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Wladimir Putins Öl-Misere Russland muss sich neu erfinden

Russlands Wirtschaft ist abhängig vom Öl. Die aktuellen Tiefpreise machen dem Land massiv zu schaffen. Auch ein anderes Problem wird immer prekärer. Moskau muss wohl radikale Maßnahmen ergreifen.

Was Oleg Pacholkov jüngst in Moskau forderte, war radikal – aber im Kern nicht ganz so abwegig, wie es auf den ersten Blick schien. Russland solle seinen Ölexport binnen fünf Jahren nach und nach auf null zurückfahren, forderte der Oppositionspolitiker. Nur dann komme es zu den notwendigen Reformen in Staat und Wirtschaft: "Russland hat wiederholt bewiesen, dass es aus der Asche wiedererstehen kann", sagte Pacholkov.

Russland als Phönix ohne Ölexport? Der Großteil des Establishments sah in der Forderung nur eine Schnapsidee. Denn die Mächtigen setzen derzeit genau auf das Gegenteil – und wollen so viel Öl wie möglich fördern, um den Preisverfall zu kontern. Und so kommt es, dass Russland – genauso wie Saudi-Arabien und die USA – seine Ölförderhähne bis zum Anschlag aufgedreht hat.

Mehr zum Thema: Russland und die Opec - Gefangen im Öl-Förderwahn

Die Strategie lautet also: Mehr fördern, um trotz niedrigen Ölpreises die Einnahmen einigermaßen hoch zu halten. Moskau weiß sehr wohl, dass man damit die Misere zugleich auch verstärkt – weil man ja den Preis durch die Politik des offenen Hahns selbst drückt. Die logische Folge wäre eine Förderkürzung.

Doch das geht nur zusammen mit anderen Petrostaaten, sonst gleichen diese das Minus einfach wieder aus. Russland steckt also in einem großen Dilemma: Viel fördern oder wenig fördern – das ist die Frage. Beide Antworten sind ruinös. Es gäbe einen Ausweg, doch dazu benötigt Putin die Hilfe des Ölgiganten Saudi-Arabien.

Keine Drosselung absehbar

Im Januar hat Russland, weltweit drittgrößter Ölproduzent, rund 46 Millionen Tonnen aus dem Boden geholt, so viel wie seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr. Auch schon im Jahr 2015 wurde auf postsowjetischem Rekordniveau gefördert – insgesamt 534 Millionen Tonnen.

Beim Export zeigt sich ein ähnliches Bild. Im Vorjahr schnellten die Ölausfuhren um neun Prozent auf knapp 230 Millionen Tonnen nach oben. Zwei Drittel davon flossen nach Europa. Zuletzt gab es Andeutungen, dass es zu einer Wende kommen könnte. Russland wolle mit anderen Ölmächten gemeinsam die Förderung kürzen, um den Preis zu stabilisieren, hieß es von Regierungsvertretern.

Doch den Worten folgten keine Taten. Das Nichtstun hat Tradition: Auch früher hatte sich Russland stets ferngehalten, wenn es um gemeinsame Förderdrosselung ging. Diverse Treffen mit der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) hatten eher beratenden Charakter, waren geprägt von gegenseitigem Misstrauen – und blieben praktisch immer ergebnislos.

600 Milliarden Dollar Verlust seit 2014

Dabei drängt die Zeit. Russlands Wirtschaft ist in der Rezession. Sie leidet nicht nur durch den Ölpreis, sondern auch unter den westlichen Sanktionen. Die Sanktionen wiederum verschärften die Wirkung des Ölpreisverfalls, sagt Jewsej Gurwitsch von der "Gruppe der Wirtschaftsexperten", einem Forschungszentrum, das auch die Regierung berät. Insgesamt verliere Russland zwischen 2014 und 2017 etwa 600 Milliarden Dollar, von denen zwei Drittel vom Ölpreis verursacht seien.

