustellen scheint, langfristig wird Deutschland mehr als in der Vergangenheit dafür tun müssen, um sein Wachstumspotenzial aufrechtzuerhalten. Was auffällt: Die Trümpfe, die Deutschland in der Hand hält, liegen in der nahen Zukunft. Die Risiken aber sind langfristig. Und sie sind fundamental.

(Foto: Infografik Die Welt)

Der Autor ist Geschäftsführender Gesellschafter der Prognos AG. Das Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen mit Hauptsitz in Basel erstellt unter anderem Prognosen und Szenarien zur nationalen und globalen Wirtschaft der nächsten Jahrzehnte.

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