Dass Moskau nicht bremst bei der Förderung, hat mancherorts auch technische Gründe: Russland habe einfach nie absichtlich die Förderung gedrosselt, weil es bei einem Teil der Bohrtürme – aufgrund der Kälte – schwierig sei, die Produktion dann wieder hochzufahren, sagt Alexej Kokin, Analyst der Investmentgesellschaft Uralsib. Bald könnte es aber auch ohne das Zutun des Kreml zu einer Förderdrosselung kommen.

Denn derzeit wird Öl noch immer vorwiegend aus Feldern in Westsibirien und im Ural-Wolga-Gebiet gepumpt. Diese wurden in den 60er- bis 80er-Jahren entdeckt und erschlossen. Viele Firmen begnügen sich damit, vorerst konventionelles Öl aus Feldern auf dem russischen Festland zu fördern. Denn das ist noch profitabel: Um Geld zu verdienen, reicht hier ein Ölpreis von 25 bis 30 Dollar je Barrel.

Neue Projekte hingegen liegen auf Eis. Eigentlich sollten in diesem Jahr neue Ölfelder in Betrieb genommen werden. Die Förderung sollte um neun bis zehn Millionen Tonnen steigen. Doch laut Maxim Moschkow, Analyst bei der Schweizer Großbank UBS, zögern die Ölfirmen die Inbetriebnahme hinaus.

Neue Projekte liegen auf Eis

Zukunftsprojekte stehen komplett infrage: Die Erschließung und Ausbeutung unkonventioneller Ölressourcen – Ölsande, Schieferöl und arktische Tiefwasservorkommen – rechnen sich erst ab einem Ölpreis von etwa 50 Dollar. Das Ausfuhrverbot für westliche Ölausrüstungen führt zudem dazu, dass solche Vorhaben technologisch gar nicht zu stemmen sind.

Doch ohne neue Quellen wird die Förderung automatisch sinken. Der natürliche Rückgang der Förderung beträgt derzeit fünf bis sechs Prozent pro Jahr, sagt Maxim Moschkow, Analyst bei der Schweizer Großbank UBS. In den seit Jahrzehnten ausgebeuteten Feldern Westsibiriens liege das Minus bei mehr als zehn Prozent.

Doch auch ein solch großes russisches Minus allein kann den Ölpreis nicht stabilisieren – wenn die weltgrößte Ölmacht Saudi-Arabien weiter am Anschlag fördert. Doch selbst wenn Russland wollte, könnten die Saudis wenig Interesse an einem koordinierten Vorgehen mit Moskau haben, glaubt Vasili Tanurkov, Analyst bei Veles Capital.

Verlust der dominierenden Rolle

"Die Logik der Saudis könnte sein: Wozu sich mit einem Russland einigen, dem ohnehin ein natürlicher Förderrückgang bevorsteht?" Ob das Förderminus wirklich so schnell und in einem solchen Ausmaß eintritt, wie die Saudis dies vielleicht insgeheim hoffen, ist nicht ausgemacht. Aber es wird eintreten.

Und dann wäre Russland gezwungen, nach neuen Strategien zu suchen. "Wenn als Folge eines lange anhaltenden niedrigen Ölpreises nur wenig in unkonventionelle Vorkommen investiert werden wird, wird die Gesamtförderung abnehmen und die Ölwirtschaft Russlands allmählich ihre die Volkswirtschaft dominierende Rolle verlieren", prophezeit der ehemalige Osteuropaexperte der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin, Roland Götz. "Dies kann Anstoß für die erwünschte Diversifizierung der Volkswirtschaft 'weg vom Öl' geben."

Es wäre ein anderes Russland – ganz nach dem Geschmack des Oppositionspolitikers Pacholkov ein aus der Asche wiedererstandener Phönix. Die Frage ist nur, ob das so lange an die sprudelnden Ölmilliarden gewöhnte Land sich und seine Wirtschaft tatsächlich neu erfinden kann.

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